Modellprojekt für alleinstehende Mütter und Väter war erfolgreich

Alleinerziehende haben es schwerer

02.08.2018, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel (1-2), Pressestelle Bezirksamt Lichtenberg (3-6). Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Lichtenberg/Hohenschönhausen. Die familiären Mühen des Alltags, die sich sonst zwei Erziehungsberechtigte teilen können, müssen Mütter und Väter, die ihre Kinder ohne Partner großziehen, ganz alleine schultern. Diese Last kann schwer wiegen. Haushalt, Behördengänge, Arztbesuche, Beschäftigung und die liebevolle Fürsorge für die Kinder, Kitaplatzsuche und, und, und.

Die Wiederaufnahme der früheren Beschäftigung oder die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz scheinen da manchmal schier unmöglich. Viele Arbeitgeber haben Vorbehalte, Alleinerziehende einzustellen. Sie sehen nur das Risiko von Ausfallzeiten aufgrund der elterlichen Pflichten. Zum Beispiel dann, wenn das Kind krank wird und Mutter oder Vater zu Hause bleiben muss. So sind die Kleinfamilien häufig außen vor – erst auf dem Arbeitsmarkt, dann gesellschaftlich. Alleinerziehende sind öfter als andere auf Transferleistungen angewiesen. Je länger es dauert, desto mehr stecken sie in den Verhältnissen fest.

In Lichtenberg leben derzeit 9.078 Alleinerziehende mit ihren Kindern. Rund die Hälfte ist auf die Bezüge des sogenannten Arbeitslosengeldes II angewiesen. In Neu-Hohenschönhausen Nord betrifft das 40 bis 45 Prozent der Haushalte. Dreiviertel aller Kinder sind von Transferleistungen abhängig.

Befähigung, Verantwortung und Power

Anfang 2018 hatte der Bezirk ein Projekt mit Modellcharakter ins Leben gerufen, das helfen soll: „Empowerment, Vernetzung und Unternehmenszugänge für Alleinerziehende Eltern (AE)“, so der etwas sperrige Name. Der Bezirk will die Single-Eltern mehr unterstützen, sie in Arbeit bringen und dazu befähigen, ihre gesamte eigene Lebenssituation stärker in den Blick zu nehmen.

15 Teilnehmerplätze hatte das Projekt. Zwölf Alleinerziehende konnten für eine Teilnahme gewonnen werden. Am Ende hielten neun durch. Trotzdem wertet Majel Kundel, Projektleiterin und Gleichstellungsbeauftragte im Bezirksamt, die Sache als vollen Erfolg. „Diese neun Teilnehmenden haben während der 20-wöchigen Projektzeit einen Arbeits- bzw. Ausbildungsplatz gefunden oder ihre Bewerbungen geschrieben“, sagt sie. „Und sie wissen ganz genau, wie es weitergehen soll.“

Coaching für den Alltag

Während der 20 Workshops wurde bei Bedarf für die Betreuung der Kinder gesorgt. Die Teilnehmer sind sich ihrer individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten bewusster geworden. Die vermittelten Kenntnisse, unter anderem zum Kindschafts- und Umgangsrecht, zu finanzieller Unterstützung und Beratung, werden für die Zukunft nützlich sein. Die Mütter und Väter lernten, wie man Krisensituationen besser bestehen und bewältigen kann, wie Familie und Beruf durch Zeitmanagement in den Griff zu bekommen sind, wie Entspannungsphasen geplant werden können. Bewerbungstraining sowie Eigenpräsentation gegenüber möglichen Arbeitgebern waren weitere wichtige Punkte.

„Lichtenberg ist der einzige Bezirk mit ergänzender Kinderbetreuung“

Für die Alleinerziehende Nathalie Freund wurde im Rahmen des Projektes organisiert, dass ein Mal pro Woche jemand vom Familienzentrum zu ihr nach Hause kommt und für fünf Stunden ihren kleinen Sohn betreut. So hatte Nathalie endlich auch mal Zeit für sich, für einen Arztbesuch und um sich für eine neue Arbeitsstelle zu bewerben. Es hat geklappt! Bald kann sie ihren neuen Job in der Verwaltung antreten. Die Neuorientierung war dringend, denn der Fahrweg zur alten Arbeitsstelle und zurück ist sehr weit. „Das würde nicht funktionieren“, sagt die Mutter, „denn bis 17 Uhr muss ich mein Baby abholen, dann schließt die Kita.“

Bürgermeister Michael Grunst (Linke) erklärt, dass „Lichtenberg der einzige Berliner Bezirk ist, der eine ergänzende Kinderbetreuung außerhalb der Kita-Öffnungszeiten anbietet.“ Mit 125.000 Euro fördert der Bezirk die flexible Kinderbetreuung. 200.000 Euro lässt sich Lichtenberg die Unterstützung von Alleinerziehenden kosten. Einmal monatlich tagt zudem die Arbeitsgruppe „Alleinerziehende“ im Bezirksamt, um Probleme zu besprechen und an Lösungen zu arbeiten.

Zum ersten Mal im Urlaub verreist

Marco Große hat zwei Söhne im Alter von neun und zehn Jahren. Einer besucht die Musikschule. Auch der Vater erzieht seine Kinder alleine und muss die kleine Familie bislang mit Transferleistungen über Wasser halten. „Die Schulgebühren hauen ganz schön in die Haushaltskasse“, sagt er. Für Extras bleibe da nichts übrig. Im Rahmen des Projektes wurden 90 Prozent des Schulgeldes einmalig übernommen. „Dadurch konnten wir für 70 Euro zum ersten Mal für einige Tage zum Frauensee in den Urlaub fahren.“ Marko Große hat über das Jobcenter Lichtenberg eine Umschulung zum Erzieher vermittelt bekommen. Es handelt sich um eine berufsbegleitende Ausbildung in der Kita „Ahrenshooper Spatzen“, Ahrenshooper Straße.
Zwei Beispiele von neun Projektteilnehmern. Neun von 9.000 Alleinerziehenden. Aber “Empowerment” soll und kann Schule machen.

IKEA zeigt sich familienfreundlich

Die Projektverantwortlichen haben viele Unternehmen in Lichtenberg angeschrieben, baten um Mitwirkung, Information und Kooperation. „Wir wollten Unternehmen aufschließen, damit sie die Chance erkennen, die im Wiedereinstieg von Alleinerziehenden in den Arbeitsmarkt liegt“, sagt Margaretha Müller von der Selbsthilfeinitiative Alleinerziehender (SHIA). Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in familienfreundlichen Firmen seien wesentlich höher motiviert, Leistungen zu erbringen. – Die einzige positive Antwort kam von IKEA. Michael Grunst sagte zu, das Projekt und dessen Anliegen dem Wirtschaftskreis Hohenschönhausen-Lichtenberg (WKHL) vorzustellen.

„Wir wollen das Projekt 2019 gerne weiterführen“, erklärt die Projektleiterin Majel Kundel. Ob es dazu kommt, hängt nicht zuletzt davon ab, ob der Senat entsprechende Gelder bereitstellt.

 

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