Zwischen Stadt und Land

Wolfs Revier

04.12.2016, Marcel Gäding

Fotos: pixabay.com/raincarnation40 (1), Marcel Gäding (2-5). Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Als wir noch in Berlin wohnten, sind wir gerne am Wochenende in Alt-Hohenschönhausen Spazieren gegangen. Vorbei an kleinen Eigenheimen auf viel zu engen Grundstücken, einmal quer durch das einstige Stasi-Sperrgebiet und dann weiter über die Konrad-Wolf-Straße runter zum Orankesee. Meist hatten wir Toastbrot in der Tasche, um Enten zu füttern. Auf dem Rückweg haben wir uns dann in einer Eisdiele, in der bis auf die Preise alles wie zu DDR-Zeiten ist, ein Eis gegönnt.

Gut ein Jahr ist vergangen, bis uns unsere neuen Nachbarn über unsere eigens eingerichtete WhatsApp-Gruppe fragten, ob wir Lust auf einen spontanen „ausgiebigen“ Spaziergang hätten. Uns kam das gerade recht, konnten wir uns doch vor der herbstlichen Gartenarbeit drücken. Und so liefen wir an einem Sonntagnachmittag los, einmal quer durch den Wald. Unterwegs erzählte unser Nachbar von einem gefährlichen Waldbrand, der für die Häuser in einer kleinen Siedlung etwas außerhalb vom Dorf fast das Ende bedeutet hätte. Oder von den winterlichen Abenteuern auf den zugeschneiten kleinen Hügeln, die unsere Wälder zuhauf durchziehen. Irgendwann fragte er, ob wir unsere große Kamera dabei hätten: „Falls uns der Wolf begegnet.“ Natürlich hatten wir nur  Smartphones in der Tasche.

Kein Märchen

Dass es bei uns Wölfe gibt, die schon mal bis an den Zaun herankommen, macht seit Monaten im Dorf die Runde. In jener Siedlung abseits unserer Gemeinde soll sogar am helllichten Tag ein Wolf gesehen worden sein. Weil wir regelmäßig in der örtlichen Zeitung neben Berichten über den x-ten Dorfbumms oder das jährliche Schlachtefest auch schon mal Meldungen über Wölfe in Brandenburg lesen, wussten wir: Das ist kein Märchen. Und irgendwie warten wir mit Spannung auf den Tag, dass uns ein Wolf oder gar ein Wolfs-Rudel begegnet.

Unsere Nachbarn führten uns an diesem kühlen Sonntagnachmittag an ein Luch – eine unendlich weite Feuchtwiese umrahmt von Krüppelkiefern und Eichen. Allein die Landschaft machte uns sprachlos, weil der Wolkenhimmel eine Struktur aufwies, die wir zuweilen nur von den Alten Meistern in der Nationalgalerie kannten. Gerade noch erfuhren wir, wie die Kinder aus dem Dorf auf dem im Winter zugefrorenen Tümpel im Luch übers Eis schlitterten, da traten wir fast in einen Kothaufen. Äußerlich unterschied er sich nicht von den Tretminen, um die wir in Berlin mit geübtem Blick einen Bogen machten. Doch hier draußen, mitten in der Pampa, war es eher unwahrscheinlich, dass Hunde auf den einsamen Wiesen ihr Geschäft verrichteten. Am Ende haben wir die Hinterlassenschaften nicht mehr gezählt. „Das kann nur von einem Wolf stammen“, stellte einer von uns fest. Von den Urhebern jedoch fehlte weit und breit jede Spur.

Vermutlich wird Familie Isegrim sich ins Pfötchen gelacht haben, als sie uns aus dem Unterholz heraus beobachtete. Und gedacht haben: Willkommen in Wolfs Revier!

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf.

 

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden