Kontroverse Bürgerversammlung in der Villa am Fennpfuhl

Verdichtung mit Konfliktpotenzial

28.11.2015, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel (1), Birgitt Eltzel (2-7). Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Lichtenberg. Kein Raum war groß genug in der Villa am Fennpfuhl, Karl-Lade-Straße 79, um alle Besucher der Bürgerversammlung am Donnerstag, 26. November, aufzunehmen. Einige mussten stehen und verfolgten die Veranstaltung sogar vom Flur aus. „Dachten sie, wir interessieren uns nicht für unseren Kiez?“, rief eine aufgebrachte Bewohnerin den Veranstaltern entgegen, die mit so viel Andrang nicht gerechnet hatten. Eingeladen hatte der Bürgerverein Fennpfuhl zum Thema „Verdichtung versus Wohnen im Grünen, mitten in der Stadt“ und als kompetenter Gesprächspartner war Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, Wilfried Nünthel (CDU), gekommen.

Bürger wollen Grünflächen erhalten
„Über 90 Prozent der Fennpfuhler leben gern hier“, sagte Versammlungsleiter und Vorsitzender des Bürgervereins, Rainer Bosse, in seiner Einleitung. Die Einwohner hätten die Erwartung, dass für Neubauten im Rahmen einer ökologischen Stadtentwicklung die Prämisse gelte, dafür möglichst keine Grünflächen in Anspruch zu nehmen.
„Wir haben das Ziel, für den Neubau von Wohnungen, Schulen und Kitas keine Kleingartenanlagen und keine öffentlichen Grünanlagen herzugeben“, erklärte der Stadtrat. Auch Teile der Barnimer Feldmark im Norden des Bezirks sollten nicht angerührt werden, sondern eher Flächen, die schon einmal bebaut waren und die technische Infrastruktur für eine erneute Bebauung mitbringen. Natürlich könne er nur über öffentliche Grünflächen sprechen, so Nünthel.

Neubauvorhaben in bestehenden Kiezen
Der Stadtentwicklungs-Chef informierte über vorgesehene große Wohnungsbau-Standorte im Bezirk im Rahmen städtebaulicher Verdichtung. So will die Howoge gemeinsam mit einem Privatinvestor unter anderem am Weißenseer Weg 76 (Gelände des ehemaligen Busabstellplatzes der BVG) 750 Wohnungen bauen. Dazu laufe ein Bebauungsplanverfahren. Im Wohnquartier Weiße Taube an der Landsberger Allee bestünde Potenzial für noch einmal 2.000 Wohnungen in fünfgeschossigen Häusern. Die landeseigene Berlinovo hat die Absicht, an der Storkower Straße, Ecke Franz-Jacob-Straße ein Studentenwohnheim zu errichten. Baurecht sei dort gegeben, so der Stadtrat. Auch für die Alfred-Jung-Straße 14 sei ein Projekt anhängig und es gebe eine Baugenehmigung. 15 bis 20 Flächen im Bezirk kämen so für Verdichtungen in Frage. „Da ist noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht“, so Nünthel.

Paul-Zobel-Straße einschachteln?
Ein Wohnungsbauvorhaben mit hohem Konfliktpotenzial gibt es in der Paul-Zobel-Straße. Das wurde auch auf der Bürgerversammlung deutlich. Dort stehen bereits etliche Zehngeschosser der WGLi, die eine rechteckige Freifläche umschließen. Die Howoge hat einen Teil des Mittel-Grundstücks erworben und will über 60 Wohnungen bauen. Theoretisch könnte die Gesellschaft Häuser mit bis zu zehn Stockwerken errichten. Das Baurecht verlangt lediglich, dass sich Neubauten in das Umfeld einfügen.

Die jetzigen Anwohner sind strikt gegen Wohnungsneubau. Sie haben eine Wohnung und befürchten eine Verschlechterung ihres Wohnumfeldes. Die ohnehin katastrophale Parkplatzsituation würde sich weiter verschärfen, die Straßen seien zu eng, zusätzliche Häuser würden Schatten auf den Spielplatz werfen und es müssten Bäume gefällt werden, so einige Argumente. In unmittelbarer Nähe zum Howoge-Bauvorhaben ist bereits ein Familien- und Bildungszentrum der Hoffnungsträger-Stiftung mit Kita im Entstehen. „Es kommt uns vor, als ob wir eingeschachtelt werden, es bleibt fast nichts Grünes. Wir wollen die Planungen sehen, vielleicht gibt es ja Kompromissmöglichkeiten“, brachte es ein Anwohner auf den Punkt. Um ihrem Unmut Nachdruck zu verleihen, hatten 260 Bürgerinnen und Bürger einen Protestbrief unterschrieben und an den Stadtrat gesandt. Der fühlt sich zu Unrecht in der Schusslinie. „Egal, ob ich das Projekt gut oder schlecht finde, wenn es den baurechtlichen Vorschriften entspricht, hat es Anspruch auf Genehmigung“, sagte er. Das erworbene Areal sei als Bauland ausgewiesen. Parkplätze seien in der Bauordnung nicht verpflichtend vorgeschrieben (lediglich Behindertenparkplätze- und Fahrrad-Abstellmöglichkeiten) und „Baurecht schlägt Baumrecht“. Natürlich müsse der Bauherr für Ersatzpflanzungen sorgen.

Streit oder Kompromiss
Eine andere Frage sei, so der Bezirksstadtrat weiter, ob sich die Howoge einen dauerhaften Streit mit der Nachbarschaft wünsche. Das Bezirksamt verlange von der städtischen Wohnungsgesellschaft, dass sie den Projektentwurf, für den sie sich am Vortag der Bürgerversammlung entschieden hatte, den Anwohnern selbst vorstellt. Warum kein einziger Howoge-Vertreter zu der Veranstaltung des Bürgervereins gekommen war, blieb unergründlich. Die Gesellschaft war sowohl über den Termin als auch über den Protestbrief in Kenntnis gesetzt worden. Rainer Bosse sicherte den Bürgerinnen und Bürgern zu, dass es zu dem Thema Paul-Zobel-Straße gesonderte Einwohnerversammlungen geben werde. An diesem Abend gingen viele verärgert nach Hause.

Der Zuzug nach Lichtenberg hält an. Jährlich wächst die Einwohnerzahl per Saldo um drei- bis viertausend. Es gibt quasi keinen Wohnungsleerstand mehr, er liegt unter einem Prozent. Gemäß Plänen des Senats sind die sechs landeseigenen Wohnungsunternehmen bis Ende 2016 angehalten, insgesamt 30.000 neue Wohnungen in Berlin zu bauen.

 

 

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