75. Jahrestag der Zwangsumsiedlung durch Stalin

Das Trauma der Russlanddeutschen

27.08.2016, Linna Schererz

Fotos: Linna Schererz

Marzahn. Ein schlichter grauer Granit, umgeben von Blumen in Vasen und ewigen Lichtern, erhebt sich nahe dem Eingang des Marzahner Parkfriedhofs. Auf dem Sockel steht die kleine Skulptur einer verzweifelten Frau. Es scheint, als wolle sie gramgebeugt die Steine zu ihren Füßen umarmen. Auf dem Granit ist die Inschrift eingemeißelt: „Den Deutschen, die in der Sowjetunion unter Stalins Regime gelitten haben“. Darunter: „Eure Geduld war grenzenlos, Eure Leiden unermesslich. Das Gedenken an Euch werden wir für immer bewahren.“

Der Tod im Arbeitslager
Der im Jahr 2002 aufgestellte Gedenkstein erinnert an die von Stalin befohlene Zwangsumsiedlung der Russlanddeutschen nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Diese wurden aus den Gebieten, wo sie seit mehr als 200 Jahren lebten, nach Sibirien, Kasachstan, Kirgistan und Tadshikistan deportiert. Von 1941 bis 1948 wurden rund 850.000 Russlanddeutsche in die sogenannte Trud-Armee (Arbeitslager) gepresst. 35 Prozent starben in den ersten vier Jahren. Bis heute ist es das kollektive Trauma der Russlanddeutschen, kaum eine Familie, die nicht Angehörige in jener Zeit verlor.

Gewalt gegen ein ganzes Volk
Am 28. August jährt sich der Befehl zur Umsiedlung der Russlanddeutschen zum 75. Mal. An diesem Tag im Jahr 1941 hatte das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR einen Erlass unterschrieben, der sich mit der Umsiedlung der sogenannten Wolgadeutschen (die Sozialistische Republik der Wolgadeutschen war damals autonom) unterschrieben, dem Tage und Wochen danach auch die Deportation der deutschen Bevölkerung aus anderen Sowjetrepubliken und Gebieten folgte. Bis Ende 1941 war die Zwangsumsiedlung im Wesentlichen abgeschlossen. Der Vorwand für diese Maßnahmen waren fadenscheinige Kollaborationsvorwürfe mit der Hitler-Wehrmacht – gegen ein ganzes Volk.

Feierliche Gedenkveranstaltung
„Das wird niemals vergessen werden“, sagt Walter Gauks. Der 34-Jährige ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Vereins Lyra e.V, der u.a. die soziokulturelle KultSchule in Lichtenberg betreibt, zudem Mitglied Bundesvorstand der Landsmannschaft der Russlanddeutschen (13.000 Familien als Mitglieder) und Bundesvorsitzender deren Jugendorganisation. Gauks freut sich, dass zur Erinnerung am Sonntag, 28. August, eine große Gedenkveranstaltung, u.a. mit Innenminister Thomas de Maizière (CDU), in der Akademie Berlin der Konrad-Adenauer-Stiftung stattfindet. Um 15 Uhr wird es vor dem Gedenkstein auf dem Parkfriedhof Marzahn eine feierliche Kranzniederlegung geben, später einen Fototermin am Reichstag.

Ausstellung in der KultSchule
Laut Gauks leben etwa 32.000 Spätaussiedler aus ehemaligen Unionsrepubliken der UdSSR in Marzahn-Hellersdorf (ca. 20.000) und Lichtenberg (rund 12.000). Die meisten Menschen kamen in den 1990er-Jahren, als nach dem Zerfall der Sowjetunion in den neu gegründeten Ländern der Nationalismus zunahm. „Mit den Erinnerungen der Familien an den Zweiten Weltkrieg hatten viele Deutsche dort Befürchtungen, dass sich so etwas wiederholen könnte“, sagt Gauks, der 1996 aus Kasachstan nach Deutschland kam.

Nach dem Manifest der Zarin Katharina der Großen von 1763 zur Ansiedlung von Ausländern waren rund 100.000 Deutsche nach Russland ausgewandert. Bis 1939 war ihre Zahl in der Sowjetunion auf 1,5 Millionen Menschen angewachsen. 1924 entstand an der Wolga die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen. Es gab außerdem sechs autonome Rayons (Bezirke) in Russland, neun in der Ukraine, auf der Krim und im Kaukasus. An die Geschichte der Deutschen in Russland, aber auch ihre Ankunft in der Bundesrepublik und ihr Wirken in der Gegenwart wird in einer Ausstellung in der KultSchule, Sewanstraße 35, erinnert.

 

 

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