Zwischen Stadt und Land (13)

Verrückte Tierliebe

08.10.2017, Marcel Gäding

Igelkind, handgroß. Fotos: Ulrike Woick, Geraldine Gäding, Marcel Gäding

Vor einigen Jahren waren wir abends beim „Traumzauberbaum“. Einen Tag vor Heiligabend Familientheater in der UdK. Als danach wieder jeder seiner Wege ging, liefen wir in Richtung S-Bahnhof. Unter der Brücke vom Bahnhof Zoo fiel uns dann eine Taube auf, die von einem der Eisenträger direkt auf die Straße plumpste. Autos und Busse fuhren an dem armen Tier vorbei, bis wir die Gelegenheit ergriffen und das Vögelchen schnappten. Dafür musste Frau ihren samtenen Schal opfern. Man weiß ja nie bei so einem Stadttäubchen. Der Vogel war schwach. Hätten wir nicht eingegriffen, wäre er jämmerlich verendet.

Mit Hilfe unserer Smartphones haben wir dann nach einer Tierarztpraxis gesucht. Kein leichtes Unterfangen am Abend, noch dazu in der Weihnachtszeit. Aber wir wurden fündig. Im Taxi fuhren wir nach Wilmersdorf. Eine freundliche Tierärztin beschaute sich unseren Schützling. Ganz klar ein Jungtier. Als wir wieder gingen, bedankte sie sich, dass wir ihm halfen. Eine Rechnung stellte sie uns nicht. Wegen unserer guten Kontakte zum Berliner Tierheim organisierten wir dann noch auf der Heimfahrt einen Platz im Taubenasyl. Zufrieden saßen wir am nächsten Tag unterm Weihnachtsbaum.

Ein paar Tage später sagte der Gartennachbar, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlingskind in einer Baracke in Mecklenburg-Vorpommern gestrandet war, was er mit dem Vogel gemacht hätte. Uns verwunderte es nicht, schließlich kannte er Tauben auch als leckeren Braten. Nein, entgegneten wir ihm, das ist nicht unser Ding.

Schlafende Hunde am Strand

Mit den Tieren ist das bei uns so eine Sache. Im Griechenland-Urlaub lief uns mal eine Hündin am Strand zu. Weil wir das mit den streunenden Vierbeinern schon kannten, hatten wir in unserem Mietwagen genügend Trocken- und Nassfutter parat. Als kannten wir uns schon eine Ewigkeit, legte sie sich nach dem Fressen neben uns, sprang uns sogar ins Wasser hinterher. Ein paar Tage ging das so. Am Ende flossen zum Abschied tränen. Denn unmöglich konnten wir die Hündin mit zurücknehmen. Ein Elend.

Auf dem Land ist es mit der verrückten Tierliebe nicht anders. Es ist erst wenige Wochen her, dass es bei Nachbars im Blumenbeet raschelte. Wir ließen Wein und Bier stehen, um unseren Verdacht zu bestätigen: Eine Igelfrau, die sich ein gemütliches Plätzchen zurechtmachte. Vermutlich stand sie kurz vor der Geburt ihres Nachwuchses. Tage später lag das arme Tier überfahren an der alten Dorfschule. Was wir nicht wussten: Die Igelkinder waren inzwischen geboren. Sechs kleine Stacheltiere, die am Komposthaufen auf Nachbars Grundstück herumirrten. So klein, dass sie auf eine Hand passten. Nach kurzer Krisensitzung war klar: Denen muss geholfen werden. Täglich wurden ungewürzte Rühreier gebraten und Katzenfutter bereitgestellt. Die Kleinen wuchsen zusehends. Eine ganze Weile kümmerten sich Ulrike und Geraldine um die Igelchen, immer im Wechsel. Abends stellten sie das Futter raus, morgens waren die Teller leer. Die Frauen waren zufrieden.

Lange haben die beiden Frauen ihre Schützlinge nicht mehr gesehen. Weil aber von den bereitgestellten Futterrationen nie etwas übrig blieb, gab es nur einen Schluss: Sie kommen zum Fressen, wenn die Menschen schlafen. Doch mit dieser Vermutung befanden sich die menschlichen Igelmütter im Irrtum, wie sich bei einem Plausch am nachbarlichen Zaun herausstellten sollte. Zwei der vier Tierheimkatzen, die schon in Berlin ein schönes Zuhause hatten, kamen eines Tages aus jener Ecke angetapst, an der sich auch die Futterstelle befand. Zurück auf dem eigenen Grundstück betrieben sie intensive Fellpflege und säuberten genüsslich ihre Mäulchen. Keine Ahnung, wie lange sie sich schon am Igelbuffet sattfraßen.

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