30 Jahre Hellersdorf – Erinnnerung an die Gründerjahre

Überall Kinderwagen

24.05.2016, Birgitt Eltzel

Fotos: Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf (1), Klaus Tessmann (2-4), Birgitt Eltzel (5-7)

In Vorbereitung dieses Artikels über 30 Jahre Hellersdorf habe ich unsere Fotoalben durchforstet. Schließlich gehörten wir zu den jungen Familien, die damals in den Bezirk gezogen sind. Das Wort „Plattenbau“ kannten wir damals noch gar nicht, wir freuten uns nur, eine neue, fernbeheizte Wohnung zu bekommen. Doch unsere Fotos aus jener Zeit zeigen die Gegend kaum, aufgenommen haben wir meistens nur unser Kind, Freunde und Bekannte. Und wenn schon einmal eine Außenaufnahme dabei ist, Kleinformat schwarz-weiß (Filme und Fotos kosteten, wir mussten sparen), zeigt sie nur kleine Ausschnitte und taugt nicht zur Veröffentlichung. Wie beispielsweise ein hölzernes Nilpferd, in dessen Maul unser Sohn sitzt (Weiß jemand noch, wo das war?). Deshalb freuen wir uns, dass uns das Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf und der Journalist Klaus Tessmann einige, inzwischen historische Aufnahmen zur Verfügung gestellt haben, vielen Dank!

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Als wir im Herbst 1986 nach Kaulsdorf-Nord zogen, existierte der Bezirk Hellersdorf bereits vier Monate. Doch das interessierte uns eigentlich recht wenig, war lediglich bedeutsam für die polizeiliche Anmeldung und den Antrag auf einen Krippenplatz beim Rat des Stadtbezirks. Das Wichtigste für uns: Wir hatten dort eine Wohnung bekommen, fernbeheizt, das warme Wasser kam aus der Wand. Allerdings im vierten Stock eines Fünfgeschossers, ohne Fahrstuhl. Das bedeutete mit Kleinkind eine ganz schöne Schlepperei. Dafür hatte die vom Wohnungskombinat Neubrandenburg gebaute Wohnung 61 Quadratmeter und insgesamt drei Zimmer, was damals für drei Personen fast luxuriös war. Weil das Kinderzimmer aber nur ein langer Schlauch war, räumten wir es gar nicht erst als solches ein. Unser Sohn bekam das wesentlich vorteilhafter geschnittene Schlafzimmer, wir machten aus dem Kinderzimmer einen kombinierten Schlaf- und Arbeitsraum. Im kleinen Flur wurde ein tiefer Hängeschrank gleich über der Eingangstür eingebaut, gespundete Bretter hatten wir mit dem Kinderwagen von irgendwo her aus Kaulsdorf geholt. Das ist mir immer noch gut in Erinnerung, weil es eine ganz schöne Plackerei war, sie so nach Hause zu schaffen. Denn weder besaßen wir damals ein Auto, noch war mit Kinderwagen auch nur ansatzweise gut in Busse zu kommen, die zunächst das einzige öffentliche Verkehrsmittel in Hellersdorf darstellten.

Bummi-Busse mit eigenem Fahrplan
Im damals jüngsten Bezirk Ostberlins gab es nämlich ausgesprochen viele Kinderwagen. Das Durchschnittsalter betrug 26 Jahre, die Durchschnittsfamilie hatte zwei Kinder. Kein Wunder, dass der Platz in den Bussen nicht ausreichte. Deshalb machten die Verkehrsbetriebe aus der Not eine Tugend und richteten eine ganz spezielle Linie für Leute mit Kinderwagen ein. Die sogenannten Bummi-Busse, die zum S-Bahnhof Kaulsdorf führten, hatten einen Extra-Fahrplan und keine Sitze. Die Bummi-Linie wurde erst eingestellt, als die U-Bahnlinie 5 bis nach Hellersdorf verlängert worden war. Ganz fertig war der Streckenabschnitt Tierpark – Hönow am 1. Juli 1989. Damals mussten wir aber schon lange nicht mehr den Bummi-Bus nehmen. Da war unser Sohn schon vier Jahre alt, viel länger als 18 Monate saß seinerzeit kaum ein Kind im Kinderwagen. Zudem hatten wir das Glück, einen Platz in einer Kita gleich neben unserem Wohnhaus zu erwischen, mussten also nicht zur Krippe oder zum Kindergarten fahren. Die Einrichtung wurde übrigens nach der Wende nicht mehr lange gebraucht, später in den Jugendtreff Titanic umgewandelt und dann Mitte der 2000er-Jahre abgerissen. Heute fehlen wieder Kitaplätze im Bezirk.

Schulspeisung in der Clubgaststätte
Als wir nach Kaulsdorf-Nord zogen, standen die Häuser dort schon etwa drei Jahre. Die Gummistiefelzeit der Gründerjahre haben wir also selbst nicht mehr miterlebt. Auch gab es bereits zwei Kaufhallen und eine der damals typischen Clubgaststätten. Unsere hieß „Mecklenburg“, da bekamen auch die Schüler tagsüber ihre Mittagsmahlzeit. Oben war die eigentliche Gaststätte, immer gut besucht und nach meiner Erinnerung schmeckten die dort angebotenen Gerichte ziemlich lecker. Seit vielen Jahren gibt es das „Mecklenburg“, wie die meisten früheren Gaststätten in den Hellersdorfer Neubaugebieten, nicht mehr. Jetzt befindet sich in den Räumen eine Kampfsportschule, das Gebäude und sein Umfeld sieht ziemlich verwahrlost aus. Gehalten hat sich dafür der „Klabautermann“, eine kleine Eckkneipe gegenüber der Schwimmhalle am Clara-Zetkin-Weg. Vielleicht auch deshalb, weil dort nach wie vor Rauchen erlaubt ist.

