Wer zieht direkt oder per Parteien-Landesliste in den Bundestag ein?

Wie wird Lichtenberg wählen?

20.09.2017, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel (1-2), Birgitt Eltzel (3-5). Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Lichtenberg. „Es gibt bis heute keinen Kevin im Deutschen Bundestag“, sagte der SPD-Bundestagskandidat Kevin Hönicke (33), bisher Fraktionsvorsitzender der SPD in der Bezirksverordnetenversammlung Lichtenberg, auf seiner Vorstellungsrede vor dem SPD-Parteitag im Mai dieses Jahres. Er formulierte damit nicht nur sein Ziel, bei der Bundestagswahl am 24. September in das höchste Parlament gewählt zu werden, sondern unterstrich seine Ambitionen, für mehr Gerechtigkeit in Deutschland zu kämpfen. Denn nicht Name oder Herkunft dürften über Erfolg und Selbstverwirklichung entscheiden, sondern Einsatz, Wille und eine solidarische Gesellschaft. Ob dem aus Hellersdorf stammenden Gymnasial-Lehrer, der nach einer KFZ-Mechaniker-Lehre auf dem zweiten Bildungsweg Abitur und anschließend seinen Master in Physik und Mathematik machte, auch der Sprung in den Bundestag gelingt, bleibt abzuwarten und hängt vom Abschneiden der Berliner SPD ab. Hönicke steht (nur) auf Platz 8 der Landesliste seiner Partei und im Kampf um das Direktmandat in Lichtenberg hat er starke Gegner.

Über Landesliste abgesichert

Kontrahentin Dr. Gesine Lötzsch (56), Lehrerin und Bezirksvorsitzende der Linken, ist seit 2002 ununterbrochen Mitglied des Bundestages. Sie wurde bereits vier Mal als Lichtenberger Direktkandidatin gewählt. Bei der Bundestagswahl 2013 holte sie mit satten 40,3 Prozent der Erststimmen das Direktmandat. Zusätzlich hat ihre Partei sie für die bevorstehende Wahl auf Platz 3 der Berliner Landesliste der Linken abgesichert. “Solidarisch geht es besser”, so das Wahlmotto der erfahrenen Politikerin, die Haushaltsexpertin ihrer Fraktion im Bundestag ist.

Einen Anspruch auf das Lichtenberger Direktmandat erhebt auch der Bundestagsabgeordnete Prof. Dr. Martin Pätzold (33). Er war 2013 auf Listenplatz 7 der Berliner CDU in das deutsche Parlament eingezogen. 2017 steht Pätzold wieder auf dem 7. Listenplatz. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler ist Kreisvorsitzende seiner Partei. „Einer von hier. Ganz nah dran“ ist sein Motto nicht nur für die Wahl. Auf Wahlkreistagen und mit der Sommerdialogtour hat der Hohenschönhausener – nach eigenen Angaben – bereits über 400 Lichtenberger Unternehmen, Vereine, Institutionen und Einrichtungen besucht, um die Leute sowie ihre Interessen und Probleme kennenzulernen und zu helfen.

Sommer könnte es schaffen

Kaum Chancen über das Direktmandat oder über die Landesliste ihrer Partei in den Bundestag einzuziehen, dürften hingegen die Lichtenberger Kandidatin der Grünen, Dr. Hannah Neumann (Listenplatz 7) und der FDP-Kandidat Dirk Gawlitza (Listenplatz 9) haben.

Evrim Sommer von den Linken, die im November 2016 nach zwei Wahlgängen zur Bezirksbürgermeisterin Lichtenbergs nicht die erforderliche Mehrheit in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) erreichte und dann auch ihren Vorsitz der Lichtenberger Linken hinschmiss (es gab Ungereimtheiten bezüglich der Angabe ihres Berufsabschlusses im Lebenslauf), wurde nun von den Berliner Linken auf Platz 5 der Landesliste gesetzt. Damit hat die 46-Jährige, die in Hohenschönhausen lebt, gute Chancen, in den 19. Deutschen Bundestag einzuziehen.

