Ein 30 Jahre altes Jugendtheater im Aufbruch und im Umzug

Vom schönen- zum lichten Berg

04.10.2017, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Rummelsburg. Das Theater Strahl wird in naher Zukunft seine Zentrale endgültig von Schöneberg nach Lichtenberg verlegen. Darüber informierte der Leiter des Theaters, Wolfgang Stüßel kürzlich die Öffentlichkeit. Die bisherige Heimstatt, das Kulturzentrum „Die Weiße Rose“ in der Martin-Luther-Straße ist zu klein geworden. Zudem musste man sich die Spielstätte mit anderen Kunstaktivisten teilen, die Bestuhlung war flach und nicht theatergerecht.

Schon seit 2013 nutzt das Theater, das sich an Jugendliche ab 13 Jahre wendet, ein außergewöhnliches wie schönes Gebäude auf dem Areal der 2016 eröffneten Jugendherberge Berlin Ostkreuz an der Marktstraße. Es ist eine denkmalgeschützte, ehemalige Doppelstockturnhalle mit zwei großen Sälen, Teil des Gebäudeensembles, das 1906-08 als Gemeindeschule in märkischer Backsteingotik erbaut wurde.

Schauspiel in einer Doppelstock-Turnhalle

Seit 2009 standen die Häuser leer. Davor wurden sie von der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (heute HTW) genutzt. Das Land Berlin hatte den Komplex schließlich an das Deutsche Jugendherbergswerk verpachtet, welches die Gebäude aufwendig modernisierte und im Juni 2016 eine der schönsten Jugendherbergen Berlins eröffnete (LiMa+ berichtete). Die Turnhalle jedoch war bisher von der Instandsetzung ausgenommen. Wolfgang Stüßel und seine Leute hatten als Untermieter das Inlett der einstigen Sportstätte provisorisch für ihre Zwecke umgebaut, mit einer Bühne, Technik und Theaterbestuhlung im unteren Saal ausgestattet. – Und erfolgreich den Spielbetrieb aufgenommen. Aus Sicherheitsgründen mit temporären Genehmigungen zunächst für maximal 70 Besucher, im vergangenen Winter wurden zusätzliche Ein- und Ausgänge gebaut, nun sind die Räumlichkeiten für 199 Personen zugelassen.

Das Nachbargebäude, früher Trafohaus und Lager, haben die Theaterleute innerhalb von zwei Wochen zum Foyer, inklusive Bar umgebaut – komplett aus Euro-Palletten und Lampen von einem früheren Bühnenbild. „Wir haben ein bisschen improvisiert“, sagt Lena Lenz, verantwortlich für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Und es sieht toll aus.

Synergien mit Berlins schönster Jugendherberge

Perspektivisch finden in einem „Turnhallen“- Saal 280 Personen, in dem anderen 180 Zuschauer Platz. Schon jetzt seien die Vorstellungen sehr gut besucht, informiert der Theater-Chef. Dank der Herberge in der unmittelbaren Nachbarschaft würden sich Synergien ergeben, man arbeite ausgezeichnet mit dem Betreiber zusammen. Gäste kämen aber aus ganz Berlin, darunter auch viele Touristen, es würden viele Sprachen gesprochen.

Lotto sei Dank!

Nun hat die Lotto Stiftung Berlin Gelder für die Modernisierung in Höhe von knapp zwei Millionen Euro in Aussicht gestellt. „Das ist so gut wie eine Zusage“, erklärt Wolfgang Stüßel begeistert. „Nun hängt es davon ab, dass wir noch in diesem Jahr einen qualifizierten Bauantrag beim Senat einreichen“, ergänzt der Architekt Arndt Kerber vom Architekturbüro Gössler, Kinz, Kerber, Kreienbaum. Der müsse geprüft und abgesegnet werden – dann könnten in den Sommerferien 2018 die Bauarbeiten beginnen. Der Fachmann blickt nachdenklich zur Decke des unteren Geschosses. Dort liegen die Stahlträger teilweise frei. „Der Aufwand, den wir betreiben müssen, hängt wesentlich vom Zustand der Deckenkonstruktion ab“, sagt Arndt Kerber. Den untersuche man gerade. Der Architekt rechnet mit einem Jahr Bauzeit. „Wir werden behutsam vorgehen und den Charme des schönen, alten Baus nicht auskehren“, so der Planer. Er will in der knapp sechs Meter breiten Lücke zwischen dem Theatergebäude und dem Nebenhaus ein Bauteil setzen, das dann den Theatereingang mit Aufzug und Treppen bilden wird.

Ob der untere Saal, die feste Theaterbestuhlung behält und der obere mobile Sitzmöbel bekommt oder umgekehrt, das steht noch nicht fest. Stüßel will möglichst viele Räume flexibel nutzen können, zum Beispiel für Proben, Workshops und Festivals. Im Haupthaus der Jugendherberge gebe es auch noch ein Kellergewölbe, das im Einvernehmen mit der Herberge zeitweise für Proben oder gemeinsame Veranstaltungen genutzt werden könne. 90 Leute hätten dort Platz. Im ehemaligen Seminargebäude, gleich nebenan, gebe es noch einmal 14 Räume.

Gastspiele in Rumänien, den Niederlanden und Simbabwe

Während der Bauarbeiten soll das Theater nach Möglichkeit weiter bespielt – oder für kleine Veranstaltungen und Lesungen genutzt werden – immer in den Räumen, wo gerade nicht gewerkelt wird. Für die Tanzstücke schauen sich die Theater-Macher schon nach einem Ersatzraum während der Bauphase um. Stüßel bezeichnet den Lichtenberger Theaterstandort schon als „Zentrum und Kraftwerk“, von dem aus zum Beispiel auch Marzahn-Hellersdorf oder Treptow-Köpenick bespielt werden könnten. „Wir werden die Räumlichkeiten in Schöneberg aber vorerst nicht aufgeben“, sagt er. Man sei mit dem Bezirk im Gespräch, um sie für Bildungsarbeit zu erhalten.

Das Jugendtheater Strahl feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen. „Wir befinden uns aber gerade in einem großen Aufbruch“, sagt der Theaterleiter. Gerade ist die neue Webseite online gegangen, bald werde der symbolische Spatenstich für die Modernisierung der Spielstätte vollzogen und man stehe kurz vor einem Gastspiel in Rumänien. Auch die Zusammenarbeit mit Theatern in Simbabwe und in den Niederlanden sei erfolgreich. „Gemeinsam mit der Jugendherberge versuchen wir viele internationale Begegnungen und Festivals zu etablieren“, so Stüßel. 2019 werde am Standort ein internationales Seminar durchgeführt. 40 Regisseure aus aller Welt tauschten sich dann zum Thema Kinder- und Jugendtheater aus.

Karen Giese, die stellvertretende Theaterleiterin ergänzt: „Der Spielplan bis zum Jahresende ist voll bepackt und vor dem Baustart gibt es noch eine Premiere.“ Das neue Stück trägt den Namen „#berlinberlin“ und erzählt die Geschichte von Ingo, der am Tag des Mauerbaus im Ostteil der Stadt geboren wurde und später einen Ausreiseantrag stellt. Dem wird von den DDR-Behörden schließlich stattgegeben. Als Ausreisetag ist der 10. November 1989 festgesetzt…

 

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