Zweite Chance für Alice-Salomon-Platz

Visionen und Ideen gesucht

29.10.2019, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding

Hellersdorf. Keine zehn Jahre nachdem der letzte Pflasterstein verlegt wurde, könnte sich das Aussehen des Alice-Salomon-Platzes wieder verändern. Auf Initiative des Bezirksamtes soll das gut ein Hektar große Areal im Zentrum „Helle Mitte“ vor allem an Attraktivität und Aufenthaltsqualität gewinnen. Eine wichtige Rolle spielen dabei Anwohner, Gewerbetreibende und anliegende Einrichtungen. Von ihnen erhofft man sich Ideen und Visionen für einen der wichtigsten Plätze im Bezirk.

“Abends sind hier die Bürgersteige hochgeklappt”

Eine junge Mutter schiebt zügig ihren Kinderwagen über den Platz, während ein Radfahrer an ihr vorbeifährt. Zwei Mitarbeiter einer Tierschutzorganisation versuchen ihr Glück, mit potenziellen Tierfreunden ins Gespräch zu kommen, während in der nahen Peter-Weiss-Gasse die Händler des Wochenmarktes ihre Wagen in Lieferwagen verfrachten. Stehenbleiben möchte an diesem sonnigen Nachmittag niemand der zahlreichen Passanten.

Es ist Feierabendzeit auf dem Alice-Salomon-Platz – und man wird das Gefühl nicht los, dass es alle irgendwie eilig haben. Denn wirklich einladend wirkt das fast 11.000 Quadratmeter große Areal nicht. „Abends sind hier die Bürgersteige hochgeklappt“, berichtet Anwohnerin Margot Reim. „Hellersdorf ist tot, hier lohnt sich nicht einmal ein Schaufensterbummel.“

Nach fünf Jahren war der Investor pleite

Dabei war alles mal ganz anders geplant, LiMa+ berichtete. Denn der Alice-Salomon-Platz ist quasi das Herzstück von Hellersdorf. Er entstand zusammen mit dem Zentrum „Helle Mitte“ Ende der 1990er-Jahre und sollte eine große Lücke zwischen den Wohnhäusern schließen, die einst entlang der Hellersdorfer Straße, der Stendaler Straße und der Riesaer Straße entstanden. Viel Geld floss in die Entwicklung des Quartiers mit rund 800 Wohnungen, fast 100 Geschäften, neuen Straßen, kleinen und großen Plätzen. Doch keine fünf Jahre nach der Fertigstellung des Viertels ging der Investor pleite, verabschiedeten sich große Handelsketten und mittelständische Ladenbesitzer vom Standort. Gewerbemieter kamen und gingen wieder – auch wegen der Konkurrenz des nahen KaufPark Eiche, der sich in nicht einmal zwei Kilometer Entfernung auf Brandenburger Seite befindet. Doch es wäre unredlich, den Platz als „tot“ zu bezeichnen: Kleine und große gastronomische Betriebe halten sich ebenso wacker wie Freizeit- und Sporteinrichtungen, Kliniken und Ärztehäuser. Das Bezirksamt betreibt am Platz das Rathaus von Marzahn-Hellersdorf, während auf der gegenüberliegenden Seite jeden Tag Hunderte Studierende in die Alice-Salomon-Hochschule strömen. „Der Alice-Salomon-Platz  lädt nicht zum Verweilen ein, er ist eher eine Transitstrecke“, lautet das Urteil von Heinz Kurzidim, der seit 1989 im Kiez wohnt.

Mitreden über die Zukunft des Kiezes

Reim und Kurzidim engagieren sich zusammen mit 18 anderen Akteuren im „Quartiersrat Hellersdorfer Promenade“ und wollen mitreden, wenn es um die Zukunft ihres Kiezes geht. Das sehen die beiden Landschaftsarchitekten Claudia Zimmermann und Florian Birke sowie der Raumplaner Holger Scheibig gern. Sie sind vom Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf beauftragt, Ideen für den Alice-Salomon-Platz zu entwickeln, um diesen zu beleben. Dafür sammeln sie nun vielerorts Vorschläge: beim Bezirksamt, in der Alice-Salomon-Hochschule und letztlich auch bei Anwohnern und Gewerbetreibenden. Vor kurzem luden sie zu einem Vor-Ort-Termin ein, der mit einer guten Bestandsaufnahme endete. „Die zentrale Frage lautet: Was kann man machen, um Leben auf den Platz zu bringen“, sagt Holger Scheibig. „Daher wollen wir wissen, wo der Platz Qualitäten hat und was nicht funktioniert.“ Es verwundert kaum, dass am Ende deutlich mehr Mängel ins Protokoll aufgenommen werden als Vorzüge. Doch auch diese gibt es. Aus Straßenumfragen geht hervor, dass insbesondere die Weite des Platzes als ein Vorteil eingestuft wird.

Straße zerschneidet das Gebiet

Ein Hauptproblem ist die Stendaler Straße: Sie „zerschneidet“ den Platz, ist aber eine wichtige Verbindungsachse in die Wohngebiete. Der Verkehr sorgt für Lärm. Außerdem ist es so gut wie nicht möglich, die Straße innerhalb einer Ampelschaltung komplett zu überqueren. Die wenigen Sitzgelegenheiten werden von den Anwohnern ebenso moniert wie das fehlende Grün: Gerade einmal sechs Bäume wurden einst gepflanzt, darum Sitzgelegenheiten auf Beton-Einfassungen. Ansonsten ist der Platz geprägt von weiten gepflasterten Flächen und einem kleinen Brunnen. „Hier fehlt eindeutig Flair“, sagt Margot Reim. Sportangebote für Jugendliche sucht man vergebens, ebenso Spielmöglichkeiten für Kinder. „Der Platz ist in Gänze kalt“, fasst ein Teilnehmer der Begehung zusammen.

Viele neue Ideen – doch was ist machbar?

Immerhin, Ideen gibt es viele, wie sich nach dem Termin mit Anwohnern und Anliegern herausstellt: Denkbar wäre ein Café-Pavillon, auch könnten Sitzgelegenheiten attraktiver angeordnet werden. Der Künstler Berbo Thierfelder würde auf dem Alice-Salomon-Platz gern mehr erleben als nur die regelmäßigen Rummel-Veranstaltungen – und kann sich gut vorstellen, dort zeitweise Kunstaktionen und Kunstfeste zu gestalten. Eine weitere Idee wäre, den Wochenmarkt wieder aus der Seitenstraße auf den Platz zu holen. Vertreter der Polizei regen an, auch das Beleuchtungskonzept zu überdenken und nicht nur auf Laternen am Platzrand zu setzen. Eine kleine Bühne, auf der sich jeder verwirklichen kann oder eine Open-Air-Galerie fließen ebenfalls als Vorschläge ein. Selbst die Idee, mobile Hochbeete aufzustellen, finden Zuspruch. Als zum Abschluss der Begehung alle noch einmal an einem Tisch setzen, zaubert eine der Teilnehmerinnen sogar eine eigene Ideenskizze aus der Tasche: Zwei Stunden habe sie daran gesessen. „Wie wäre es denn, wenn man Bänke so aufstellt, dass man U-Bahn gucken kann“, fragt sie in die Runde. Denn die Trasse der U5 führt direkt am Platz vorbei.

In den kommenden Tagen wollen die Landschaftsarchitekten und der Raumplaner die Ideen auswerten, abwägen und schauen, wer welche Interessen verfolgt. Ziel sei es, dem Bezirksamt bis Anfang kommenden Jahres verschiedene Varianten vorzuschlagen, den Platz kurz-, mittel- und langfristig zu beleben.

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