Der erste deutsche Hund mit Festanstellung in einem Krankenhaus

Therapeut auf vier Pfoten

29.06.2016, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding. Zum Vergrößern auf das hauptbild klicken.

Lichtenberg. Lewis-Oskar hat für einen Hund seines Alters an diesem Montagmorgen bereits ein straffes Programm hinter sich. Die Frühbesprechung seines „Chefs“ mit den Ärzten der geriatrischen Abteilung ist schon wieder vorbei, als es nach einer ausgiebigen Gassirunde über die Krankenhausflure geht. „Azubi“ steht auf dem Geschirr des kleinen Border Collie – und das ist kein Gag seines Besitzers, sondern Programm. Der gerade einmal vier Monate alte Rüde wird derzeit auf seinen Job als Therapiehund vorbereitet. Deutschlandweit ist das einmalig – denn Lewis-Oskar steht ganz offiziell auf der Gehaltsliste des Sana Klinikums Lichtenberg.

„Patienten werden aufblühen“
Die Idee, einen Hund als ständigen Therapeuten zu beschäftigen, hatte sein „Vorgesetzter“ Dr. Eric Hilf schon vor einigen Jahren. Der Chefarzt der geriatrischen Abteilung glaubt fest daran, dass seine Patienten von den Begegnungen mit einem Hund profitieren und geradezu aufblühen werden. Und so belas sich der Mediziner, verschlang ein Fachbuch nach dem anderen und überlegte, welche Rasse am besten in ein Krankenhaus passen würde. Am Ende stand fest, dass ein Hund aus dem Tierschutz eine Chance erhalten soll – bis zu jenem Tag, als ein früherer Nachbar von Eric Hilf anrief und ihm sagte, dass eine bekannte Züchterin noch einen neuen Besitzer für einen kleinen Border Collie suchte. Ausgerechnet einen Border Collie hatte Hilf aber gar nicht auf dem Schirm. Wusste er doch, dass diese Rasse viel Aufmerksamkeit verlangt und eigentlich rund um die Uhr beschäftigt werden muss. Und dann diese vielen Haare…! Hilf fuhr dennoch ins tiefste Hessen, sah den kleinen Welpen und war sofort Feuer und Flamme.

Der Hund ist an der Seite des Chefs
Gut drei Monate ist das jetzt her. Und man kann sagen: Lewis-Oskar hat das Leben von Dr. Eric Hilf mächtig verändert. Das beginnt schon auf dem Weg zur Arbeit, den Hilf bislang mit dem Fahrrad zurücklegte. Weil sein neuer „Angestellter“ aber noch in der Wachstumsphase ist, musste der Altersmediziner auf die S-Bahn umsteigen. Für Lewis-Oskar ist das ein gutes Training. Auf diese Weise lernt er gleich Umgebungsgeräusche kennen. Im Krankenhaus begleitet der kleine Hund seinen Chef auf fast all dessen Wegen – mal zur Besprechung mit Ärzten, auch an der einen oder anderen Visite darf er schon teilnehmen. Dazwischen gibt es ausreichend Ruhephasen im Körbchen hinter dem Schreibtisch vom Chef oder Gassirunden mit einer der Mitarbeiterinnen Hilfs.

Keine Frage: Lewis-Oskar ist schon jetzt der Star auf der geriatrischen Abteilung, der größten ihrer Art in Ostberlin. 1.800 Patienten im betagten Alter werden dort akut und interdisziplinär von 180, pardon nunmehr 181 Mitarbeitern versorgt. „Alle freuen sich, wenn wir über die Station gehen“, berichtet Dr. Eric Hilf. „Das Schönste ist, wenn wir den Patienten ein Lächeln ins Gesicht zaubern.“

Spezialausbildung für den Einsatz
Die Stellenbeschreibung des kleinen Therapeuten auf vier Pfoten sieht in etwa so aus: Er soll ältere, unter Demenz, Depressionen oder Gehbehinderungen leidende Patienten motivieren. Tiergestützte Intervention nennen Experten den Einsatz von Tieren. Bislang gibt es so etwas schon in anderen Kliniken, in denen Hunde Patienten besuchen. „Dass wir einen Hund täglich in einer Akutklinik im Einsatz haben, ist jedoch neu“, sagt Dr. Eric Hilf. Er glaubt fest daran, dass der Kontakt zwischen dem Hund und den Patienten positive Auswirkungen hat. Allerdings hat auch Lewis-Oskar seine Grenzen. Sobald er Anzeichen von Stress oder Überforderung zeigt, geht es ins Büro vom Chef. Erst nach der Welpenphase und einer Spezialausbildung kommt der Hund richtig zum Einsatz. Bis dahin hat er noch Zeit, zu lernen, zu schnuppern oder einfach nur zu beobachten. Natürlich musste Hilf anfangs in der Klinik Überzeugungsarbeit leisten – gerade wegen der strengen Hygienevorschriften für Krankenhäuser. Am Ende aber stimmten alle der „Einstellung“ von Lewis-Oskar zu.

Auch die meisten Patienten haben keine Berührungsängste, sagt Hilf. Allerdings muss er immer wieder viele Fragen beantworten, darunter: „Was fehlt denn dem Hund, dass er im Krankenhaus ist?“

Ab Herbst soll der Einsatz des Border Collies im Sana Klinikum im Rahmen von mehreren Studien begleitet werden. Im Raum steht einerseits die Frage, welche Effekte die Patienten-Hund-Begegnung hat. Andererseits soll der Nachweis erbracht werden, dass aus hygienischer Sicht ein Hund im Krankenhaus bedenkenlos eingesetzt werden kann.

 

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