Drinnen + draußen

Wer lesen kann…

18.03.2018, Birgitt Eltzel

Zeichnung und Foto: Birgitt Eltzel

Sie hatte sich auf den Abend gefreut. Ihr früherer Kollege Torsten Harmsen hatte sein mittlerweile drittes Buch verfasst und stellte es in einer Buchhandlung in einem Köpenicker Einkaufszentrum vor. Da wollte sie dabei sein, denn sie erinnerte sich gern daran wie humorvoll er seinerzeit immer Schnurren und Schwänke vorgetragen hatte, oft in Berliner Mundart. Dem Thema, wie Berlin und die Berliner ticken (und auch manchmal noch sprechen) hat er sich seit langem auch in seinen Kolumnen in der Berliner Zeitung verschrieben, jetzt gibt’s die besten davon gesammelt in einem Band (“Neulich in Berlin – Kurioses aus dem Hauptstadt-Kaff”). Sie wollte das Büchlein kaufen, allerdings auch live dabei sein, wenn der Autor die Glossen über das Hauptstadtleben aus der Sicht eines Urberliners vorträgt.

Wie Gerhard Schröder am Kanzleramt

Der Autor hatte ihr eine Eintrittskarte geschickt, sie war überpünktlich vor Ort, getreu der Devise: Frühzeitiges Erscheinen sichert die besten Plätze. Weil aber in der Buchhandlung noch Feierabendbetrieb war, schaute sie sich kurz im Center um. Sie studierte das aushängende Plakat, das mitteilte, dass die Lesung um 20.15 Uhr beginnt, und den Aufkleber „ausverkauft“ trug. Macht nichts, sie hatte ja eine Karte, dachte sie und nahm auf einer Bank vor dem Geschäft Platz. Die Verkäuferinnen machten pünktlich um 20 Uhr den Laden dicht. Als sich 8 Minuten danach immer noch nicht die Türen zur Veranstaltung wieder geöffnet hatten, wurde sie unruhig. Wo blieben denn die Teilnehmer? Die waren, wie sie dann zu erkennen glaubte, wohl klüger als sie gewesen und schon alle drinnen – weit weg von ihr, in einem hinteren Raum. Sie hatten die Buchhandlung sicherlich noch zur regulären Ladenöffnungszeit betreten wie es anscheinend Usus ist, dachte sie. Mist! Warum hatte sie sich nicht richtig informiert? Sie klopfte an die Glastür und machte Lärm wie weiland der Juso Gerhard Schröder am Zaun vom Kanzleramt: Ich will da rein. Vergeblich. Die letzten verbliebenen Kunden im Center betrachteten sie mitleidig: Eine ältere Dame, die einen solchen Zirkus veranstaltet! Die meisten zuckten dann mit den Schultern: Det is’ ebent Berlin! Schließlich gibt es wohl nichts Absonderliches, was in dieser Stadt nicht auch als normal durchgeht.

Im zweiten Anlauf perfekt

Ungehörter Dinge fuhr sie nach Hause, entschuldigte sich per Facebook bei ihrem Ex-Kollegen. Sie hatte wieder einmal erfahren müssen, wie recht ihre Mutter doch hatte. Diese hatte ihr schon in der Kindheit ständig eingebläut: „Lieber einmal mehr fragen als zu wenig…“ Hätte, hätte, Fahrradkette. Wer nicht hören kann, muss fühlen. Dummheit wird bestraft. Sie ärgerte sich. Als sie am nächsten Tag eine Nachricht vom Autoren bekam, musste sie lachen. Über sich selbst. Er hatte geschrieben: „Die Lesung ist doch erst heute!“ Sie hatte sich schlicht ein falsches Datum gemerkt und weder in ihren Kalender noch auf die Eintrittskarte geschaut. Wer Lesen kann, hat eben mehr vom Leben.

Es wurde dann doch noch ein schöner Abend mit perfektem Berlin-Gefühl. Im zweiten Anlauf…

 

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