Wird sich der Trend fortsetzen?

Spannend wird in Lichtenberg sein, wie sich die Zweitstimmen-Ergebnisse im Vergleich zur Bundestagswahl von 2013 entwickeln und – ob sich der Trend von der Berlinwahl 2016 mit einer erstarkten AfD fortsetzt. Sie könnte für unangenehme Überraschungen sorgen und manchen sicher geglaubten Listenplatz von Kandidaten anderer Parteien gefährden. Der Zahnarzt Dr. Marius Radtke steht auf Platz 8 der AfD-Landesliste. Bei der Bundestagswahl von 2013 erreichte die gerade gegründete Partei 5,5 Prozent der Zweitstimmen (Wahl der Parteien) in Lichtenberg. Bei der Berlinwahl zum Abgeordnetenhaus 2016 waren es 19 Prozent. Damit lag die Alternative für Deutschland als drittstärkste Partei knapp hinter der SPD (19,7 %). Die CDU fuhr nur 12 Prozent ein, die Linken kamen auf 26,9 Prozent. Letztere waren auch bei der Wahl des obersten Parlaments 2013 mit 34,6 Prozent stärkste Kraft in Lichtenberg, obwohl sie damals mit minus 6,6 Prozentpunkten die größten Stimmverluste aller Parteien hinnehmen mussten. Den größten Stimmenzuwachs konnte 2013 die CDU in Lichtenberg mit plus 6,8 Prozent verbuchen. Sie kam auf 23,1 Prozent, gefolgt von der SPD mit 20,4 Prozent, den Grünen mit 5,8 Prozent und den Piraten mit 3,7 Prozent.

Der Bezirk Lichtenberg (mit den Stadtteilen Friedrichsfelde, Karlshorst, Wartenberg, Malchow, Falkenberg, Alt- und Neu-Hohenschönhausen, Fennpfuhl, Lichtenberg und Rummelsburg) hatte Ende 2016 eine Einwohnerzahl von 283.121, fast 20.000 Menschen mehr als 2013. Davon sind 205.576 deutsche Staatsbürger im Alter über 18 Jahre. Die Wahlbeteiligung bei der vorangegangenen Bundestagswahl lag in Lichtenberg mit 67,4 Prozent unter dem Berliner Durchschnitt von 72,5 Prozentpunkten.

Die Kandidaten im Überblick:

Bei der Bundestagswahl haben Sie eine Erst- und eine Zweitstimme. Mit der Erststimme wählen Sie Ihren lokalen Wahlkreiskandidaten, mit der Zweitstimme die Partei Ihres Vertrauens. Im Wahlkreis 86 treten in Lichtenberg folgende Kandidaten an:

CDU – Prof. Dr. Martin Pätzold, Bundestagsabgeordneter

SPD – Kevin Hönicke, Lehrer

DIE LINKE – Dr. Gesine Lötzsch, Bundestagsabgeordnete

Bündnis 90/ Die Grünen – Dr. Hannah Neumann, selbstständige Gutachterin

FDP – Dirk Gawlitza, Unternehmer

Piraten – Olaf Lengner, Angestellter

Die Partei – Stefan Sacharjew, Künstler, Autor, Redakteur

MLPD – Dagmar Arnecke, Rentnerin

Gesundheitsforschung – Felix Werth, Parteivorsitzender,Biowissenschaftler

Parteilos – Oliver Snelinski, Lehrer

AfD – Dr. Marius Radtke, Zahnarzt

NPD – Manuela Tönhardt, Kulturwissenschaftlerin

 

Übrigens: Am 24. September findet außerdem der Volksentscheid über den Weiterbetrieb des Flughafens Berlin-Tegel „Otto Lilienthal“ statt. Nicht unwichtig, insbesondere für die Malchower Einwohner, die unter zunehmenden Fluglärm zu leiden haben.

 

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