Willkommen, neue Nachbarn!

Viele packen freiwillig mit an

12.10.2015, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Die seit 2009 bestehende Freiwilligenagentur Marzahn-Hellersdorf hat bisher rund 1.700 Menschen, die sich ehrenamtlich betätigen wollen, vermittelt. Die Einrichtung, getragen vom Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum Berlin-Brandenburg, hat rund 250 Kooperationspartner im Bezirk. Darunter sind beispielsweise die IGA Berlin 2017, Altenheime und Jugendtreffs. Derzeit ist die Freiwilligenagentur besonders in der Flüchtlingshilfe aktiv. Sie kümmert sich unter anderem darum, die Hilfsangebote in der Notunterkunft am Glambecker Ring zu koordinieren und dort beispielgebend nachhaltige Strukturen zu schaffen. LiMa+ sprach mit dem Leiter, Dr. Jochen Gollbach.

LiMa+: Auch in Marzahn-Hellersdorf mussten, wie überall in Berlin, in kürzester Zeit Hunderte von geflüchteten Menschen untergebracht werden. Zahlreiche Freiwillige haben dabei geholfen, in ihrer Freizeit, in ihrem Urlaub. Was sind das eigentlich für Leute?

Dr. Jochen Gollbach: Das ist ganz spannend. Es sind viele junge Menschen darunter, die sich über Facebook-Gruppen zusammengefunden haben, sehr schnell und spontan reagierten. Aber es gibt auch viele Ältere, die Zeit und Lust haben, sich für Flüchtlinge zu engagieren. Und auch eine Gruppe ist aktiv geworden, an die wir sonst als Freiwilligenagentur nicht so gut herankommen: Berufstätige. Die Helfer sind quasi ein Querschnitt der Bevölkerung – von Akademikern über Arbeiter und Angestellte bis hin zu Schülern, Studenten und Rentner. Sie eint, dass sie den Flüchtlingen helfen wollen.

LiMa: Welche Hilfe wird denn gebraucht?

Dr. Jochen Gollbach: Das richtet sich auch nach der Art der Unterkunft. Glambecker Ring und Bitterfelder Straße 11 und 13, die drei jüngsten Einrichtungen, sind Notunterkünfte, wo die Flüchtlinge maximal drei Monate bleiben sollen. Da ging es zunächst um den Aufbau von Betten und Schränken, um das Betreiben der Kleiderkammer und um Unterstützung bei der Essenausgabe. Und  dann um ganz praktische Tipps zum Zurechtfinden im Viertel und in der Stadt, um Begleitung bei Behördengängen. Die Heime am Blumberger Damm, in der Hellersdorfer Carola-Neher-Straße und an der Otto-Rosenberg-Straße sind Gemeinschaftsunterkünfte, in denen die Bewohner mindestens bis zur Klärung ihres Asylantrags wohnen, also eine längere Zeit. Dort wird langfristigere Unterstützung gebraucht, Deutschkurse, Sport- und Kulturangebote u.ä. Ganz besondere Unterstützung benötigen Flüchtlinge, die mit Gutscheinen in Hostels oder Hotels eingewiesen werden. Denn dort gibt es nur die Übernachtungsmöglichkeit, keine Ansprechpartner, keine soziale Betreuung.

LiMa+: Wo ist zu erfahren, was aktuell benötigt wird?

Dr. Jochen Gollbach: Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Für das Heim am Blumberger Damm ist das Stadtteilzentrum Marzahn-Mitte zuständig. Dort können sich Helfer melden. Wir als Freiwilligenagentur vermitteln aber auch an alle Anlaufstellen, die uns Angebote für die ehrenamtliche Tätigkeit melden. Und wir halten Bedarfslisten für Sach- und Zeitspender bereit. Über unsere Website www.aller-ehren-wert.de kann man sich als Helferin oder Helfer registrieren und auch sehen, was gerade benötigt wird. Am Anfang wurde das fast ausschließlich über geschlossene Facebookgruppen koordiniert. Das hatte zum Ergebnis, dass Menschen, die nicht in diesem sozialen Netzwerk unterwegs sind, davon wenig mitbekamen. In der Notunterkunft Glambecker Ring versuchen wir als Freiwilligenagentur jetzt vor Ort die ehrenamtlichen Hilfsangebote zu koordinieren –und damit auch ein Modell zu schaffen, das verstetigt wird und anderenorts ebenfalls funktionieren kann.

