Utopien, Pioniere, Zukunft

12.05.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel (1-3), Christian Brachwitz (4-7)

Lichtenberg. Im Oktober 2017 ist das Theater an der Parkaue nach der mehrjährigen umfangreichen Sanierung des Hauses wieder an seine historische Spielstätte zurückgekehrt. Bereits in den vergangenen Monaten gab es Aufsehen erregende Premieren und Aufführungen, wir berichteten. Nun hat das Junge Staatstheater, eines der größten in Deutschland, den Spielplan 2018/2019 veröffentlicht. Und dieser wird noch breiter und abwechslungsreicher als der vorhergehende.

Haus mit 360°

Die Spielzeit 2018/2019 steht unter dem Motto „Utopien, Pioniere, Zukunft“. Die Vielfalt von Kunst, Ästhetik und Vermittlung soll auf die Bühne gebracht werden, heißt es in einer Pressemitteilung: von assoziativen Performances bis zu detailgenauen Inszenierungen, von Klassikern bis zur zeitgenössischen Dramatik, vom Labor bis zum Gesellschaftsspiel. Und das soll mit 360° geschehen. So heißt der „Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft“, der von der Kulturstiftung des Bundes und dem Modellprojekt „Diversity Arts Culture“ der landeseigenen Kulturprojekte Berlin GmbH gefördert wird: „Die Parkaue macht sich auf den Weg hin zu einer Öffnung des Hauses für die vielfältige Stadtgesellschaft.“ Das Theater wird noch mehr als die Bretter, die die Welt bedeuten.

Mit dem Bauwagen in die Kieze

So wird das Theater an der Parkaue mit „Bauwagen mobil“ erstmalig auf Rädern stehen und Kultur in die Kieze bringen. Im Herbst wird in Marzahn und Hellersdorf gestartet, dann geht es nach Malchow und zurück nach Lichtenberg. Das Abschluss-Event im findet am Stadtpark an der Parkaue statt. Bei „Parkaue City. Die klügere Stadt“, eine Kooperation mit dem Futurium, gibt es zwischen dem 20. und 29. Mai 2019 ein Treffen, wo die Teilnehmer in Labs am Modell ihrer Wunschstadt bauen.

Stadtrundgang und Performance

Auch die Clubs des Jungen Staatstheaters präsentieren selbst entwickelte Stücke im Rahmen von „Parkaue City“. Dabei widmen sie sich dem Berliner Großstadtdschungel. Gesucht werden bis zum 6. Oktober ortskundige Guides und Geschichtensammler, Mauerblümchen und Asphalttiger zwischen 8 und 19 Jahren. Im Club Spezial „Eine Ecke weiter“ wird mit einem Künstler und dem Grenzgänger e.V. ein medialer Stadtrundgang durch Lichtenberg entwickelt. Am 15. Oktober präsentieren die Teilnehmer des aktuellen Club Spezials ihre Performance „1.210 km. The space between us“. Ein Jahr lang haben sich Jugendliche aus Berlin und Glasgow digital und im Probenraum kennengelernt. Auf der Bühne zeigen sie mit vollem Körpereinsatz die Suche nach einer Identität, die sich nicht auf ihre Herkunft reduzieren lässt. Die Koproduktion mit Junction 25 von Glas(s) Performance und dem Tramway arts centre Glasgow wird gefördert vom Goethe Institut Glasgow.

„Jugend hackt“ und „Future.Lab 2.0“

Als Gastgeber des diesjährigen „Jugend hackt“-Events in Berlin werden vom 19. bis 21. Oktober 2018 die Türen für rund 120 Jugendliche geöffnet. Die jungen Programmierer finden sich auf Einladung der gemeinnützigen Vereine Open Knowledge Foundation Deutschland und mediale pfade.org in Teams zusammen und tüfteln an Prototypen, digitalen Werkzeugen und Konzepten für ihre Vision einer besseren Gesellschaft. Anschließend verwandelt sich die Parkaue zwischen dem 23. und 27. Oktober zum zweiten Mal in ein digitales Herbstferien-Labor. Im „Future.Lab 2.0“ wird die virtuelle Welt in die Realität geholt, auseinander genommen, verzerrt und neu zusammengesetzt: Was ist der Weg von einem Ereignis bis zu seiner medialen Übersetzung im Netz? Und wie könnte eine Geschichte aussehen, die wir aus dem Netz fischen und völlig neu erzählen? Danach geht es digital weiter: Vom 17. bis 21. Februar 2019 werden Theatermachern im Labor-Festival „Challenge my fantasy – more“ explosive technische Settings geboten, in denen sie die Grenzen des Theaters und virtueller Welten ausreizen können.
Für Multiplikatoren und Schulklassen gibt es ab dem 27. Februar 2019 „Zoom in: Dein Theaterexperiment“. In einem Hybrid aus Performance, Workshop und Bühnenproduktion wird sichtbar, wie aus dem Zusammenspiel der Theaterelemente unterschiedliche Formen entstehen. Egal ob Lehrer, Referendare oder Schulklassen: Dabei kann man Theater von innen kennen- und Codes knacken lernen, heißt es in der Ankündigung.

