Ab April wird Bier gebraut

09.03.2014, Birgitt Eltzel

Foto: Emmanuele Contini. Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken.

Marzahn. Peter Kenzelmann zeigt Fotos von großen, blitzblanken  Edelstahlbehältern. Die sollen in den nächsten Tagen an die Alte Börse in Marzahn geliefert werden – der Grundstock für die eigene Brauerei, die im früheren Börsengebäude entsteht. Das lässt der 43-Jährige gerade sanieren, im großen Saal wird es künftig Events geben, auch dazu soll ab April das  Bier fließen. In einem Biergarten, der noch hergerichtet werden muss, wird die Eigenkration ebenfalls serviert. “Marzahner” hat Kenzelmann das Gebräu genannt, nach seiner Kenntnis wird es das erste Bier überhaupt sein, das in Marzahn gebraut wurde. Es soll nicht das einzige bleiben, das auf dem Gelände an der Beilsteiner Straße produziert wird. “Zu unserem Brauzentrum wird außerdem eine junge Brauerei gehören, die Craft Beer herstellt.” Craft Beer ist rein handwerklich gemachtes Bier, das immer beliebter wird.

Tacheles in Marzahn
Der 43-Jährige Kenzelmann war Mitbegründer des DDR-Museums, Karl-Liebknecht-Straße 1 in Berlin-Mitte und betreibt den Heragon-Verlag, der sogenannte Lernkarten herausbringt. Im vergangenen Jahr hat der studierte Soziologe einen großen Teil des früheren Magerviehhofs an der Beilsteiner Straße, der später als Gefangenen- und Militärlager diente, gekauft. Er will das 30.000 Quadratmeter große Areal mit etlichen denkmalgeschützten Häusern, das seit der Wende weitgehend brach lag, zu einem Treffpunkt für Künstler, Handwerke und Kreative entwickeln. Ein Coup gelang ihm im Sommer vergangenen Jahres als viele der zwangsgeräumten Tacheles-Künstler in die Alte Börse zogen. Die berühmten großen Metallbuchstaben, das Symbol des abgewickelten Kunsthauses in Mitte, lagern seitdem in Marzahn.

Unkomplizierte Organisation
Roman Hillmann, ehemaliger Fernsehredakteur, und seine Lebensgefährtin Ankelina Möller, Fotografin und Tacheles-Künstlerin, hatten den Umzug aus der City auf das noch etwas wild aussehende Gelände unweit des S-Bahnhofs Friedrichsfelde Ost initiiert. Der umtriebige Hillmann, der ausgesprochen gut netzwerken kann, agiert seitdem quasi als PR-Manager für das Projekt Alte Börse. Nicht zuletzt ihm ist es zu verdanken, dass es im vergangenen Jahr als ein kommender Place to be in Berlin Schlagzeilen machte. Und im Dezember bewies er wie schnell und unkompliziert man eine Weihnachtsfeier für 250 Schul- und Flüchtlingskinder organisieren kann. Diese besuchten auf Initiative von Möller und Hillmann kostenlos eine Theatervorstellung im Maxim-Gorki-Theater, die BVG sponserte das Projekt – sie stellte gratis vier Busse für den Transport zur Verfügung.

Stadträtin mietet privates Büro
Inzwischen sind die großen Schlagzeilen zwar weniger geworden, dafür ist nun umso besser auf dem Gelände zu beobachten, dass sich dort wirklich etwas tut. Etwa 100 Künstler und Handwerker haben sich schon eingemietet, zu günstigen Konditionen bis 7 Euro warm pro Quadratmeter. Nicht nur die Tacheles-Leute sind da, auch andere haben Ateliers bezogen – Maler beispielsweise, Gold- und Silberschmiede, Cembalobauer, Schreiner, Keramiker, ein Marionettenbauer und eine Filmfirma. “Berlin Lacht”, das Straßentheater, zieht direkt vom Kater Holzig zur Alten Börse nach Marzahn. Auch Marzahn-Hellersdorfs Kulturstadträtin Juliane Witt (Die Linke) hat kürzlich in einem der Backsteinhäuser ein Büro eröffnet. Sie hat es rein privat gemietet: “Es fließt kein öffentliches Geld dafür”, sagt sie. „Ich finde es wichtig, direkt vor Ort teilzuhaben, wenn ein kultureller Standort in Marzahn entsteht. Hier ein Bürgerbüro zu haben und damit auch ansprechbar für die Künstler zu sein, war mein Motiv.“ Die Alte Börse sei ein spezieller Ort, den man gut als Ideenschmiede nutzen könne. Sie würde dort gern in ungezwungener Atmosphäre Bürgersprechstunden anbieten, vielleicht auch jeden letzten Freitag nach Feierabend ein Kulturcafé – “vor dem Haus kann dann bei schönem Wetter auch gegrillt werden”.

Überall wird gebaut
Kenzelmann rechnet mit Kosten von rund 4,5 Millionen Euro für Investitionen auf dem Gelände. Inzwischen haben Banken Kredite gegeben: “Etwa zwei Millionen Euro haben wir schon investiert”, sagt er. Allenthalben wird jetzt gebaut, nicht nur im Börsenhaus. Auch der Marktplatz wird derzeit gepflastert, ein sehr hübsches Veranstaltungshaus mit einer sehenswerten Decke aus alten Holzbalken ist schon fertig. Das leidige Problem einer offiziellen Zufahrtsstraße für den Lieferverkehr ist inzwischen gelöst, sagt Kenzelmann. Dafür wird eine Privatstraße, die von der Marzahner Chaussee gleich hinter der Bahnbrücke auf das Gelände führt, genutzt werden können. Damit werden die Einfamilienhaus-Bewohner im Umfeld nicht durch die Transporte belastet.

Internationales Filmfestival
Auch die ersten Höhepunkte für dieses Jahr stehen schon fest. Bereits vom 4.-6. April zu den Europäischen Tagen des Kunsthandwerks wird etwas los sein, am 21. Juni gibt es eine Veranstaltung im Rahmen der Fête de la Musique. Besonders stolz ist Roman Hillmann darauf, dass vom 3. bis 7. Juli die 1. Internationalen Filmfestspiele auf dem Börsengelände stattfinden: “Dort werden kleinere internationale Produktionen vorgestellt.” Die Stars könnten vielleicht sogar mit einem Sonderzug kommen, witzelt Kenzelmann. Denn ein nutzbares Bahngleis gehört auch zum Gelände der Alten Börse. Doch das mit dem Sonderzug ist wohl nur ein Scherz. Vielleicht aber auch nicht. Die Börsen-Macher sind für kreative Ideen und Überraschungen bekannt.

Um das jetzige Börsengelände, den 1903 eröffneten Magerviehhof, geht es am 12. März, um 18 Uhr im Bezirksmuseum Marzahn, Alt-Marzahn 51. Im Rahmen der “Marzahn-Hellersdorfer Vorträge zur Geschichte” stellt der Biesdorfer Ortschronist Karl-Heinz Gärtner die Geschichte und Entwicklung des Areals vor, auch anhand zahlreicher historischer Bilder.

 

 

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden