25-jähriges Jubiläum der Heinrich-von-Kleist-Bibliothek

Totgesagte leben länger

10.12.2019, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn. „Eine Bibliothek gehört in jeden Stadtteil, genauso wie Geschäfte und Bäume“, sagt Marina Georgi. Die zierliche Frau mit dem netten Lächeln kann resolut sein, wenn es sein muss. Sie versteht keinen Spaß, wenn es um die kleine Bibliothek geht, die sie seit Jahren leitet. Die Heinrich-von-Kleist-Bibliothek an der Havemannstraße 17B ist für sie und für viele Menschen im Marzahner Norden keine schlichte Bücherstube, sondern ein sozialer Treff für Jung und Alt.

Bewohnerprotest rettete den Kieztreff

 Mehrfach war seit 2004 die Bibliothek geschlossen worden – zunächst wegen dem Umbaus des Elfgeschossers, in dessen Vorbau sie sich befindet, zu einem sechsgeschossigen Gebäude im Wohnkomplex Ahrensfelder Terrassen. Dann wurde im September 2004 die letzte Mitarbeiterin abgezogen, was massive Proteste der Einwohner nach sich zog. Ab Dezember 2004 wurde sie wieder als Bibliothek geöffnet, allerdings nur an zwei Tagen mit Bibliothekspersonal für Ausgabe und Rückgabe von Medien. An anderen Tagen waren Mitarbeiter des Stadtteilzentrums Kiek in und des Vereins JAO vor Ort, um Bringedienste, Hausaufgabenhilfe und Veranstaltungen zu organisieren. 2008 wurde die Bücherei wegen Personalmangel wieder geschlossen, später an nur einem Tag betrieben. Denn der Bezirk Marzahn-Hellersdorf, der sich aus Kostengründen bereits in den Jahren 2001 bis 2003 von etlichen seiner öffentlichen Bibliotheken getrennt hatte, wollte auch die mit 260 Quadratmetern recht kleine Einrichtung an der Havemannstraße 17 B endgültig dicht machen. Die Bezirkspolitiker hatten allerdings nicht mit den kämpferischen Anwohnern gerechnet. Ihre Proteste brachten letztlich Erfolg: Seit 2010 hat die Heinrich-von-Kleist-Bibliothek wieder an fünf Tagen in der Woche geöffnet, die Erneuerung des Medienetats wurde u.a. durch das Quartiersmanagement unterstützt.

Unter den Jubiläumsgästen zahlreiche Mitstreiter von damals

Am Mittwoch, 4. Dezember, wurde festlich das 25. Jubiläum der Heinrich-von-Kleist-Bibliothek begangen – Totgesagte leben eben länger. Auch viele Mitstreiter, die engagiert für den Erhalt der Bibliothek gekämpft hatten, Mitglieder aus dem ehemaligen Bewohnerbeirat wie beispielsweise der frühere Rundfunkjournalist Torsten Preußing, waren zur Jubiläumsfeier gekommen. Eine andere Aktive aus dieser Zeit, Marianne Fox, konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen. Einen herzlichen Brief zu schreiben, ließ sie sich jedoch nicht nehmen. „Ich hoffe, dass es in Marzahn-Hellersdorf nie wieder jemanden gibt, der für die Schließung von Bibliotheken stimmt“, sagte Marina Georgi, begleitet von lautem Beifall. Man könne eine Bibliothek nicht nur an Ausleihzahlen messen, sondern müsse betrachten, was sie für eine lebendige Nachbarschaft tut.

Nicht nur Medienausleihe

Und es ist nicht wenig, was Marina Georgi und ihre Kollegin Sabine Bünger leisten. Denn außer dem Verleih von Büchern und anderen Medien (auch Online-Büchern und E-Readern) finden zahlreiche Veranstaltungen für alle Altersgruppen statt. Zur Leseförderung von Kita- und Grundschulkindern wurden allein in diesem Jahr 252 Veranstaltungen angeboten. Das ist wichtig in einem Stadtteil, wo viele Eltern zu den sogenannten sozial Schwachen und Bildungsfernen gezählt werden und viele Menschen mit Migrationshintergrund leben. Erwachsene kommen gern zu den Abenden „Live bei Kleist“, wo Autoren aus ihren Werken lesen. Für die Älteren gibt es zweimal im Jahr sogenannte Themenfrühstücke – Kaffeeklatsch mit Beratung durch Experten sozusagen. Wem das Gehen schwer fällt, dem werden die Lektüre, die DVD oder andere Medien auch nach Hause gebracht und von dort wieder abgeholt. Tablet- und Smartphone-Schulungen werden ebenfalls angeboten. Des Öfteren nicht nur in speziellen Veranstaltungen, sondern auch einfach mal so zwischendurch. „Da fragen uns dann schon mal Leute, wie das mit WhatsApp oder YouTube so funktioniert“, sagt Marina Georgi. Denn viele Menschen, die Mitte der 1980er-Jahre in die Wohnungen im Kiez gezogen sind, sind inzwischen in die Jahre gekommen. Etliche leben allein. „Die Menschen werden tendenziell einsamer“, sagte Marina Georgi. „Deshalb braucht es Orte wie unsere Bibliothek, wo sie sich treffen können und auch Hilfe erfahren.“

