Symbolisches Wettrüsten zwischen Zoo und Tierpark:

Zwei Dickköpfe und das liebe Vieh

14.06.2017, Marcel Gäding

Foto: Michael Barz

Friedrichsfelde/ Charlottenburg. Sie waren beide Legenden, jeder für sich: Prof. Dr. Dr. Heinrich Dathe und Dr. Heinz-Georg Klös. Der eine leitete den Tierpark im Ostteil der Stadt, der andere den Zoo in der City West. Bis zum Fall der Mauer lieferten sich Dathe und Klös im geteilten Berlin ein spannendes Wettrüsten – und kamen sich nicht nur verbal in die Haare. In seinem Buch „Der Zoo der Anderen“ ist Jan Mohnhaupt ein amüsantes, aber auch nachdenkliches Werk gelungen.

Jan Mohnhaupt ist ein junger, freundlicher Mann. Einer, der als freier Journalist unter anderem für den Tagesspiegel, das Fußballmagazin „11 Freunde“ und den Spiegel arbeitet. Mohnhaupt mag aber auch Tiere. „Seit ich 14 Jahre bin, zieht es mich in Zoos und Tierparks“, schreibt Mohnhaupt in seinem Buch „Der Zoo der Anderen“. Da lag es auf der Hand, dass er für den Tagesspiegel immer wieder aus den beiden zoologischen Einrichtungen der Hauptstadt berichtet. Schnell fand der 35-Jährige Interesse an der spannenden Geschichte und den skurrilen Direktoren, deren Namen bis heute allgegenwärtig sind.

Tierpark als Gegenentwurf zum Berliner Zoo

„Der Tierpark war als eine Art Gegenzoo angelegt“, sagt Mohnhaupt bei einer seiner Buchvorstellungen, zu der dieses Mal die Fördergemeinschaft von Zoo und Tierpark ins Schloss Friedrichsfelde eingeladen hat. Und in der Tat: Die Freude darüber, dass der altehrwürdige Zoo – gegründet 1844 – einen Konkurrenten im Osten bekommt, hielt sich im Westen in Grenzen. Gerade hatte man die Spuren des Zweiten Weltkrieges auf dem Areal nahe dem Tiergarten beseitigt, Gehege provisorisch hergerichtet und mit einem regelmäßigen Oktoberfest zahlungskräftige Gäste in den Zoo gelockt, als etwa 15 Kilometer weit in Friedrichsfelde in Rekordzeit ein Tierpark entstand, der als größter Zoo der Welt Schlagzeilen machen sollte. „Der Berliner Magistrat will nicht, dass die Ost-Berliner in den britischen Sektor reisen, um dort in den Zoo zu gehen, wo sie Westkontakte pflegen und dem Kapitalismus ihr Geld in den Rachen werfen“, schreibt Mohnhaupt. Der damalige Ministerpräsident Otto Grotewohl versuchte sodann den Leipziger Zoodirektor Karl Max Schneider für die Idee zu begeistern. Er und sein Stellvertreter Dathe hielten zunächst nichts von der Idee. Monate später reiste Dathe eher widerwillig nach Berlin, um sich potenzielle Grundstücke für den neuen Tierpark anzuschauen. Als er das verwilderte Grundstück um das Friedrichsfelder Schloss betritt, ist Dathe plötzlich wie verwandelt. Die Idee, hier einen neuen Zoo aufzubauen, lässt ihn nicht mehr los… Nur vier Monate später – Ende Oktober 1954 – beginnen die Planungen. Ein Jahr danach eröffnet DDR-Staatschef Wilhelm Pieck den Tierpark, der unter anderem auch mit Hilfe vieler freiwilliger Helfer entstand. Drüben, im Berliner Zoo, wird die Luft für dessen Direktorin Dr. Katharina Heinroth immer dünner. Der Aufsichtsrat will die Frau, die den Zoo nach dem Krieg wieder aufbaute, loswerden. An ihrer Stelle verpflichtet man den gerade einmal 28 Jahre alten Tierarzt Heinz-Georg Klös. Dathe und Klös kennen sich aus Begegnungen vergangener Tage. Viel hält Dathe nicht von seinem Westkollegen – weder menschlich noch fachlich. „Er hat ihn für einen schlechten Charakter gehalten“, sagt Jan Mohnhaupt. Während man anfangs vor dem Bau der Mauer noch um Zuschauer konkurrierte (Ostbesucher konnten bis zum 13. August 1961 den West-Zoo besuchen), ging es danach um Prestige, Ruhm und Ehre.

Ein Wettrüsten zwischen Zoo und Tierpark

„Das war ein symbolisches Wettrüsten“, resümiert Mohnhaupt. Wer hat die schöneren Anlagen und Tierhäuser, wer die attraktiveren Tiere? Wie besessen waren Dathe und Klös gleichermaßen, machten mit Tierhändlern Geschäfte und sammelten Tiere um die Wette. Mohnhaupt hat für sein Buch die Geschichte mit den Elefanten aufgegriffen. Klös präsentiert seine neuesten Zugänge unter den Dickhäutern, hat dazu auch Dathe eingeladen. Als dieser süffisant bemerkt, die Elefanten im Zoo seien doch ein bisschen mickrig, kommt es zum Gerangel. „Das kann Klös wiederum nicht auf sich sitzen lassen, so ergibt ein Wort das andere, bis schließlich die beiden älteren kleinen Herren – beide kaum größer als 1,70 Meter – anfangen, sich zwischen den grauen Riesen zu schubsen.“ Was beide jedoch eint ist ihre Besessenheit für den Job. Einen Feierabend kennen sie nicht.

Ganz nebenbei erzählt Mohnhaupt detailreich, aber nicht langweilig, die Entstehungsgeschichte von Zoo und Tierpark, von den Aufbaujahren ebenso wie von Tierlieblingen wie dem Flusspferd Knautschke oder der jungen Elefantenkuh „Kosko“, die sich mangels Gehege zur Freude der Besucher frei im Tierpark bewegen konnte. Davon, wie Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) dem Zoo ein Panda-Pärchen organisierte oder die jungen Leser der Bummi-Zeitung Geld für zwei Giraffen spenden und selbst die Stasi ihr Herz für Tiere entdeckte. Nur ab und zu schweift er mit seinen Geschichten zu sehr ab in den Leipziger Zoo. Wer Dathe oder Klös noch persönlich kennenlernen durfte – Mohnhaupt blieb dies verwehrt – kommt aber zu dem Schluss: Besser hätte man diese tierische Ost-West-Geschichte nicht aufschreiben, treffender die beiden Hauptdarsteller nicht charakterisieren können. Streckenweise hat man das Gefühl, Mohnhaupt sei jahrzehntelang der Chronist der Zoos in Ost und West gewesen.

„Der Zoo der Anderen – Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte und Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete“, erschienen im Carl Hanser Verlag, 20 Euro. ISBN 978-3446255043

Leseprobe

Eine Leseprobe des Verlages finden Sie im Internet. 

 

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