Willkommen, neue Nachbarn!

„Wir sind alle enger zusammengerückt“

17.10.2015, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Kaulsdorf. Omar Basher (27) hat einen roten Sticker auf eine Landkarte gepinnt, die im Flur des Gemeindehauses der Evangelischen Kirchengemeinde angebracht ist. Sie zeigt Syrien und angrenzende Länder. Dort, wo das Plastikteilchen steckt, ist die Heimat des Kfz-Mechanikers: Al Mayadin, eine Kleinstadt im Osten Syriens, am Ufer des Euphrat. Der junge Mann ist vor dem Grauen des Bürgerkriegs geflohen. Seine Eltern leben noch dort, er hofft, dass er sie nachholen kann. Irgendwann, wenn er Arbeit hat, Geld verdient. Omars gefährliche Reise führte über das Mittelmeer in einem überladenen Boot, dann über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Neun Tage brauchte er, um die Bundesrepublik zu erreichen, seit etwa zwei Monaten lebt er in Kaulsdorf. Im Parkhotel an der Brodauer Straße haben er und andere junge Männer aus Syrien einen Schlafplatz bekommen. Am Freitag, 16. Oktober, waren die Neu-Kaulsdorfer zu einem Nachbarschaftsfest in das Gemeindezentrum der Kirchengemeinde eingeladen  – organisiert vom Runden Tisch Kaulsdorf.

Hotelgutscheine bringen keinen Luxus
Als die Syrer Ende Juli mangels anderer Unterbringungsmöglichkeiten in das Hotel zogen, dessen Inhaber schon lange Insolvenz angemeldet haben, hatte es zunächst keine Informationen für die Kaulsdorfer darüber gegeben. Bei einer Privatunterkunft, wie es Hotels und Hostels sind, sind die Betreiber dazu nicht verpflichtet. Die Flüchtlinge bekommen vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) Gutscheine für diese Art Unterbringung und müssen sich dann um alles selbst kümmern. Wohnen im Hotel bedeutet für Flüchtlinge keinen Luxus. Denn sie können zwar die Zimmer mit den Schlafgelegenheiten nutzen, eine Infrastruktur wie in Not- oder gar Gemeinschaftsunterkünften ist dort aber nicht vorhanden. Wäschewaschen beispielsweise ist ein Problem, es kann nicht gekocht werden, es gibt keine Sozialarbeit und Beratung, kein Internet.

Runder Tisch Kaulsdorf
„Als wir gehört haben, dass die Syrer ins Hotel gezogen sind, haben wir uns zusammengefunden, um die Menschen dort zu unterstützen“, sagt Jens Groß. Er ist Leiter des Stadtteilzentrums, das gleich gegenüber dem Hotel liegt. Schon beim ersten Treffen stand fest, wie sich die Helfer nennen wollen: Runder Tisch Kaulsdorf. Dieser hat inzwischen acht Mitglieder. Neben dem Stadtteilzentrum und der Kirchengemeinde sind das die Stiftung SPI, die Volkssolidarität Kaulsdorf, die Begegnungsstätte Villa Pelikan, der Christliche Verein Junger Menschen (CVJM) mit seiner WandelBar, die Initiative Hellersdorf hilft und der Polizeiabschnitt 63 (Kaulsdorf). Innerhalb weniger Wochen haben die Kaulsdorfer ein beachtliches Programm auf die Beine gestellt, das die neuen Nachbarn kostenlos nutzen können. Es gibt unter anderem Flüchtlingsberatungen und Fahrten zu einer Kleiderkammer, ein Computerkabinett lädt ein, Sprachübungen und Deutschunterricht für Anfänger finden statt. Gemeinsam wurde auch das Nachbarschaftsfest vorbereitet – mehr als 20 leckere Kuchen und Torten gebacken, Getränke und Geflügelwürstchen für den Grill herangeschafft. Auch für das Programm mit Musik, Kinderschminken, einem Tischtennisturnier und Stockbrotbacken am Feuer wurde gemeinsam gesorgt. Das zog Alt- und Neu-Kaulsdorfer an, teilweise gab es in den Räumen und auf dem Hof dichtes Gedränge von Alt und Jung.