Hunde-Kita und Erste-Handy-Hilfe

Viele Gäste der Jubiläumsfeier schmunzelten, als Sabine Bünger beschrieb, was für ein Ort die kleine, aber feine Bibliothek ist: Anlaufpunkt für Erste-Handy-Hilfe, Zufluchtsort bei SEK-Einsatz (bei dem dann die Polizei nicht wie versprochen mitteilte, dass er längst vorbei war), ein Platz für Online-Terminbestellung im Bürgeramt oder bei Ärzten und Hunde-Kita (Aufbewahrungsort, wenn Herrchen oder Frauchen zum Arzt müssen und das Tier nicht allein bleibt). Die Nachbarn danken den freundlichen Bibliothekarinnen ihren Einsatz durch mitgebrachtes Deko-Material aus ihren Gärten (frische Blumen und Zweige), durch das Achtgeben bei Gassirunden, ob alles in Ordnung ist. „Und auch dadurch, dass sie nächtliche Fehl-Alarme nicht lange übelnehmen“, sagt Sabine Bünger. Denn die 2019 angeschaffte Alarmanlage störte bereits mehrfach den Nachtschlaf der Umgebung – wie sich danach herausstellte, glücklicherweise grundlos.

Wünsche für die Zukunft

Als Wünsche für die Zukunft äußerten die Bibliothekarinnen: „Noch viele weitere Jahre für unsere Bibliothek, immer das nötige Geld für die Ausstattung und ausreichend Mitarbeiter.“ Denn eigentlich gibt es drei Arbeitsplätze in der Kleist-Bibliothek. Eine Kollegin ist allerdings bereits seit eineinhalb Jahren krank, Ersatz kam bisher nicht. Marina Georgi ergänzt die Wunsch-Liste noch: „Und eine gute Fee mit einem Zauberstab, der unserer Bibliothek etwas mehr funktionale Größe gibt.“ Ursprünglich sollten die 260 Quadratmeter im Vorbau der am 9. Dezember 1994 eröffneten Einrichtung nämlich nur ein Provisorium sein. Eine Bibliothek für einen Stadtteil mit rund 24.000 Einwohnern müsste eigentlich etwa 850 Quadratmeter Raum haben. Dass sich das Raumproblem in absehbarer Zeit ändert, konnte Nicolas Vecchini, der Leiter des Amtes für Weiterbildung und Kultur allerdings nicht versprechen: „Ich bin von der Herkunft Italiener, insofern vertraut mit Übergangslösungen, die Jahrhunderte andauern“, sagte er.

Hälfte der Bibliotheken zwischen 2001 und 2003 geschlossen

Von den einst 14 Bibliotheken in Marzahn und Hellersdorf wurden nach der Bezirksfusion im Jahr 2001 sieben bis 2003 geschlossen, davon die meisten im damals besser ausgestatteten Marzahn wie die Fontane-Bibliothek, die Bibliotheken Horst Bastian und Heinz Lüdecke. Danach gab es keine Bibliotheksschließungen mehr. Allerdings ist derzeit noch etwas unklar, was mit der Stadtteilbibliothek Kaulsdorf-Nord wird. Der Mietvertrag im bisherigen Gebäude am Cecilienplatz ist zum 31. Dezember gekündigt worden, kann aber laut Kulturstadträtin Juliane Witt (Linke) bis Mai 2020 verlängert werden. Der Eigentümer will das Haus abreißen und den Standort neu bebauen. Bisher ist ein größerer, aber auch teurerer Standort im Spree-Center im Gespräch. Nach Witt ist derzeit ein Traglastgutachten in Arbeit. Falle das negativ aus, gebe es bereits einen Plan B: ein Umzug ins Hellersdorfer Corso an der Neuen Grottkauer Straße. „Da wäre auch Platz“, antwortete sie auf eine Anfrage von LIMa+. „Gute Miete und Umbau denkbar.“

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