Vom mittelalterlichen Dorf zum Berliner Ortsteil

666 Jahre Kaulsdorf

06.12.2013, Klaus Tessmann

Kaulsdorf feiert heute – am 6. Dezember 2013 – einen denkwürdigen Geburtstag. Könnte ein Mensch so alt werden, würden alle zur Schnapszahl gratulieren – doch was macht man bei einem Berliner Ortsteil? Obwohl Schnaps auch den Ort prägt, denn die Marke Schilkin hat vor allem die jüngste Geschichte geprägt.

Vor rund 700 Jahren haben sich Menschen im Wuhletal niedergelassen. Haben Kirchen und Häuser gebaut, haben gearbeitet und die Landschaft umgestaltet. Die eigentliche Gründung dieser Orte ist in der Vergangenheit verschwunden. Doch der erste schriftliche Nachweis gilt heute sozusagen als Gründungstag.

Als Angerdorf angelegt
Am 6. Dezember 1347 unterschrieb der brandenburgische Markgraf Ludwig der Ältere eine Urkunde. Das Schriftstück ist erhalten geblieben und gibt darüber Auskunft, dass das Dorf schon existierte. Der Markgraf hat vor 666 Jahren einige seiner Grundstücke in Caulsdorp an die Kalandsbrüder in Bernau verschenkt. Das waren fromme Brüder, die sich um die Armen in ihrer Stadt kümmerten. Die Landwirte in Kaulsdorf mussten nun jährlich eine bestimmte Menge Weizen, Hafer und Gerste in Bernau abliefern, dazu kamen noch fünf Goldstücke.

Kaulsdorf wurde als Angerdorf angelegt. In der Mitte auf dem Dorfanger stand die Kirche, links und rechts führte die Straße vorbei. Diese Struktur ist zum Glück bis heute erhalten geblieben. Links und rechts vom Anger wurden die Häuser gebaut mit Blick auf den Dorfanger.

Zankapfel zwischen „Bier-Mächten“
Genaue Auskunft über das dörfliche Leben gibt es erstmals 1375. Doch Kaulsdorf war nicht das typische märkische Dorf, denn der größte Teil der Länderein gehörte der Kirche, den Rest teilten sich Patrizierfamilien aus Berlin und Altlandsberg. In vielen Urkunden taucht immer wieder der Dorfkrug auf, der sein Bier entweder aus Bernau oder Köpenick bezog. Dadurch soll Kaulsdorf einmal im 16. Jahrhundert zum Zankapfel zwischen den „Bier-Mächten“ geworden sein. Die beiden Städte sollen sich darüber gestritten haben, wer nun das Bier liefern darf. Das hält sich zwar in Kaulsdorf als Legende in den Archiven, in Bernau ist darüber aber nichts vermerkt. Die längste Zeit in der Geschichte war Kaulsdorf das Mittelalterliche Dorf. Vor allem die großen Kriege hinterließen tiefe Wunden. Besonders der 30-jährige Krieg brachte große Verwüstungen. Weitere Kriege und schwere Krankheiten hinterließen immer wieder ihre Spuren. Erst 1801 hatte sich die Bevölkerungszahl wieder stabilisiert. In Kaulsdorf wohnten 215 Menschen an 23 Feuerstellen. Viel Familiennamen aus dieser Zeit sind bis heute im Dorf nachzuweisen wie Bausdorf, Giese, Lehne oder Schröter.

Ostbahn mit Haltepunkt
Aufschwung gab es erst zum Ende des 18. Jahrhunderts. Berühmte Namen sind jetzt mit Kaulsdorf verbunden wie Franz Carl Achard, der 1782 das Gut kaufte und ein Verfahren entwickelte, aus der Rübe Zucker zu gewinnen. Einen großen Fortschritt brachte dann die königliche Ostbahn, die zunächst seit 1867 an Kaulsdorf vorbei fuhr. Doch schon 1869 bekam das Dorf einen Haltepunkt und damit eine direkte Verbindung nach Berlin. Zwei Jahre später wurde Berlin Hauptstadt des Deutschen Reiches. In Berlin begann mit den Gründerjahren ab 1870/71 die industrielle Entwicklung. Viele Berliner kamen nun über die Bahn nach Kaulsdorf. Zunächst suchten sie Erholung in den Kaulsdorfer Lokalitäten, später waren sie auf Suche nach einem Schrebergarten oder einem Häuschen im Grünen. Aber auch umgekehrt funktionierte die Nähe zur Hauptstadt. Die Kaulsdorfer Bauern brachten ihre Produkte – Milch, Butter, Obst und Gemüse direkt auf die Berliner Märkte.