LiMa+: Was haben Sie denn bisher für Erfahrungen im Glambecker Ring gemacht?

Dr. Jochen Gollbach: Dass dort vor allem Ansprechpartner und Sprachmittler dringend gebraucht werden. Natürlich hält sich der Anteil von Menschen, die Arabisch beherrschen, hierzulande in Grenzen. Aber viele, besonders junge Leute, sprechen Englisch, auch unter den Flüchtlingen. Italienisch beherrschen auch einige. Aber selbst wenn die Sprachkenntnisse nicht ausgeprägt sind – es geht notfalls auch mit Händen und Füßen. Unterstützung benötigen die Neuankömmlinge besonders beim Erkunden der näheren Umgebung. Die Jugendfreizeitstätte Treibhaus in der Allee der Kosmonauten bietet Spielenachmittage für die Kinder, gut wäre es, wenn sie durch Helfer dorthin und wieder zurückbegleitet werden könnten. Nötig sind besonders niedrigschwellige Angebote in Ortsnähe: Einladen zum Fußballspielen, zum gemeinsamen Gärtnern oder Kochen, nicht unbedingt immer ins Theater, in Ausstellungen oder zum ausgedehnten Tierparkbummel. Da muss man sich nur mal an die eigene Nase fassen: Wir machen ja schließlich auch nicht jeden Tag einen Ausflug oder genießen Hochkultur.

LiMa+: Es gibt das herabsetzend gebrauchte Wort „Gutmensch“, mit denen Flüchtlingsunterstützer von Leuten tituliert werden, die Deutschland durch den Zustrom von Menschen überfordert sehen. Sind die engagierten Freiwilligen naive Sozialromantiker?

Dr. Jochen Gollbach: Mir ist hier noch kein naiver Sozialromantiker begegnet. Es ist eher so wie seinerzeit beim Elbehochwasser, wo ein ausgeprägtes Bedürfnis zur Hilfe entstanden ist, als die Bürgerinnen und Bürger gemerkt haben, dass die staatlichen Strukturen es allein nicht hinkriegen. Also haben sich viele gesagt: Dann packen wir eben selber an.

LiMa+: Es ist angesichts der Lage in der Welt wohl abzusehen, dass in Berlin, auch in Marzahn-Hellersdorf, weitere Flüchtlingsunterkünfte geschaffen werden müssen. Was wünschen Sie sich in diesem Zusammenhang? Sollten Freiwillige beispielsweise für ihre Tätigkeit Aufwandsentschädigungen erhalten?

Dr. Jochen Gollbach: Darum geht es in aller Regel nicht. Die Freiwilligen sollten aber das, was sie auslegen, beispielsweise für Fahrkarten, wiederbekommen. Ich wünsche mir vor allem, dass der Staat, die Verwaltung, die Zivilgesellschaft gemeinsam schauen, wie die Hilfe verstetigt werden kann. Wenn ich Bürgerinnen und Bürger habe, die freiwillig aktiv sind, muss ich als Staat auch Möglichkeiten schaffen, deren Engagement nachhaltig zu unterstützen. Wie es nicht sein sollte, zeigt das Geschehen um „Moabit hilft“. (Die Ehrenamtler hatten sich zunächst allein um die Versorgung von Flüchtlingen am heillos überforderten Landesamt für Soziales und Gesundheit (Lageso) gekümmert, dann wurde dafür ein Träger gefunden, der die Freiwilligen außen vor ließ, es gab viel Streit, d. Red.). In jeder Unterkunft muss es deshalb jemanden geben, der sich professionell um die Koordinierung der Freiwilligenarbeit kümmert. Das sollte im Vertrag mit dem Betreiber verbindlich festgehalten werden. Dafür braucht es dann auch entsprechende Personalstunden. Übrigens ist das in anderen größeren Einrichtungen, in denen Ehrenamtliche arbeiten, schon längst so geregelt, beispielsweise in den Kursana-Altenpflegeheimen. Die Flüchtlingsunterkünfte profitieren sehr von der Arbeit der Freiwilligen, deshalb müssen die Träger auch in der Frage der Organisation und Koordinierung der vielen Helferinnen und Helfer mehr in die Verantwortung genommen werden.

LiMA+: Vielen Dank für das Gespräch.

 

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