Ableger der Kreuzberger Prinzessinnengärten ist noch ein Geheimtipp

Urban Gardening im alten Gut

01.06.2017, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel Zum Vergrößern und für die Bildtexte bitte auf das Startbild klicken!

Junge Leute wollen gesundes Gemüse selber ziehen und ihren Kindern Platz zum Spielen im Grünen bieten. Manche machen das in Gemeinschafts- und Allmendegärten. Andere treten Kleingartenvereinen bei, die noch vor einigen Jahren als Ausbund der Spießigkeit galten. Und auch das sogenannte Urban Gardening, das städtische Gärtnern, meist auf Brachen, hat Hochkonjunktur.
In einer Serie stellen wir bis zum Herbst interessante Anlagen und Projekte vor und geben auch einige Tipps zum Garten und zum Gärtnern.

Heute Teil 3: Der Hellersdorfer Guts-Garten

Hellersdorf. Der Begriff Urban Gardening, städtisches Gärtnern, das vor allem in Berliner Szenebezirken praktiziert wird, scheint gut dorthin, aber nicht gerade hierher zu passen. Und doch gibt es das, womit mancher eher bärtige Hipster mit Hornbrille und Latte-Macchiato oder Sojamilch schlürfende Frauen in Sultanshosen und Öko-Shirts verbindet, seit Dezember 2016 auch in Hellersdorf, unweit der Plattenbauten der Großsiedlung.

Hochbeete mit Gewürzen und anderen Nutzpflanzen

Der „Guts-Garten“ liegt etwas versteckt auf dem Areal des alten Gutes Hellersdorf, das seit mehr als 25 Jahren darauf wartet, wachgeküsst zu werden. Einst Berliner Rittergut, dann Stadtgut, später LPG und dann Gewerbegebiet, das immer mal entwickelt werden sollte und dann doch nicht entwickelt wurde, ist das Areal abgeschnitten vom hektischen Großstadtleben. Zwischen verfallenen, dennoch denkmalgeschützten Backsteingebäuden und etlichen zweckmäßigen Gewerbebauten, die von kleinen Unternehmen diverser Art genutzt werden, steht ein alter Bauwagen, davor eine kleine Bühne. Leise tönt entspannende Musik aus zwei Lautsprechern, Chilling Dreams. In Hochbeeten wachsen Radieschen, Schnittlauch und Kräuter verschiedener Art, weitere Hochbeete für Nutzpflanzen werden gerade angelegt und mit Erde befüllt. An der Stirnseite eines der einst stattlichen Gutsgebäude, dessen Fenster seit Jahren allerdings mit Brettern zugenagelt sind, sind Holzbänke aufgebaut, dazwischen eine Tafel fürs gemeinsame Kaffeetrinken. Das ist wörtlich zu nehmen, sie besteht aus mehreren aufgebockten Schultafeln, die nicht mehr als solche gebraucht wurden. Jetzt werden sie hier nachgenutzt, das spart die Entsorgung. Und die Anschaffung von anderen Tischen.

Gemeinsam säen, jäten, ernten und Spaß haben

„Nachhaltigkeit, darum geht es“, sagt Robert Shaw. Der Mann mit Dreitagebart und Schiebermütze ist einer der beiden Geschäftsführer der gemeinnützigen Nomadisch Grün GmbH, die die bekannten Kreuzberger Prinzessinnengärten entwickelt hat und unterhält. Seit einem halben Jahr haben diese eine Dependance in Hellersdorf. Mit dem Guts-Garten wollen sie einen Gemeinschaftsort entwickeln, wo gemeinsam gesät, gejätet und geerntet wird. „Es soll aber auch ein Ort der Begegnungen und der Kommunikation werden, für die Nachbarn und die ortsansässigen Gewerbetreibenden“, sagt er. Jeder sei willkommen und könne mitmachen, es koste nichts und man brauche auch keine Vorkenntnisse.