Turnhallen als provisorische Läden
Anfangs gab es in den neu errichteten Vierteln, wo fast 100.000 Menschen lebten, nur sehr wenige Geschäfte. Einige für Waren des täglichen Bedarfs wurden deshalb provisorisch in Sporthallen untergebracht. Spiel- und Sportplätze waren Mangelware, ebenso Kultureinrichtungen. So wurde in einem kleinen Jugendclub das erste Kino der Großsiedlung eingerichtet, die „Kiste“ an der Heidenauer Straße, wo auch noch jetzt Filme gezeigt werden. Dort, wo sich heute die „Helle Mitte“ erstreckt, war eine unkrautüberwucherte Brache. Immer wieder war von den DDR-Verantwortlichen der Bau des Zentrums für die Großsiedlung verschoben worden. Die Hellersdorfer Mitte wurde erst einige Jahre nach der Wende gebaut und 1997 eröffnet.

Kleingartenkolonie Storchennest
Einer der Anziehungspunkte der ersten Jahre war das alte Dorf Hellersdorf. Auf dem Markt (heute steht dort ein Supermarkt) gab es verschiedene Verkaufsstände und -kioske. Ein Muss bei Spaziergängen in der warmen Jahreszeit mit unserem Sohn war der Aufenthalt am Storchennest, das Meister Adebar jedes Frühjahr bezog. Es befand sich auf dem Schornstein einer früheren Gärtnerei. Der Storch schaffte es sogar aufs alte Hellersdorfer Wappen, eine benachbarte Kleingartenkolonie wurde „Storchennest“ genannt. Sie heißt bis heute so, obwohl die Störche schon seit Mitte der 1990er-Jahre Hellersdorf nicht mehr anfliegen. An die Plattenbauten mit den vielen Menschen hatten sich die Tiere noch gewöhnt, dass aber mit dem Bau des Kaufparks Eiche und danebenliegenden Wohnsiedlungen die Felder verschwanden, auf denen sie ihre Nahrung gefunden hatte, vergrämte sie endgültig.

Hellersdorfer Chronik:

Erstmals erwähnt wird Hellersdorf 1375 im Landbuch Kaiser Karl IV. Der Gutsbezirk wird bei der Gründung von Groß-Berlin 1920 eingemeindet und Teil von Lichtenberg. 1979 kommt Hellersdorf zum neu gegründeten Stadtbezirk Marzahn. 1980 werden die Neubaugebiete von Kaulsdorf-Nord montiert, 1984 beginnt der Bau der Plattenbauten rund um das alte Dorf.

Am 1. Juni 1986 wird Hellersdorf, zu dem auch die Siedlungsgebiete Mahlsdorf und Kaulsdorf gehören, ein eigenständiger Bezirk. Etwa 44 000 Wohnungen in Großblockbauweise entstehen bis 1990 in der Großsiedlung. Der übergroße Teil davon ist inzwischen komplett modernisiert. Zurzeit saniert die Deutsche Wohnen die Häuser rund um die Hellersdorfer Promenade.

Nach der Wende wird der bis dahin unfertige Bezirk komplettiert. Letzte Plattenbauten werden 1990 fertig gestellt. 1997 wird das Zentrum „Helle Mitte“ eröffnet – mit Geschäften und Gaststätten, dem Rathaus, einem Multiplex-Kino, einem Oberstufenzentrum und einer Fachhochschule, einem Ärztezentrum und weiteren Einrichtungen. Doch die „Helle Mitte“ leidet unter zu wenig Kaufkraft, insbesondere der nahegelegene Kaufpark Eiche in Brandenburg zieht Kunden ab. Zudem wohnen inzwischen in den umliegenden Vierteln vor allem sozial Schwächere. So wird das Kino, einst das Multiplex mit den meisten Besuchern in Berlin, verkleinert. In einem Teil der Kinosäle wird das „Bergwerk“ eingerichtet, der einzige Indoor-Klettergarten Berlins. Im früheren C&A-Kaufhaus, das jahrelang leer stand, eröffnet ein großes Fitnessstudio.

Innerhalb des Programms Stadtumbau Ost werden wegen massiven Bevölkerungsrückgangs (teilweise stehen zwischen 11 und 12 Prozent der Wohnungen leer) in Marzahn-Hellersdorf rund 4.300 Wohnungen abgerissen, in Hellersdorf vor allem zwischen Zossener Straße und Hellersdorfer Graben. Dazu kommen viele Einrichtungen des gesellschaftlichen Bedarfs wie Kitas und Schulen. Seit 2009 steigt die Bevölkerungszahl wieder. Erneut ziehen junge Familien in den Bezirk, gefragt wegen erschwinglicher Mieten ist nun auch wieder die Großsiedlung. Es wird erneut gebaut, u.a. an der Hasenholzer Allee gegenüber den „Gärten der Welt“. Auf der Fläche an der Zossener/Alte Hellersdorfer Straße soll die städtische Gewobag ein Wohnungsneubau-Projekt realisieren.

Der 30. Geburtstag von Hellersdorf wird am Freitag, 3. Juni, mit einem Classic-Open-Air auf dem Fritz-Lang-Platz (Helle Mitte) festlich begangen. Die Veranstaltung beginnt um 17.30 Uhr, der Eintritt ist frei.

 

 

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