Auch zahlreiche Architektinnen schufen Marzahn und Hellersdorf

Von Frauen geplant

08.03.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn-Hellersdorf. Die Erbauerinnen der Großsiedlungen Marzahn und Hellersdorf sind auch im Bezirk weitgehend unbekannt. Im Gegensatz zum früheren Ost-Berliner Stadtbaudirektor, Architekt und Leiter des Aufbaustabs von Marzahn, Dr. Günther Peters, der sich später auch um die Rettung und Sanierung von Schloss Biesdorf verdient machte. Den Schöpfer etlicher aus dem Raster der üblichen Typenbauten fallender Gebäude in Marzahn, den Architekten Professor Wolf-Rüdiger Eisentraut, kennt ebenfalls nicht nur die Fachwelt. Doch die Frauen, die Wohngebiete, Einkaufs- und Gewerbezentren, den Straßenbahnhof Marzahn und das (schon wieder abgerissene) Klärwerk Falkenberg planten und errichteten, sind weitgehend anonym geblieben. Selbst in vielen zu Marzahn-Hellersdorf erschienenen Büchern und Broschüren werden ihre Namen nicht genannt. Der oben erwähnte Wolf-Rüdiger Eisentraut, DDR- Stararchitekt und Leiter eines Kollektivs im Ingenieurhochbau (IHB) Berlin (baute mit seinem Team u.a. die Marzahner Promenade und das Ensemble am Helene-Weigel-Platz inklusive Rathaus), würdigt nun seine ehemaligen Berufskolleginnen in einem Aufsatz über die „Architektinnen der Großsiedlungen“. Er ist im gerade erschienenen 15. Band der „Beiträge zur Regionalgeschichte“ nachzulesen, der unter dem Titel „Frauengeschichte(n)“ vom Heimatverein Marzahn-Hellersdorf herausgegeben wurde.

40 bis 60 Prozent Frauen

Nach Erhebungen des Bundes der Architekten der DDR im Jahr 1982 waren 40 bis 60 Prozent Frauen in den Planungs- und Projektierungsbüros tätig – erst- und einmalig in der Geschichte des Bauens, schreibt Eisentraut. Denn das galt und gilt noch immer als Männerdomäne. In seinem Planungsbüro im IHB, das er als Komplexarchitekt leitete, seien 1986 von 76 Mitarbeitern 44 Frauen gewesen – Architektinnen, Ingenieurinnen und Zeichnerinnen. Auch in den Wohnungsbaukombinaten (WBK), die alle Wohngebäude errichteten, war das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Architekten und Architektinnen ähnlich. „Also kann man mit Fug und Recht konstatieren, dass die Großsiedlungen Marzahn und Hellersdorf von Bauarbeitern gebaut und von Architektinnen geplant worden sind“, schreibt der heute 74-Jährige.

Weitgehend anonym

Zu DDR-Zeiten wurde das Errichten von Bauten, insbesondere von Wohnbauten, nicht als individuelle, sondern als kollektive und gesellschaftliche Leistung betrachtet. Zudem trug das System der Typenbauten, die hundertfach zur Anwendung kamen, dazu bei, dass deren ursprüngliche Schöpferinnen und Schöpfer unbekannt blieben. Auch dürfe nicht darüber hinweggesehen werden, „dass es in den Baukombinaten (und auch anderswo) eine Phalanx alter Männer gab, die ihre Position vehement gegen nachstrebende junge und vor allem gegen Frauen verteidigten“, schreibt Eisentraut. Er erinnert an den 1976 erschienen Roman „Franziska Linkerhand“ von Brigitte Reimann, der schildert, wie eine begabte junge Architektin im Planungskollektiv für eine neue Stadt zwischen Typenbauideologie und Planerfüllungskennziffern gegen Chefs und Baufunktionäre für ihre Ideale kämpft und manchmal dabei zu verzweifeln droht.

Katalog über Urheber?

Um auch den Beitrag der Frauen beim Bau der Großsiedlungen Marzahn und Hellersdorf sichtbar zu machen, schlägt Eisentraut vor, einen Katalog zu Bauwerken und deren Architektinnen und Architekten zu erstellen – ähnlich jenem Band, den es bereits zu baugebundener Kunst („Kunst in der Großsiedlung“) mit detaillierten Urheberangaben gibt. Eine Idee, die angesichts des am 5. Januar 2019 bevorstehenden 40. Jahrestags der Gründung des Bezirks Marzahn durchaus zu begrüßen wäre.

Architekturpreis für Kaulsdorf-Nord I

Übrigens: Wussten Sie schon, dass das Wohngebiet Kaulsdorf Nord 1 zwischen Altentreptower und Cecilienstraße das Werk dreier Planerinnen ist, die 1982 dafür gemeinsam mit dem Architekturpreis Berlin geehrt wurden? Es waren Dr. Ute Baumbach aus Rostock, Dr. Iris Grund aus Neubrandenburg und Traute Kadzioch aus Schwerin. Das Viertel wurde von den drei DDR-Nordbezirken errichtet. Ist Ihnen bekannt, dass der denkmalgerechte Wiederaufbau von Schloss Biesdorf ebenfalls von einer Frau vollendet wurde? Die Architektin Dr. Mara Pinardi mit ihrem Büro gab dem Gebäude an der Bundesstraße 1/5 Alt-Biesdorf sein zweites Stockwerk wieder – und die neue Nutzung seit September 2016 als Kunsthaus und Galerie. Ein nettes Café befindet sich ebenfalls im Erdgeschoss.

Frauengeschichte(n), herausgegeben vom Heimatverein Marzahn-Hellersdorf, 159 Seiten, ist für 7 Euro zu beziehen beim Heimatverein (Frau Schuricht, Haydnstraße 7, 12683 Berlin, Tel.: 51 700 717); in der Buchhandlung KIK, Marzahner Promenade 37, 12679 Berlin; in der Kaulsdorfer Buchhandlung, Heinrich-Grüber-Strasse 9, 12681 Berlin; in der Buchhandlung Petras, Fritz-Reuter-Strasse 12, 12623 Berlin und im Bezirksmuseum, Alt-Marzahn 51, 12685 Berlin.

 

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