Deutsch lernen in der Kirche
Die Flüchtlinge, die Deutsch lernen wollen, werden dreimal in der Woche in den Räumen der Kirchengemeinde von Ehrenamtlichen unterrichtet, zusätzlich gibt es jeden Mittwochabend die Sprachübungen. Die Unterrichtenden sind Lehrer oder ehemalige Pädagogen aus dem Ortsteil, erzählt Pastorin Steffi Jawer. Auch ihr Ehemann unterrichtet die Flüchtlinge. Einer der Schüler ist Amir Gazi (23), der in Damaskus Wirtschaftswissenschaften studierte. Mit seinem 22-jährigen Bruder, einem Englischlehrer, und seiner Mutter ist Amir Gazi aus Syrien geflohen. Der Vater, ein Ingenieur, ist noch dort. Er könne jetzt nicht aus Syrien heraus, das sei zu gefährlich geworden, sagt Amir Gazi. Kontakt hält die Familie per Smartphone. Auch mit der Mutter, die in einer Notunterkunft in Baden-Württemberg untergebracht ist. Gern würde Amir Gazi sie besuchen. Doch das geht nicht. Obwohl er schon seit mehr als drei Monaten in Deutschland ist, hat er Residenzpflicht in Berlin. Denn bisher wurde er nur registriert. Der junge Mann hat, wie viele andere, wegen der heillosen Überforderung des Lageso noch keine offizielle Aufenthaltsgestattung (diese bedeutet, dass ein Antrag auf Asyl bearbeitet wird), so dass er die Stadt nicht verlassen darf.

Botschaft an den Vatikan: „Tut was!
Das alles erzählt er in schon ziemlich gutem Deutsch. Dabei hat er erst im August begonnen, die Sprache zu erlernen. Hin und wieder, wenn ihm Vokabeln nicht einfallen, wechselt er ins Englische. Das spricht er fließend. Ob ich auch eine Botschaft an den Vatikan aufschreiben könne, fragt er. Ich bin zunächst verblüfft. Amir Gazi sagt, dass er aus Khabab kommt, einer 10.000-Einwohnerstadt, etwa 57 Kilometer von Damaskus entfernt. In der Region gibt es heftige Kämpfe. „Bei uns sind fast alle katholisch“, erzählt er. „Und was macht der Vatikan? Keiner dort guckt auf unser Städtchen. Er muss doch etwas für seine Gläubigen tun!“ Und er wiederholt: „Tut was!“

In Tradition von Heinrich Grüber
Amir ist Katholik, viele seiner Gefährten aus dem Kaulsdorfer Hotel sind Muslime. Dennoch kommen sie gern ins Evangelische Gemeindezentrum an der Dorfstraße. Pastorin Steffi Jawer kennt keine Berührungsängste. „Jesus war ein sehr offener Mensch, der nie jemand, der Hilfe sucht, weggeschickt hätte“, sagt sie. Und sie zitiert das Dritte Buch Mose: „Wenn ein Fremder bei Euch wohnt, in Eurem Lande, den sollt Ihr nicht bedrücken.“ Vor der Kirche erinnert eine Gedenktafel an Heinrich Grüber (1891-1975), Pfarrer und Mitglied der Bekennenden Kirche. Von 1934 bis 1945 predigte er in Kaulsdorf, als Leiter des „Büros Grüber“ half er jüdischen Bürgern während der Zeit des Nationalsozialismus. Die Gemeinde befindet sich also in guter Tradition.

Volkssolidarität hilft wie 1945
In guter Tradition sind auch die Männer und Frauen der vor 70 Jahren gegründeten Volkssolidarität, deren Ortsgruppe 160 Mitglieder umfasst. Ihre Vorsitzende Renate Kehl sagt: „Wir haben im Winter 1945 für Kriegsflüchtlinge gearbeitet, jetzt arbeiten wir wieder für Flüchtlinge. Der Kreis schließt sich – mit immer neuen Aufgaben.“ Pastorin Jawer erinnert daran, dass auch damals Kirche und Volkssolidarität eng zusammengearbeitet hatten. Das sei dann in der DDR-Zeit unterbrochen worden. „Der Runde Tisch Kaulsdorf hat auch uns selbst etwas gebracht, wir sind jetzt alle wieder näher zusammengerückt“, sagt sie.

 

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