Kein Grund zum Ausruhen für die Direktkandidaten der Parteien

Wie wird Marzahn-Hellersdorf wählen?

21.09.2017, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Marzahn-Hellersdorf. Frau Staatsministerin macht sich rar. An diesem Abend warten die Zuhörer des vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und der Volkssolidarität organisierten Wahlforums vergeblich auf Monika Grütters. Die Direktkandidatin der CDU bei den Wahlen zum Deutschen Bundestag am 24. September hat kurzfristig abgesagt, weil sie wegen ihrer weiteren Verpflichtungen terminliche Probleme hat. Denn Grütters ist nicht nur Kultur-Staatsministerin, sondern auch Vorsitzende des CDU-Landesverbandes. „Die wohnt bestimmt irgendwo in Westberlin“, lästert vor Beginn des Wahlforums eine ältere Dame. Kandidaten aus dem Westen haben es hier immer noch schwer. Aber auch jene Aspiranten auf das Direktmandat, die im Bezirk groß wurden, werden kritisch beäugt. Lange war der Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf fest in der Hand der Linken. Die Konkurrenz um das Direktmandat jedoch ist größer denn je. Es ist nicht auszuschließen, dass es dieses Mal Überraschungen gibt.

AfD nicht auf dem Podium

Der Abend im Stadtteilzentrum Marzahn-Mitte ist ein Heimspiel für die langjährige Bundestagsabgeordnete aus Marzahn-Hellersdorf, Petra Pau (Linke). Viele Zuhörer begrüßen die Politikerin, die bereits das fünfte Mal für das oberste deutsche Parlament kandidiert, vor der Diskussion mit Handschlag, einige duzen sie. Ein wenig erinnert das Aufeinandertreffen zwischen der Vizepräsidentin des Bundestages und den vornehmlich älteren Männern und Frauen an ein Wiedersehen alter Freunde. Die Teilnehmer auf dem Podium sind handverlesen. Dmitri Geidel (SPD) ist da, Stefan Gelbhaar von den Grünen und eben Petra Pau. Die FDP hat man gar nicht erst eingeladen, auch Jeannette Auricht von der AfD muss sich mit einem Platz in der hintersten Reihe beim Publikum begnügen. Man habe gute Gründe, warum man der AfD keine Plattform bieten wolle, sagt Dagmar Poetzsch, die Kreisvorsitzende des DGB, und bezeichnet die AfD als „Gefahr für den sozialen Frieden“. Vornehmlich geht es um die Themen Rente und Bildung.

FDP auch nicht

Geidel – geboren in Leningrad (heute Sankt Petersburg), aufgewachsen in Berlin – kokettiert mit seinem Alter, setzt sich für Kitapflicht und kostenlose Bildung ein und findet es ungerecht, dass Menschen nach einem langen Arbeitsleben ihre Rente aufbessern müssen. Es sei traurig, dass die Renten in Ost und West bis 2025 angeglichen werden sollen, wirbt für die Bürgerversicherung und wettert gegen den rechten Ungeist in der Bundeswehr. Wer verhindern wolle, dass die Rüstungsetats verdoppelt werden, müsse Martin Schulz zum Bundeskanzler wählen. Großes Gelächter. Petra Pau referiert in ihrer gewohnt ruhigen Art, fordert eine sanktionsfreie Mindestsicherung, eine Kinder-Grundsicherung und eine Mindestrente als Ersatz für Hartz IV. Schulen gehörten bundesweit einheitlich ausgestattet, auch die Lehrerausbildung und die Abschlüsse dürften nicht mehr differenziert werden. Umgehend aber sollen die Renten zwischen Ost und West angeglichen werden. Punkt für Pau. Stefan Gelbhaar von den Grünen hat da kaum entgegengesetzte Positionen: Rentenangleichung – ja! Bürgerversicherung – unbedingt! Bessere Bezahlung von Erziehern – keine Frage! Gelbhaar, der die weitestgehend unbekannte grüne Direktkandidatin Inka Seidel-Grothe vertritt, ist nicht auf Krawall aus. Pau und Geidel aber auch nicht. Fast könnte man meinen, rot-rot-grün stellt die kommende Regierung. Ein wenig schade ist es schon, dass die FDP nicht mit diskutieren durfte. So bleibt der Abend weitestgehend ohne Widerrede. Aber auch sonst findet die FDP in der Wahrnehmung nicht statt, sieht man mal von den Plakaten des Spitzenkandidaten Christian Lindner ab. Auf der Internetseite des Bezirksverbandes findet sich kein (!) Hinweis auf die Wahlen und den Direktkandidaten Roman-Francesco Rogat. Man muss den Namen des jungen Mannes schon gezielt im Internet suchen, um auf dessen Wahlseite zu gelangen.

