Drinnen + Draußen

Wir fahr’n auf der Autobahn

08.01.2017, Gudrun Bender

Foto: Gudrun Bender

Immer, wenn wir wieder einmal im Stau stecken (was wir pünktlich zu Urlaubsbeginn oder -ende tun, wenn wir statt ökologisch korrekt den Zug das eigene Automobil genommen haben), kommt mir der Song von Kraftwerk „Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn“ in den Sinn. Nur dass ich singen möchte: „Wir stau’n, stau’n, stau’n auf der Autobahn…“. Nicht, dass ich es mir trauen würde, das in diesen Momenten zu tun. Denn das wäre gefährlich. Schließlich ist derjenige, der üblicherweise am Steuer sitzt, sowieso schon ziemlich gereizt. Muss er doch aufpassen, ob es irgendwann zügig weitergeht oder schon wieder stockt. Da sollte man tunlichst vermeiden, irgendwelchen Blödsinn von sich zu geben. Sonst gerät die Stimmung, die ohnehin schon auf dem Nullpunkt ist, in Gefahr, in den Eiskeller zu fallen.

„Geht ja wohl auch nicht schneller!“

Der Versuch, sie aufzulockern, lohnt sich erfahrungsgemäß kaum. Denn der Steuer-Mann gibt sowieso nur magere Brocken von sich: „Was macht denn der Idiot da vorn?!“, „Kannst Du mir mal sagen, warum wir erst stehen und dann geht’s plötzlich mit Tempo 100 weiter?“, „Bestimmt wieder alles Sonntagsfahrer unterwegs!“. Es lohnt sich höchstens, zustimmend zu nicken. Oder beizupflichten: „Möchte nur wissen, warum es nicht vorwärts geht. Müssen denn ausgerechnet jetzt alle nach…?“ Am schlimmsten ist die Frage: „Soll ich lieber fahren?“ Darauf gibt’s meist nur ein geringschätziges Knurren: „Geht ja wohl auch nicht schneller.“

Noch schöner wird es, wenn sich das Navigationsgerät in die Konversation einschaltet. Das sagt gern viertel- oder halbstündlich: „Wir haben eine schnellere Strecke für Sie gefunden. Wollen sie wechseln?“ Der Steuer-Mann, der der modernen Technik vertraut, will natürlich – wird auf eine weiträumige Umgehung geleitet, um danach erneut auf der Autobahn festzustecken. Auf derselben oder auf einer anderen. Oder auf einer Bundesstraße. Jedenfalls dort, wo schon all die anderen stecken, die ebenfalls ihrem Navi vertraut haben. Mist!

Irgendwie und irgendwann kommen wir jedoch alle ans Ziel, bloß einige Stunden später als geplant. Nach der Ankunft steigt das Stimmungsbarometer wieder. War was? Nur ein kleiner Stau auf der Autobahn. Gibt eigentlich Schlimmeres, oder?

 

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