“Es ist ein ruhiger Ort”

Obwohl sich noch nicht gar so viele Anwohner sehen lassen haben, manche Mitstreiter eher aus der Berliner Mitte kommen, ist Shaw optimistisch. „Es soll sich ja alles langsam entwickeln.“ Und auch nicht ganz so wie am Kreuzberger Moritzplatz, wo sich der urbane Nutzgarten binnen weniger Jahre zu einem touristischen Hotspot gemausert hat. „Hier ist ein ruhiger Ort“, beschreibt Shaw die Qualität des Hellersdorfer Areals. Workshops wie im Ursprungs-Prinzessinnengarten soll es auch in Hellersdorf geben, vielleicht ebenfalls einen Flohmarkt. „Und wir suchen auch jemand, der Lust hat, mit unserer Hilfe ein kleines Wochenendcafé zu betreiben.“ Shaw erzählt von einem weiteren Projekt, das die Guts-Gärtner gemeinsam mit der Freien Universität (FU) und dem Botanischen Garten in Hellersdorf realisieren wollen: Aus Obst- und Gemüseabfällen der Berliner Tafel soll beste Komposterde entstehen, die Probephase läuft bereits. „Die Tafel würde damit blankes Geld für die Entsorgung sparen und wir könnten schon Ende 2017 rund 800 Kubikmeter Kompost abgeben.“

Nachhaltige ökologische Entwicklung

Dass die Leute von den Prinzessinnengärten via Hellersdorf gezogen sind, geht vor allem auf den früheren Wirtschafts- und Stadtentwicklungsstadtrat von Marzahn-Hellersdorf, Christian Gräff (CDU) zurück, sagt Robert Shaw. Er sei vor zwei Jahren von den Bündnisgrünen zu einem Vortrag im bezirklichen Umweltausschuss eingeladen worden, danach habe ihn Gräff angesprochen, ob er sich auch im Bezirk Aktivitäten vorstellen könne. „Wir haben dann ein Konzept geschrieben, nachdem wir das alte Gut im Sinne nachhaltiger ökologischer Entwicklung begleiten wollen, und zwar mit den Gewerbetreibenden.“

Gefördert vom Bezirk

Das Gebiet zwischen Zossener Straße und Gut Hellersdorf wird an die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gesobau übergeben, die an der Zossener Straße Wohnungsbau realisieren und gleichzeitig das Gut für Gewerbeansiedlung entwickeln soll. Die Kreuzberger Öko-Gärtner haben ihre Fläche für eine Zwischennutzung von mindestens zwei Jahren bekommen, nach ihrem Konzept sind es fünf Jahre am Standort. „Danach stünde dann eine andere Fläche für den Gemeinschaftsgarten auf dem Gutsgelände zur Verfügung“, sagt Geschäftsführer Shaw. Das Projekt wird mit Stadtentwicklungsmitteln für eine halbe Stelle und etwas Material vom Bezirk gefördert.

Ein früherer Biobauer als Ansprechpartner

Mindestens zweimal pro Woche ist jetzt Daniel Dermitzel vom Prinzessinnengärten-Team vor Ort. Der 50-Jährige hat 28 Jahre in Nordamerika gelebt, war mal Fernsehjournalist in Los Angeles und danach Biobauer in Kansas-City. Dann zog es ihn zurück in die deutsche Heimat. In Hellersdorf hat er nun die Gärtnerberatung übernommen, jeden Donnerstag von 15 bis 19 Uhr, sonnabends von 10 bis 14 Uhr. Wer will, kann sich mit ihm über Pflanzen und ihren Anbau unterhalten – oder einfach auch nur mal plauschen.

Gartentipp:
Was tun gegen eingerollte Rosenblätter?
Daran zeigt sich Befall durch die Rosenrollblattwespe. Laut Information des Pflanzenschutzamtes Berlin kann der Befall durch das Absammeln von Larven eingegrenzt werden. Da die Larven im Boden die Entwicklung für die nächste Saison abschließen, mindert das Absammeln die Populationsstärke im nächsten Jahr.
Mir hat der Tipp eines Hobbygärtners noch besser geholfen: Sofortiges Entfernen der eingerollten Blätter.

Übrigens: Laut Landesgartenfachberater Sven Wachtmann sollten bei vielen Rosen regelmäßig die Seitenknospen ausgebrochen werden, damit die Kraft in die Hauptblüte gehen kann. Die Rose entfaltet sich dann zwar mit weniger, dafür größeren Blüten.

 

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