Ausruhen können sich die traditionellen Parteien für die Bundestagswahl in Marzahn-Hellersdorf aber nicht. Vor allem die AfD dürfte den Parteien Stimmen wegnehmen, holt sich mit dem umstrittenen Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke prominente Unterstützung. Jeannette Auricht sagt, dass sie kaum Einladungen zu den Wahlforen bekommt. Vermutlich muss sie aber auch nicht unbedingt präsent sein. Nachdem die AfD vor allem in Marzahn bei der letzten Abgeordnetenhauswahl beachtliche Ergebnisse erzielte, dürfte sie auch dieses Mal etliche Protestwähler für sich interessieren. Auf die Inhalte kommt es da weniger an.

Zustimmung bei Wahlen schwindet

Das Portal election.de sieht Petra Pau zwar klar als Favoritin für das Direktmandat. Doch es ist nicht auszuschließen, dass es bei dieser Wahl – ähnlich wie im vergangenen Jahr zur Abgeordnetenhauswahl – Überraschungen gibt. Damals gingen zwei sicher bei den Linken verortete Wahlkreise zum Erstaunen Vieler direkt an die AfD-Kandidaten Jessica Bießmann und Norbert Gunnar Lindemann. Zudem ist davon auszugehen, dass Pau an Zustimmung verliert. Errang sie 2009 noch 47,7 Prozent, waren es 2013 nur noch 38,9 Prozent. Dicht dahinter lag die CDU, die vor allem in den Siedlungsgebieten von Mahlsdorf, Biesdorf und Kaulsdorf viele Anhänger hat. Und so konzentriert sich auch Monika Grütters in ihren Briefen an die Wähler auf diese Klientel. „Wer im Bund eine rot-rot-grüne Koalition verhindern will, die dem Land Berlin bereits heute schadet, der muss mit beiden Stimmen CDU wählen“, heißt es da. Sorgen müssen sich vermutlich weder Pau noch Grütters machen. Über sogenannte Landeslisten sind sie gut abgesichert und stehen dort jeweils auf Platz eins. Klappt es nicht mit einem Direktmandat, ziehen sie aller Wahrscheinlichkeit dennoch in den Bundestag.

Die Kandidaten im Überblick:

Bei der Bundestagswahl haben Sie eine Erst- und eine Zweitstimme. Mit der Erststimme wählen Sie Ihren lokalen Wahlkreiskandidaten, mit der Zweitstimme die Partei Ihres Vertrauens. Im Wahlkreis 85 treten in Marzahn-Hellersdorf folgende Kandidaten an:

CDU – Monika Grütters, Staatsministerin

SPD – Dmitri Geidel, Jurist

DIE LINKE – Petra Pau, Bundestagsvizepräsidentin

Bündnis 90/ Die Grünen – Inka Seidel-Grothe, Tanz und Theaterpädagogin

FDP – Roman-Francesco Rogat, IT-Systemkaufmann

Freie Wähler – Detlef Zelinski, Dipl.-Ing. für Heiztechnik (FH)

Die Grauen – Marianne Seipp, Hausfrau

Mieterpartei – Steffen Doebert, EU-Rentner

AfD – Jeannette Auricht, kaufmännische Angestellte

NPD – Andreas Käfer, Handwerker

 

 

 

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