Der Mangel an Kinderärzten führt in Lichtenberg zu vollen Praxen

Akkordarbeiter mit Stethoskop

22.05.2019, Marcel Gäding

Fotos Marcel Gäding. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Hohenschönhausen. Auf dem Bildschirm von Dr. Steffen Lüder stehen alle wichtigen Informationen. Gleich ist der vierjährige Karsten an der Reihe. Bevor er ins Behandlungszimmer gerufen wird, muss er von seiner Mutter im Vorzimmer ausgezogen werden. Das spart gut eine Minute. Zeit ist ein hohes Gut in der Kinderarztpraxis des 52-jährigen Mediziners.

Schokobonbon als „Trostpflaster“

Karsten hat einen Termin. Eine der für Kinder vorgeschriebenen Untersuchungen, die mit einem U und einer Ziffer abgekürzt werden. Dieses Mal ist die U8 dran. Dr. Steffen Lüder nimmt seinen Patienten in Empfang und setzt ihn auf die Behandlungsliege. Dort hat er eine Tafel mit Bildern, zu denen der Kleine nun die Begriffe nennen soll. Weil der Junge Deutsch und Englisch spricht, geht er mit ihm die Worte in beiden Sprachen durch. Danach folgen Sehtest, Abhören mit dem Stethoskop, Überprüfung der Motorik, Maß nehmen am Kopf, etc. Diagnose: alles bestens! Nur die Impfung am Ende bringt den munteren Karsten dann doch zum Weinen. Lüder entspannt die Situation mit einem Schokobonbon, was seinem kleinen Patienten mit dem tränenverschmierten Gesicht ein Lächeln entlockt. Alles andere sind Formalien: Stempel ins Untersuchungsheft, Einträge in die digitale Patientenakte.

Lichtenberger durch und durch

Dr. Steffen Lüder hat sich 2008 mit einer Kinderarztpraxis im Gesundheitszentrum am Prerower Platz niedergelassen. Dass er einmal Kinderarzt wird, war zunächst nicht geplant. Nach der Wende wurde der Biologe arbeitslos und entschloss sich, 1994 ein Medizinstudium aufzunehmen. Es folgten Promotion und Facharztausbildung im inzwischen geschlossenen Kinderkrankenhaus Lindenhof. Er hätte sich auch in einem der besser betuchten Bezirke niederlassen können. Doch Lüder ist Lichtenberger durch und durch. Er mag den Menschenschlag im Bezirk, findet auch im größten Stress noch in bestem Berliner Dialekt mal ein paar persönliche Worte für seine großen und kleinen Patienten. Überhaupt ist der Kinderarzt jemand, der nicht um den heißen Brei redet.

Fünf Minuten pro Patient

Bei der Früherkennungs-Untersuchung soll es an diesem Tag nicht bleiben. Innerhalb von viereinhalb Stunden zählen Dr. Steffen Lüder und seine medizinische Fachangestellte 46 Patienten. Es geht Schlag auf Schlag. Der Kleinste ist gerade einmal sechs Monate alt, der Älteste 18 Jahre. Einer klagt über Muskelkater nach einem Fußballspiel („Das ist keine Krankheit, sondern eine Erscheinung!“), ein anderer hat Bauchschmerzen und Durchfall. Im Schnitt bleiben dem Mediziner fünf Minuten pro Fall und Patient. Um die Abläufe effektiv zu gestalten, füllen Eltern vorab Fragebögen aus oder erfasst seine Assistentin im Vorzimmer alle für die Behandlung notwendigen Informationen, die ihm in Echtzeit auf dem Bildschirm seines Computers angezeigt werden.

Patientenzahlen binnen zehn Jahren verdoppelt

Es ist gut, dass an Dr. Steffen Lüder auch ein Statistiker verloren gegangen ist. Seit Eröffnung seiner Praxis pflegt er seine Excel-Listen, erfasst dort Fallzahlen – sortiert nach Quartalen, heruntergebrochen auf jeden einzelnen Behandlungstag. Und diese Tabellen offenbaren das Problem bei der medizinischen Versorgung. Betreute die Kinderarztpraxis im ersten Quartal 2010 noch 1.070 Patienten, waren es im Vergleichszeitraum 2019 bereits 1.873. Die Zahl der Hilfesuchenden verdoppelte sich nahezu. Hat Lüder eine bestimmte Patientenanzahl überschritten, sinkt der Vergütungssatz, den ihm die Kassenärztliche Vereinigung einräumt. Und das ist nicht das einzige Problem.

