Hoffnung für das Theater am Park – Interessengruppe will sanieren

Die Perle von Biesdorf

25.08.2017, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding. Zum Vergrößern Hauptbild anklicken.

Biesdorf. Die Sitzreihen im großen Saal sind mit einer schützenden Folie abgedeckt, rund um den Orchestergraben fallen die unverputzten Wände auf. Auf der Bühne steht nicht nur ein gut verpackter Flügel, sondern auch jede Menge Requisite. Seit hier vor 14 Jahren der letzte Vorhang fiel, ist das Herzstück vom Theater am Park vor allem eins: Lagerraum.

Helmut Kontauts steht auf eben jener Bühne und verfällt in Erinnerungen. Er berichtet von Zeiten, als der Saal gerammelt voll war, wenn die Ballett-Gruppe des Erich-Weinert-Ensembles ihr neues Repertoire vor den Augen anderer Künstlerkollegen präsentierte. Oder wie kurz nach der Wende Schlagershows mit Frank Schöbel, Uwe Jensen, Dagmar Frederic, Ekki Göpelt oder Wolfgang Ziegler das Publikum begeisterten. Kontauts schwärmt vom Konzert des Deutschen Sinfonie-Orchesters, das von Kent Nagano dirigiert wurde. Nagano! Einer der bekanntesten Dirigenten auf dem Erdball. Das Konzert mit Nagano war aber auch das letzte im großen Saal des Theaters am Park. Was ihm denn so durch den Kopf gehe, wenn er hier vor leeren Stuhlreihen steht, wird Kontauts gefragt. „Hier nichts mehr machen zu können, tut sehr weh“, sagt der 75-jährige frühere Dramaturg des Hauses. Obwohl er längst Rentner ist, kommt er immer noch fast jeden Tag zur Arbeit. Das Theater ist seine zweite Heimat wie für viele seiner einstigen Mitstreiter auch. Ohne sie wäre das Gebäude vermutlich längst eine Ruine oder diesen unpersönlichen Einfamilienhäusern gewichen, die überall in der Nachbarschaft entstanden. Alle halten dem Theater die Treue: der einstige Bauleiter, der frühere technische Leiter, der einstige Verwaltungschef und eben der Dramaturg. Alles Herren um die 70. Das Theater sei eine Perle, sagt Lutz Kühling. Wer schon mal drinnen war, weiß, wovon er spricht.

Theater am Park – Haus  mit wechselvoller Geschichte

Äußerlich sieht das Theater am Park unspektakulär aus. Das Haus am Frankenholzer Weg in Biesdorf hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Gebaut wurde es zwischen 1966 und 1968 als Probebühne für das Erich-Weinert-Ensemble der Nationalen Volksarmee (NVA). Es war gleichzeitig Armeefilmstudio und Heimat des Zentralen Orchesters der NVA. Bis zur Wiedervereinigung galt das Gelände als Sperrgebiet. Wer eine Aufführung der Künstler sehen wollte, kam nur auf Einladung hinein. Nach der Wende übernahm die Bundeswehr das Areal. „Ich erinnere mich gut, wie wir ein großes Fest zum Internationalen Kindertag ausrichteten“, sagt Lutz Kühling, einstiger Projektleiter. Die 3.000 Mädchen und Jungen mussten einen von Soldaten mit Maschinengewehren gesicherten Schlagbaum passieren. „Drinnen konnten sie sich schließlich austoben, ohne, dass ihre Eltern Angst um sie haben mussten.“ Schnell gründeten Wegbegleiter von einst einen Verein, der das Haus durch alle Wirren der Wendezeit führte. Neben den meist immer gut besuchten Aufführungen baute der Verein den Standort zu einem Begegnungszentrum aus, an dem es Seniorentanz gibt oder Kinderveranstaltungen, Mitmachtheater und kleine Konzerte. Bis 2003 lief alles gut. Dann kam die Kündigung vom Bezirksamt. Der Verein machte drei Wochen dicht, um danach mit einem neuen Vertrag in der Tasche wieder das Licht anzumachen. Das Problem: Aus baurechtlichen Gründen versagte der Bezirk den Spielbetrieb im großen Saal. Ein Desaster, das Helmut Kontauts und Lutz Kühling bis heute nicht überwunden haben. Man hätte neben einer neuen Entrauchungsanlage auch einen eisernen Vorhang einbauen müssen, um den rechtlichen Anforderungen der westlichen Verwaltungswelt zu entsprechen. Das aber ist bis heute finanziell nicht machbar.