Klassik und Moderne auf der Bühne

Doch Theater bedeutet trotz aller Angebote drum herum und draußen vor allem Eines: das Spiel auf der Bühne, das die Zuschauer in ihren Bann zieht. Das Theater an der Parkaue wird vor allem von jungen Leuten, ihren Eltern und Familien besucht. Im März 2018 wurde der 8,5millionste Besucher seit Gründung der Spielstätte 1948 begrüßt. Für viele Jungen und Mädchen ist ein Besuch einer Aufführung im Theater an der Parkaue die erste Begegnung mit Theater überhaupt. Eine Marzahner Lehrerin, die vor kurzem mit ihrer Grundschulklasse dort die Aufführung des Stücks „Robinson Crusoe“ dort gesehen hat, erzählte uns, wie begeistert die Kinder waren: „Sie hingen förmlich an den Lippen der Schauspieler.“ Das Zwei-Personen-Stück der Gruppe Norton.Commander.Productions nach dem bekannten Roman von Daniel Defoe hatte die Schüler aber auch dadurch in den Bann gezogen, dass originell moderne Technik eingesetzt wurde: So wurde ein auf einer Tischtennisplatte aufgeschüttetes Inselchen mit Palisaden und Wald zum live abgefilmten Schiffbruchs-Setting, am Ende finden sich Robinson und sein treuer Freitag sogar auf einem Kreuzfahrtschiff. „Das war witzig, es wurde viel gelacht“, sagte die Lehrerin. Und noch Tage danach hätten die Kinder von ihrem Theatererlebnis gesprochen.

Weltraummärchen und Zufluchtsort

Auf der Bühne wird am 8. September in die neue Saison mit „Lunaris. Ein Weltraummärchen“ von United Puppets gestartet – Science Fiction für die Kleinsten nach Motiven von Jules Verne, George Méliès und Antoine de Saint-Exupéry. Theodor Fontanes Klassiker „Effi Briest“ bringt Intendant Kay Wuschek gemeinsam mit Oliver Schmaering am 19. September zur Uraufführung. Im Jahr 2019 jährt sich Fontanes Geburtstag zum 200. Mal. Zeitgenössischer geht es bei Schauspieldirektor Volker Metzler zu: Am 14. Februar bringt er „Rohe Herzen“ von Laura Desprein zur deutschsprachigen Erstaufführung. Das Stück taucht tief in die Gefühlswelten junger Menschen ein. Für die Uraufführung „Geschichten aus dem Bauwagen“ am 21. Mai 2019 entwickelt Autorin Maria Milisavljević ein Stück über die Selbstbestimmung junger Menschen. Ihr Bauwagen gleicht einem Zufluchtsort, der jeden und jede aufnimmt, der oder die anders ist. Die erste Inszenierung eines Stücks von Maria Milisavljević an der Parkaue, „Beben“, wurde 2017 für den Friedrich-Luft-Preis nominiert.

Original-Bambi aus Österreich

Auch zahlreiche Gastregisseure und –regisseurinnen inszenieren in der Saison 2018/19 an der Parkaue, so beispielsweise Marie Bues, die gemeinsam mit Martina Grohmann das Theater Rampe in Stuttgart leitet. Sie bringt „Bambi“ auf die Bühne, nicht als Hollywood-Version sondern nach der Original-Vorlage des österreichisch-ungarischen Schriftstellers Felix Salten. Premiere ist am 30. April 2019. Ralph Hillebrand holt am 4. Juni 2019 mit „Die Unbehausten – der Battle um die Stadt“ den urbanen Tanz in die Parkaue. Der Choreograf gehört mit seiner Crew „Battle Squad“ und mit „Animatronik“ zur Berliner HipHop-Community. Für „Peng Peng Boateng“ erhielt er den „Ikarus“ 2017, den Preis des JugendKulturServices für herausragende Inszenierungen Berliner Theater für Kinder und Jugendliche.

Rechtzeitig Karten bestellen, lohnt sich auch in der neuen Spielzeit – die Vorstellungen im Haus An der Parkaue 29 sind schnell ausverkauft.

Alle Informationen zum Haus, dem aktuellen Programm und der Spielzeit 2018/19 hier…

 

 

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