Rege Bautätigkeit
Die Einwohnerzahlen wuchsen sprunghaft. Schon damals trieb der Berliner Mietwucher die Menschen in die Dörfer am Rande der Stadt, wo sie günstigen Wohnraum fanden. Im Jahre 1832 wohnten in Kaulsdorf erst 386 Menschen, 1900 waren es schon 771 und fünf Jahre später schon 1.239 Einwohner. Vor allem im Gebiet rund um den Bahnhof entstanden mehrstöckige Miethäuser und Villen. Im Süden von Kaulsdorf wurden Laubenkolonien angelegt, zum Beispiel der Kaulsdorfer Busch. Durch das Wasserwerk in Kaulsdorf, das 1916 in Betrieb genommen wurde, konnte der Grundwasserspiegel abgesenkt werden. Das war wiederum die Voraussetzung für eine rege Bautätigkeit – vor allem im südlichen Teil. Im Oktober 1920 wurde Kaulsdorf schließlich ein Teil der großen Stadt Berlin und kam zum Bezirk Lichtenberg.

Wernerbad und Schwimmverein
Zu den Kaulsdorfer Besonderheiten gehörten neben vielen Ausflugsgaststätten, dem Bundesschützenhaus (heute Villa Pelikan) auch ein eigenes Bad am Wernersee. 1901 hatte Wilhelm Werner am Katzenstertpfuhl die Ausflugsgaststätte „Badeschlösschen“ eröffnet. Dort am Pfuhl war 50 Jahre nach Erde für eine Ziegelei gegraben worden. Dadurch war der tiefe See entstanden. Das nutze Werner aus, um 1905 die Badeanstalt Wernerbad zu eröffnen. An dieser Stelle wurde am 12. August 1905 der Kaulsdorfer Schwimmverein „Wetterfest“ gegründet. Das Datum gilt als offizielle Eröffnung des Bades. Im Sommer gab es Schwimmunterricht für die Kaulsdorfer Kinder, im Winter verwandelte sich der See in eine Natureisbahn. Vier Jahre später gab es am See neben der Kneipe noch Umkleidekabinen, einen großen Vereinssaal und einen großen Garten. 1951 übernahm die Stadt Berlin das Wernerbad. Es wurde 1957/58 großzügig umgebaut. Vor 11 Jahren wurde dieses Kaulsdorfer Kleinod geschlossen, alle Versuche einer Neuauflage scheiterten.

Kaulsdorf Nord I und II
Die größten Umwälzungen für Kaulsdorf begannen im Frühjahr 1986. Nördlich der Gülzower Straße fraßen sich Bagger in das Wuhletal. Ein Jahr später fuhren die ersten Möbelwagen für die Neubaugebiete Kaulsdorf-Nord I und II. Sie gehörten zunächst zum Bezirk Marzahn, der im Januar 1979 gegründet worden war. Der Bezirk Hellersdorf folgte am 1. Juni 1986 als jüngster Berliner Bezirk. Nun gehörte Kaulsdorf zu Hellersdorf.

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Mittelpunkt des Dorfes war der Anger mit der Kirche, links und rechts führte die Dorfstraße vorbei.

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Kaulsdorf aus luftiger Höhe – am Bildrand die Neubauten von Kaulsdorf-Nord I.

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Das Flusspferd Knautschke ist der letzte Zeuge des Wernerbades – seit 1958 steht die Skulptur knietief im kalten Wasser.

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Zum 100. Geburtstag des Wernerbades keimte noch einmal die Hoffnung auf, das älteste Berliner Freibad am Leben zu erhalten.
Fotos: Klaus Tessmann

 

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Leserkommentare

  1. 666 Jahre Kaulsdorf
  2. … aus diesem Anlass hatte der Heimatverein einen Jahreskalender 2013 herausgegeben: Kunst und Künstler aus Kaulsdorf. Wir haben noch äußerst günstig (also fast geschenkt) abzugebende Restexemplare. Bitte melden unter: schuricht.683@t-online.de
    — ich denke, ein gutes Sammlerstück!

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