Über all die Jahre wechselte das Theater mehrfach den Besitzer. NVA, Bundesvermögensamt, Bezirksamt, Liegenschaftsfonds und später wieder Bezirksamt. Und dennoch hat sich der Verein tapfer über Wasser gehalten. Innerhalb der zurückliegenden 26 Jahre hat er Vieles im Haus saniert und erneuert. Gut eine Million Euro flossen über die Jahrzehnte in das Gebäude. Die Ballettsäle wurden renoviert, Sponsoren bezahlten neue Toiletten und auch einige Fenster. Pro Monat kostet der Betrieb bis zu 15.000 Euro. Viel Geld für einen Verein, der in all der Zeit auch immer auf Arbeitskräfte zurückgreifen konnte, die über Beschäftigungsmaßnahmen eine vorübergehende Anstellung fanden. Als der Bezirk zuletzt über ein Interessenbekundungsverfahren nach einem neuen Betreiber für das Theater am Park suchte, ohne den Verein einzubeziehen, war das Maß – mal wieder – voll. Am Ende fand sich niemand, der geeignet gewesen wäre, Bühne, Balletträume oder das soziokulturelle Zentrum zu betreiben.

„Dreimal waren wir kurz davor, alles hinzuschmeißen“, sagt Helmut Kontauts. Und wäre nicht vor Kurzem jenes Mut machende Zukunftskonzept aufgetaucht, er und sein Vereinskollege Kühling hätten sich aus dem Vereinsvorstand verabschiedet. Doch nun wollen die beiden älteren Herren weitermachen, „solange es unsere Gesundheit zulässt“. Mutmacher ist unter anderem Lars Scheibner, ein angesehener Balletttänzer und aktuell Chef der Deutschen Tanzkompanie mit Sitz in Neustrelitz. Ende Juni gründete er mit anderen Mitstreitern die FW4 Betriebs UG. Seit einigen Wochen gibt es ein Konzept für das Haus, das dann „Theater des Ostens“ heißen soll. Neben einer grundlegenden energetischen Sanierung von Wasser-, Strom- und Heizungsanlagen soll das Haus in eine neue Zeit geführt werden – ohne dabei die bisherigen Nutzer zu verprellen. Dann käme auch wieder Leben in den großen Saal, der seit 14 Jahren geschlossen ist. Eine Rettung in der sprichwörtlichen letzten Sekunde. Über die Bezirksgrenzen hinweg könnte das Theater für Furore sorgen, finden die Initiatoren. Um zu zeigen, dass sie es ernst meinen, haben sie bereits aus eigener Tasche einen Architekten bezahlt, der erste Pläne für die Sanierung erarbeitet hat.

9 Millionen Euro Sanierungskosten

Sie haben schon einige Interessenten und mutmaßliche Investoren kommen und gehen sehen, sagen Helmut Kontauts und Lutz Kühling. Aber dieses Mal haben sie ein gutes Gefühl. Soweit wie jetzt waren sie noch nie. Es gab vor wenigen Tagen sogar eine Sondersitzung des bezirklichen Kulturausschusses. Noch steht die Präsentation des Konzepts, das im Bezirk bereits die Runde macht, im Bezirksamt aus. Ziemlich sicher aber ist, dass es rund 9 Millionen Euro kosten würde, um das Haus zu ertüchtigen. Die für Kultur und die bezirklichen Gebäude zuständige Bezirksstadträtin Juliane Witt (Die Linke) sagt, dass eine Option darin bestünde, Fördermittel für das Theater zu beantragen. Vorher aber soll zunächst das touristische Konzept für Marzahn-Hellersdorf aktualisiert werden – dieses Mal unter Berücksichtigung des Kulturstandortes in Biesdorf, der bislang nie wirklich eine Rolle spielte und gelinde gesagt schlichtweg vernachlässigt wurde. Fachleute sollen Potenziale solcher Einrichtungen wie dem frisch sanierten Schloss Biesdorf, dem Gründerzeitmuseum in Mahlsdorf oder dem Freizeitforum in Marzahn ausarbeiten. Das Konzept wiederum könnte eine Grundlage für Fördermittel sein. „Vorstellbar wäre zudem, einen Freundeskreis zu gründen, um für das Theater positive Stimmung zu machen. „Grundsätzlich ist der Entwurf politisch für gut befunden worden“, sagt Witt. Außerdem bekenne sich der Bezirk zum Theater am Park. Vorstellbar ist, dass der Bezirk das Theater, wenn alle Voraussetzungen stimmen, im Rahmen eines Erbbaupachtvertrages abgibt.

Der frühere Wirtschaftsstadtrat Christian Gräff (CDU) engagiert sich inzwischen als Biesdorfer Wahlkreisabgeordneter für das Theater. Er wolle auf Landes- und Bezirksebene für die notwendigen Mittel werben. Er sei ziemlich optimistisch, dass das Konzept der FW4-Gruppe verwirklicht werden kann. „Das Theater kann ein Ort sein, an dem sich eine tolle Theater- und Künstlerlandschaft etabliert.“

Bis dahin harrt der Verein „Theater am Park“ aus und versucht sich parallel an Neuem. Am 7. Oktober startet um 18 Uhr die Reihe „Unser Kessel Buntes“, eine Veranstaltung in Anlehnung an die einst in Ost und West beliebte Samstagabendshow. Dagmar Frederic wird kommen, Lutz Hoff, Uwe Jensen und Gerd Christian. Ein bisschen ist es dann wie in den aufregenden Jahren nach dem Mauerfall.

Weitere Infos auf der Webseite des TaP

 

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden