Eigenheimbau ohne Nahversorger im Gensinger Viertel

Калинка моя!

10.02.2015, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel. Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Friedrichsfelde. In den siebziger und achtziger Jahren wurde hier getanzt, gespeist und gebowlt. Im Veranstaltungssaal der sogenannten HO-Clubgaststätte „Kalinka“ (HO = Handelsorganisation in der DDR), damals Straße der Befreiung 69, heute Alt-Friedrichsfelde / Gensinger Straße, spielte jedoch kaum russische Musik. Den Namen Kalinka (Verniedlichungsform der russischen Beere Kalina), dem bekannten russischen Volkslied von Iwan Petrowitsch Larionow entlehnt, trug die Einrichtung nur pro forma, ebenso wie viele Clubgaststätten gleicher Bauart in der Hauptstadt der DDR ihre russischen Namen. Give Peace a Chance von John Lennon lief sicher öfter.

In der Restauration des selben Hauses gab es politisch unkorrektes „Zigeunerschnitzel“, aber auch „Boeuf Stroganoff“ mit „Sättigungsbeilage“. Der Kogge-Brunnen plätscherte und Jugendliche stellten sich am Eingang des Jugendklubs im „Dienstleistungswürfel“ (mit Friseur und Post) in die Warteschlange, um bei Cola-Wodka abzurocken. Die Kaufhalle am gleichen Platz hatte ein reichhaltiges Spirituosenangebot, für alle, die lieber zu Hause feiern wollten. Es war nicht alles schön.

Inzwischen ist alles anders
Nachdem das Kalinka etliche Jahre leer stand und verfiel, sind nun seine Tage gezählt. Eine Abrissfirma ist dieser Tage beim Entkernen. Dienstleistungswürfel und Kaufhalle sind seit Januar bereits Geschichte. Übriggeblieben sind hohe, steinerne Schuttberge. Und auch sie werden bald verschwunden sein, denn die Hanseatische Immobilien Treuhand (hit) will ab Mitte des Jahres hier nun tatsächlich bauen. Keine dringend benötigte Nahversorgungseinrichtung, sondern 74 Town-Häuser. Als erstes stellte man einen Informations- und Verkaufscontainer für Musterhäuser an den Rand der Abrissbaustelle. Der ist aber noch zu. „Baugebiet Kalinka“ nennt der Investor auf seiner Webseite das Projekt, das später einmal „Kogge-Viertel“ heißen soll. Die vier Meter hohe Brunnenplastik „Kogge“, erbaut 1982 nach Entwürfen von Nikolaus Bode, soll erhalten bleiben. Ob je wieder Wasser das weiße Hanseschiff umspülen wird, ist indes unklar.

Handelsfläche vorhalten – wie lange?
Schon 2007 wollte die Germania Grundstücksentwicklung GmbH das Grundstück Alt Friedrichsfelde 69-71 vom Liegenschaftsfonds kaufen, die ruinösen Gebäude abreißen und ein zweigeschossiges Nahversorgungszentrum mit 5.000 Quadratmetern Verkaufsfläche, Discounter, Drogerie, Schuhladen, Bäcker, Apotheke und Blumenladen errichten. Die Pläne zerschlugen sich ebenso wie die vieler potenzieller Investoren zuvor. Das Gebiet zwischen Alt-Friedrichsfelde, Rhin- und Gensinger Straße sowie den Bahngleisen im Norden und Osten erschien ihnen zu unattraktiv, weil zu klein für einen Nahversorger, die Kaufkraft zu gering. 2012 schloss der letzte Lebensmittelhändler. Nun also Reihenhaus-Eigenheime mit drei Vollgeschossen ohne Dachschrägen, mit Dachterrasse, Bad, Gäste-WC und dreifach verglasten Fenstern zum Preis von weit über einer Viertelmillion Euro das Stück. Für deren Eigentümer dürfte es kein großes Problem sein, mit dem Auto zum nächsten Discounter zu fahren. Für viele andere, der vorwiegend älteren knapp 7.000 Bewohner des Viertels aber schon.

Ob die Bemühungen des SPD-Kreisvorsitzenden und Abgeordneten aus dem Wahlkreis, Ole Kreins, wenigstens eine Fläche für den späteren Bau einer Nahversorgungseinrichtung vorzuhalten, von Erfolg gekrönt sein werden, bleibt abzuwarten. Beim Immobilienunternehmen „hit“ gab man sich LiMa+ gegenüber hanseatisch bedeckt, was das Vorhaben anbelangt. Weder Projektentwickler André Stier noch Vertriebsleiterin Claudia Wodrich waren trotz mehrfacher Nachfrage willens oder in der Lage, detailliertere Auskünfte zum Bauprojekt zu geben.

 

 

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