Zwischen Stadt und Land (14)

Unterwegs mit Sherlock Holmes

19.11.2017, Marcel Gäding

Foto: Marcel Gäding
Foto: Marcel Gäding

Wer in Berlin lange nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren ist, schüttelt den Kopf: Busse und Bahnen sind brechend voll. Und die Chance, einen Sitzplatz zu ergattern, ist vor allem in den Stoßzeiten gering. Schnell gehen einem da Bilder durch den Kopf, die man aus den 1990er-Jahren schon aus Tokyo kannte. Dort beschäftigen die Verkehrsbetriebe eigens Menschen, die nichts anderes machen, als Passagiere irgendwie in die U-Bahn zu quetschen. Vermutlich ist es eine Frage der Zeit, bis das auch in Berlin zum Alltag gehört. Und dennoch ist es unschlagbar, das Nahverkehrssystem in der Hauptstadt. Wer wie wir seit zwei Jahren auf dem Land wohnt, weiß das zu schätzen. Bei uns fährt drei-, viermal am Tag ein Bus. Wollen wir abends mit Freunden in der nächst größeren Stadt ein (oder zwei) Bierchen trinken, muss mindestens einer von uns nüchtern bleiben. Ohne Auto geht hier draußen nichts. Der nächste Bahnhof ist gut 15 Kilometer weit entfernt.

Nun kann man sich natürlich über den netten Menschenschlag freuen, auf den wir getroffen sind. Oder über das weitläufige, eigene Waldgrundstück hinter unserem Haus. Über die vielen kleinen Seen in der Region. Und die unzähligen Rad- und Wanderwege. Doch die Idylle hat eben ihren Preis. Worauf wir uns da einließen, wussten wir aber. Wer das eine will, muss das andere akzeptieren. Und so bleibt einem nur, sich den Weg von S wie Storkow nach B wie Berlin so angenehm wie möglich zu gestalten. Immerhin dauert eine Tour schon mal anderthalb Stunden oder länger, wenn wieder diese Sonntagsfahrer die Überholspur auf der Autobahn blockieren.

Dabei haben wir ganz unterschiedliche Vorlieben: Während die Dame des Hauses Musiksender hört und jedes Lied textsicher mitsingt, setzt der feine Herr auf seriöse Informationen. Die ersten Stationsspeicher seines Autoradios sind ausnahmslos den Wortprogrammen der öffentlich Rechtlichen vorbehalten: Inforadio, Deutschlandradio Kultur, Deutschlandfunk, etc. Die Namen der Moderatoren kennt er inzwischen auswendig. Und auch das Programmschema ist ihm bestens vertraut. An manchen Tagen aber nervt die ständige Wiederholung von Beiträgen. Spätestens, wenn auch der alle 20 Minuten ausgestrahlte Nachrichtenblock nichts Neues mehr liefert, müssen Alternativen her. Und die finden sich im Internet reichlich.

Spannung vor nebeliger Kulisse

Das Smartphone ist inzwischen voll von Hörspielen. Neben dem Radio-Tatort füllen auch die Geschichten von Sherlock Holmes und Dr. Watson den Speicher. Wenn sich abends der Nebel über die Felder Brandenburgs legt, ist das eine schöne Kulisse für die legendären Audio-Kriminalfälle. Das Beste aber: Eine Geschichte passt zeitlich genau in eine Autofahrt. So lässt sich die Fahrzeit angenehm vertreiben.

So manches Mal gibt es aber auch einen zusätzlichen Adrenalin-Kick. Als gerade „Der Hund von Baskerville“ so gut wie zu Ende war, entschied sich ein noch junger Fuchs, ganz spontan die Straße zu queren. Eine kurze Vollbremsung verhinderte Schlimmes. Nur die Colaflasche und das Handy auf dem Beifahrersitz flogen in hohem Bogen in den Fußraum. Und der Fahrer, der gerade noch gedankenversunken die Ereignisse im Dartmoor verfolgte, war nach einem anstrengenden Arbeitstag hellwach.

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt mit Frau sowie vier Katzen in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Früher las er in der U-Bahn unhandliche Zeitungen. Heute schwört er auf den Genuss akustischer Informationen.

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