Wenn die Sirenen heulen, geht es um Minuten.

Wer löschen will, muss lernen

02.04.2017, Marcel Gäding

Kontrolliertes Feuer vor unserem Gerätehaus irgendwo bei Storkow. Fotos: Marcel Gäding

Das letzte Mal, als ich die 112 wählte, ist ein paar Jahre her. Meine Frau und ich saßen auf der Sommerterrasse beim Griechen in der Ruschestraße, als uns ein dumpfer Aufprall aufhorchen ließ. Nur weniger Meter von uns war ein junger Mann aus dem Fenster eines Hotels gesprungen und auf einem Vordach gelandet. Eilig lief ich rüber, holte mein Handy aus der Hosentasche und rief bei der Berliner Feuerwehr an. Die war auch schnell zur Stelle, rückte mit Drehleiter und Rettungswagen an. Schwer verletzt kam der Patient ins Krankenhaus. Wie sich später herausstellte, hatte er sich dem Vernehmen nach in dem Hotel mit einem Mann getroffen, der ihm dann wohl an die Wäsche gehen wollte. Aus unerklärlichen Gründen suchte der Mittzwanziger verzweifelt das Weite – in dem er aus dem Fenster stürzte. Monate später lernte ich bei einem Termin mit dem damaligen Lichtenberger Bezirksbürgermeister und heutigen Innensenator Andreas Geisel (SPD) die Jungs der Freiwilligen Feuerwehr Lichtenberg kennen und staunte, dass neben den Kameraden der Berufsfeuerwehr in Berlin auch Männer und Frauen im Ehrenamt retten, bergen, löschen. Müde lächelnd nahmen sie zur Kenntnis, dass ich zu DDR-Zeiten „Junger Brandschutzhelfer“ war.

Seit drei Wochen bin ich selbst Feuerwehrmann. Auf dem Lande gibt es, bis auf einige größere Städte in Brandenburg, keine Berufsfeuerwehren. Wenn es irgendwo kracht, der Wald brennt oder ein Haus in Flammen steht, rücken ehrenamtliche Kräfte aus. Außenstehende bemerken meist keinen Unterschied zu den Einsätzen hauptamtlicher Feuerwehrfrauen und -männer.

Nur wenige Monate nach unserem Umzug in einen kleinen Ort irgendwo bei Storkow lag in meinem Briefkasten ein Aufnahmeantrag für die Freiwillige Feuerwehr. Unser Löschgruppenführer hatte bemerkt, dass wir neu sind und dass ich nicht abgeneigt wäre, mich in der Feuerwehr zu engagieren. Und so ging ich vor gut einem Jahr das erste Mal zum Dienst – so werden die monatlichen Treffen genannt, bei denen es einerseits um Organisatorisches geht und andererseits um die Vermittlung von theoretischem und praktischem Wissen. Und ja, auch das gesellige Zusammensein nach getaner Arbeit gehört dazu. Ehe ich mich versah, wurde ich vom Stadtwehrführer mit einer PSA – persönlichen Schutzausrüstung – ausgestattet: Feuerwehrschutzhelm mit Nackenschutz, Feuerwehreinsatzkleidung, Feuerwehrschutzhandschuhe und Feuerwehrschutzschuhwerk. In den darauffolgenden Monaten war ich so gut es ging zur Stelle, wenn die Sirene einen Einsatz meldete. Zweimal war ich dabei, als umgestürzte Bäume von der Straße geholt werden mussten, zweimal rückte ich mit aus zu Waldbränden, einmal zu einem Dachstuhlbrand. Zu St. Martin sicherte ich mit unserem Mannschaftstransportwagen (MTW) den Laternenumzug unserer Dorfkinder ab. Ich begnügte mich meist mit einfachen Hilfstätigkeiten. Denn welcher Schlauch an die Tragkraftspritzenpumpe gekoppelt wird und wie man Wasser aus offenen Gewässern als Löschwasser nutzt, wusste ich bis dahin als deutlich in die Jahre gekommener „Junger Brandschutzhelfer“ nur noch sehr lückenhaft. Ich bewunderte meine Kameraden, die sich bei jedem Einsatz fast blind vertrauen konnten. Jeder wusste, was zu tun ist. Jeder Handgriff saß. Und das aus gutem Grund: Zum Einsatz kommen nur Kameradinnen und Kameraden, die vorher eine Grundausbildung absolviert haben. Das ist sogar streng geregelt in den sogenannten Feuerwehrdienstvorschriften. Im Klartext: Wer löschen will, muss lernen.

Unzählige Stunden hat mich ein befreundeter Kamerad privat unterrichtet. Meist nutzten wir dafür die sonntäglichen Vormittagsstunden. Ich habe nicht gezählt, wie oft wir um unser Löschgruppenfahrzeug LF 20/16 gegangen sind, Schubladen öffneten, Kisten herunterholten … Im Februar schließlich verbrachte ich meine Wochenenden mit vielen anderen Kameradinnen und Kameraden in Seminarräumen oder in Fahrzeughallen oder auf matschigen Wiesen, wo wir imaginäre Feuer löschten. Am Ende folgte ein schriftlicher und praktischer Test. Fast jeder von uns hielt danach glücklich seine Urkunde in der Hand.

Vor einigen Tagen waren wir gerade mit unserem Gasthund am See unterwegs, als gleich in mehreren Orten um uns herum die Sirenen heulten. Nein, dieses Mal werde ich es nicht schaffen, rechtzeitig am Gerätehaus zu sein, innerhalb von wenigen Minuten in meine Einsatzkleidung zu schlüpfen, schoss mir durch den Kopf. Auf dem Heimweg sah ich den Grund für den Alarm: Ein schwer verletzter Motorradfahrer, der auf der Landstraße mit einem tieffliegenden Greifvogel kollidierte. Meine Kameraden, aber auch Rettungsdienst und Feuerwehrleute aus dem Nachbardorf, waren schnell zur Stelle, versorgten den Verletzten, der anschließend ins Unfallkrankenhaus Berlin geflogen wurde. Dass bei jedem Alarm Männer und Frauen auf dem Lande alles stehen und liegen lassen, um zu helfen, verdient Respekt und Anerkennung. Ich bin stolz, ein Teil von ihnen zu sein.

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf.

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