Reißleine aus Fürsorgepflicht für Beschäftigte

Weil sich die Fallzahlen so drastisch erhöht haben, musste Lüder Anfang April die Reißleine ziehen. Er behandelt nur noch Patienten aus den drei Postleitzahlgebieten rund um seine Praxis. Anfragen aus anderen Regionen müssen er und seine Mitarbeiterinnen abweisen, was nicht immer auf Verständnis stößt. Aber es geht nun mal nicht anders. Am Ende ist er schließlich auch Chef mit Personalverantwortung und Fürsorgepflicht für seine Beschäftigten. Er selbst bezeichnet sich mit einem Augenzwinkern als Akkordarbeiter oder Fünf-Minuten-Mediziner. Galgenhumor ist eine Eigenschaft, die sich bei dem Treffen mit dem Kinderarzt schnell offenbart. „So gut es geht, versuchen wir den Mangel zu verwalten“, erklärt er dann aber ganz im Ernst.

„Wir brauchen Ärzte, finden aber keine“

Dass die Kinderarztpraxis an manchen Tagen von bis zu 100 Patienten aufgesucht wird, wundert den Hobbystatistiker nicht. Er holt zum Beweis einen Aktenordner aus dem Schrank. Im Jahr 2008 waren in Lichtenberg gut 32.000 Menschen zwischen 0 und 18 Jahren gemeldet, im Jahr 2018 überschritt ihre Zahl die 45.000er-Marke. „Das ist ein Drittel mehr“, sagt Lüder. Eine mehr als 20 Jahre alte Richtlinie sieht für 2.405 Kinder einen Kinderarzt vor. In Lichtenberg praktizieren derzeit 22 Kinder- und Jugendmediziner. Das klingt erst einmal gut, denn statistisch ist der Bezirk „überversorgt“. Doch im Alltag offenbaren sich die wahren Probleme. Viele Kollegen arbeiten weit weniger, berichtet Lüder. Andere sind eigentlich schon im rentenfähigen Alter. Und es wird immer schwieriger, Nachwuchs zu finden. „Wir bräuchten Ärzte, finden aber keine“, sagt er. Das Problem dürfte sich in absehbarer Zeit verschärfen, denn viele junge Mediziner setzen inzwischen auf eine Festanstellung. 80 Prozent der Absolventen sind weiblich und favorisieren Teilzeitmodelle. „Die Wochenarbeitszeit der Kollegen wird weniger werden“, schätzt Lüder, der auch stellvertretender Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V. ist. Die praktizierenden Kollegen werden zudem mit einem immer weiter steigenden Spektrum an Leistungen und Aufgaben konfrontiert. Letztlich sorgen auch übervorsichtige Kita-Mitarbeiter für volle Wartezimmer, in dem sie Kinder wegen jedes Wehwehchens zum Kinderarzt schicken – oftmals Lappalien, die mit einem Pflaster selbst behandelt werden könnten. Das raubt den wirklich ernsten Fällen wertvolle Zeit.

Bei Bauvorhaben die Praxen mitplanen

Dabei wäre es eigentlich ganz einfach, die medizinische Versorgung zu verbessern. Einerseits müssten mehr junge Menschen für ein Medizinstudium motiviert werden. Andererseits müssten finanzielle Anreize geschaffen werden. In Lichtenberg spricht sich Dr. Steffen Lüder für mietfreie Räume aus oder für günstige Mieten. Auch sollten Wohnungsunternehmen verpflichtet werden, Gewerberäume zu schaffen, in denen sich dann auch Mediziner verschiedener Fachrichtungen niederlassen könnten. „So etwas muss mit den Bauvorhaben gleich mitgeplant werden.“

Den Spaß an der Arbeit hat Lüder trotz aller Widrigkeiten nicht verloren. Im Gegenteil. Vielleicht liegt es auch daran, dass er viele seiner Patienten vom Kleinkindalter an betreut. Sie im Stich zu lassen, käme ihm nicht in den Sinn.


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