Zum Kinostart des Films „Gundermann“ von Andreas Dresen

Alle waren in der „Kiste“

23.08.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Hellersdorf. Am heutigen Donnerstag, 23. August, kommt der Film „Gundermann“ von Andreas Dresen in die Kinos (lesenswert ist das Interview, das der Regisseur der Berliner Zeitung gab!) Bei vielen, die die Wende- und Nachwendejahre in der DDR erlebten, werden bei diesem Streifen wohl Erinnerungen wach werden. An ein verschwundenes Land, an Heimat, die es so nicht mehr gibt. Sie ist noch immer da, aber anders.

Ein Baggerfahrer, der Lieder schrieb

Gundermann, ein Baggerfahrer, der Lieder schrieb, feinsinnig und berührend, war mit seiner Band „Seilschaft“ einer der prägenden Musiker der Nachwendezeit. Politisch heftig umstritten, als Mitglied der SED wegen unerwünschter Meinung ausgeschlossen, dann doch in ihren Reihen weiter gelitten (nach einer strengen Rüge), danach wieder ausgeschlossen, von der Stasi angeworben. 1995 outete er sich auf der Bühne in einem Konzert. Mit nur 43 Jahren starb Gerhard „Gundi“ Gundermann, der trotz seiner vielen Konzerte immer noch als Baggerfahrer in der Lausitzer Braunkohle arbeitete, am 21. Juni 1998. Im Film wird er von Alexander Scheer gespielt.

Verbindungen zu Hellersdorf

Sowohl Gundermann als auch Dresen und Scheer hatten in der Zeit vor und nach der Wende Verbindungen zu Hellersdorf. Das Solokonzert zur Eröffnung der heutigen “Kiste” als Jugendclub Heidenauer Straße im April 1989 gab Gundermann. “Kisten”-Chef Fred Schöner erinnert sich zwar nicht mehr an den genauen Tag. Er weiß jedoch, dass Iris Krömling, die damals dort den Jugendclub leitete und heute im Bezirksmuseum tätig ist, den Künstler eingeladen hatte. Und natürlich war er selbst auch bei diesem Konzert dabei. Schöner wirkte damals als Abteilungsleiter Programmgestaltung im neuen Kreiskulturhaus Hellersdorf und hatte bereits 1988 einen Filmclub ins Leben gerufen. Nach der Wende ging daraus der Steinstatt e.V. hervor, der gemeinnützige Trägerverein der heutigen „Kiste“. Diese widmete sich der soziokulturellen Arbeit mit zahlreichen Projekten für Kinder und Jugendliche. Heute kommen zu den Konzerten der „Kiste“ (und auf der Parkbühne Biesdorf) Menschen aus allen Teilen Berlins und sogar darüber hinaus. Die Einrichtung zählt zu den besten Independent Programmkinos der Stadt und wurde insbesondere für ihre Kinder- und Jugendarbeit mit zahlreichen Preisen geehrt.

Regisseur stellte seine Studentenfilme vor

„Gundermann“-Regisseur Andreas Dresen (u.a. „Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“, „Als wir träumten“) hat ebenfalls einen „Kisten“-Bezug. „Er hat dort bereits als Student seine Kurzfilme zur Diskussion gestellt, 1989 und auch danach“, erinnert sich Fred Schöner. Dresen, mittlerweile einer der bekannten deutschen Regisseure, spendete im Jahr 2011 wie viele andere Unterstützer, als dem Verein Steinstatt e.V. die Zuwendungen durch den Bezirk gekürzt worden waren und dieser um sein Überleben und das des kleinen Kinos kämpfte. „Er war mehrfach in den vergangenen Jahren bei uns und hat seine Spielfilme vorgestellt und mit dem Publikum diskutiert“, erzählt Schöner. Ein wenig enttäuscht ist er, dass Dresen diesmal eine Einladung ausschlug. Was aber weniger mit dem Filmemacher als mit dem Verleih und dem Musikproduzenten zu tun habe, sagt Schöner. „Vielleicht klappt es ja wieder, wenn wir im kommenden Jahr 30 Jahre ‚Kiste’ feiern.“

Hauptdarsteller im „Kisten“-Keller

Auch Hauptdarsteller Alexander Scheer hat Hellersdorf-Erfahrung. Er gehörte Anfang der 1990er-Jahre zu einem Team um André Jagusch, heute freischaffender Regisseur. Jagusch war damals Zivildienstleister. Ihm wurde ein Videoschnittplatz in einem „Kisten“-Kellerclub eingerichtet. Solche Clubs für Kids wurden damals von den Wohnungsbaugesellschaften in Kellern von Plattenbauten geschaffen, um jungen Hellersdorfern mangels anderer Einrichtungen Räume für die Freizeitgestaltung zu bieten. „Die Kids um André Jagusch haben Kurzfilme gedreht, die auch bei uns aufgeführt wurden“, berichtet Schöner. Einmal hätten sie es dabei auch mit der Polizei zu tun bekommen. Denn sie filmten eine Verfolgungsjagd auf Dächern der Frankfurter Allee. „Die Pistolen aus Pappe waren selbstgebastelt.“ Ob Alexander Scheer dabei war, kann der „Kiste“-Chef nicht sagen, auch nicht, wie er zum jungen Filmteam kam. „Es ist doch ganz schön lange her“, sagt Schöner.

Film läuft drinnen und draußen

Filme oder Fotos aus dieser Zeit müsste es eigentlich geben. Aber die Zeit genommen, sie herauszusuchen, hat sich noch keiner. Zu klein ist das Team der „Kiste“, das ja nicht nur den Veranstaltungsbetrieb an der Heidenauer Straße, sondern auch auf der Parkbühne Biesdorf stemmen muss. In beiden Einrichtungen wird „Gundermann“ übrigens zeitgleich gezeigt: Ab dem 6. September ist er sowohl in der „Kiste“ als auch auf der romantischen Freilichtbühne im denkmalgeschützten Schlosspark zu sehen.

Weitere Infos zum Konzert- und Filmprogramm der Parkbühne hier…

 

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