Zwischen Stadt und Land

Wenn Kinderaugen glänzen

23.12.2016, Marcel Gäding

Tierheimkatze Lilly feiert seit einem Jahr Weihnachten auf dem Land.

Das Leben auf dem Land hat in diesen von Hass, Gewalt und Terror geprägten Zeiten etwas sehr Angenehmes. Sobald wir nach einem anstrengenden Tag unser kleines Dörfchen irgendwo bei Storkow erreichen, ist die Welt wieder in Ordnung. Gerade in dieser Jahreszeit wirkt alles noch viel beschaulicher: Fenster und Vorgärten sind liebevoll geschmückt, während der auf Bäumen, Gräsern und Sträuchern entstandene Raureif für eine zauberhafte Atmosphäre sorgt. Das Elend und das Leid, die vielen schrecklichen Bilder eines Tages scheinen vergessen.

Es ist schon fast eine kleine Tradition, dass einer von uns zum Wochenende hin auf seinem Grundstück ein kleines Feuerchen macht. Wir sitzen im Kreis, trinken etwas und sprechen über dies und das, während sich die Flammen durch das trockene Holz arbeiten und für dieses herrliche Knistern sorgen. Hin und wieder kommen ganz spontan andere Dorfbewohner dazu. Auf dem Land ist das alles locker. Und das ist auch gut so.

An einem dieser Abende beschlossen Stephie, Ulrike und Gerry, in die große Stadt zu fahren, um abends zu den Chippendales zu gehen. Das sind jene gut gebauten, durchtrainierten und von reichlich Öl überzogenen Männer, die zumeist Damen – und auch einigen, wenigen Herren – den Verstand rauben. Das könnte doch ein lustiger Abend werden, dachten sich unsere drei Frauen. Angekommen im Tempodrom stießen die Mädels auf lauter aufgeregte Besucherinnen – und auf eine Wand voller Wünsche. Auf kleinen Zetteln hatten Berliner Kinder aus sozial schwachen Familien aufgemalt, was ihnen der Weihnachtsmann bringen soll. Ben, zwei Jahre, wünschte sich Knete. Und die ebenfalls zweijährige Maria wollte so gerne ein Memoryspiel. Bei Diana ließ das Bild eine Barbie-Puppe erkennen, während sich Mia nach einer Puppe sehnte.

Wir haben es gut auf dem Dorf. Gefühlt hat jeder einen Job. Mehrmals im Jahr in den Urlaub zu fahren, einfach mal so Dinge zu kaufen, die wir schon lange haben wollten – all das ist schon irgendwie Alltag. Und doch – vielleicht auch gerade deswegen – denken wir oft an jene, denen es, aus welchen Gründen auch immer, nicht so gut geht.

Als Stephie, Ulrike und Gerry von ihrem spätabendlichen Vergnügen nach Hause kamen, brachten sie eine Handvoll dieser kleinen Wunschzettel mit. Es dauerte keine Woche, da hatten sie alle Geschenke für Ben, Mia, Diana und Maria zusammen. Und nicht nur das: Die kleinen Präsente, liebevoll verpackt, enthielten auch Süßigkeiten und altersgerechte Kinderbücher – zudem einen kleinen, handgeschriebenen Gruß vom Weihnachtsmann. Unsere Frauen zögerten nicht eine Sekunde, den Kindern aus der Großstadt eine Freude zu bereiten.

Gern hätten wir all die glänzenden Augen der Kleinen gesehen. Das ist schließlich das Allerschönste zu Weihnachten. So stellen wir uns beim nächsten Feuerchen vor, wie sich die Kinder gefreut haben – und stoßen auf unsere Frauen an, die wir lieben und auf die wir sehr stolz sind.

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf.

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