Wenn Energiekosten-Schuldnern der Saft abgedreht wird

Stromsperren für 3.641 Haushalte

10.04.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Lichtenberg/Marzahn-Hellersdorf. Immer wieder gibt es in den Berliner Stadtteilen kurzzeitige Ausfälle der Stromversorgung. Das ist ärgerlich, aber meist nach wenigen Stunden behoben. Doch im Jahr 2017 gab es fast 17.000 Haushalte in der Stadt, denen von den Stromversorgern wegen nicht gezahlter Entgelte der Saft völlig abgedreht wurde – eine einschneidende Beeinträchtigung der Lebensqualität. Denn dann geht gar nichts mehr. Fernseher, Radio, Telefon funktionieren nicht, die Waschmaschine und der Herd können nicht benutzt werden, ebenso wenig der Kühlschrank. Und abends gibt es höchstens Kerzenlicht.

Marzahn-Hellersdorf auf Platz Zwei

Zwar ist 2017 die Zahl der Stromsperren gegenüber 2016 um 7,26 Prozent gesunken, liegt aber immer noch 7,49 Prozent höher als im Jahr 2015. Das ergab eine Antwort des Senats auf eine Anfrage des aus Marzahn-Hellersdorf stammenden Abgeordneten Kristian Ronneburg (Linke). Die meisten Sperren gab es im vergangenen Jahr im Bezirk Mitte (2.030). Gleich dahinter liegt Marzahn-Hellersdorf mit 1.944 Stromsperren. Lichtenberg belegt mit 1.697 Stromsperren einen Mittelplatz. Am seltensten wurde der Strom Haushalten im gut situierten Bezirk Steglitz-Zehlendorf abgedreht: Dort waren lediglich 448 Stromsperren zu verzeichnen.

„Element der Daseinsvorsorge“

Die Zahlen zeigen: Dort, wo es eine relativ hohe Armut gibt, geraten Menschen schnell in die Schuldenfalle. Für viele Haushalte mit durchschnittlichem oder niedrigem Einkommen seien die hohen Stromkosten eine enorme Belastung, so Ronneburg. „Die Versorgung mit ausreichend Energie ist ein grundlegendes Element der Daseinsvorsorge.“ Die Linke setze sich u.a. dafür ein, dass keine Stromsperren bei schutzbedürftigen Haushalten – bei Kranken, Kindern und Schwangeren – durchgeführt werden. Es sollte zudem keine Strom- und Gassperren an Freitagen geben (damit Betroffene noch vor dem Wochenende handeln können), ebenso nicht in den kalten und dunklen Wintermonaten.

Verbraucherzentrale berät Schuldner

Die rot-rot-grüne Koalition ist sich in diesem Punkt einig: Sie will Energiearmut bekämpfen und die Stromsperren deutlich reduzieren. „Ein Bestandteil unserer Strategie ist eine verbesserte Beratung von Betroffenen, die diesen hilft, Stromsperren zu vermeiden beziehungsweise die Versorgung schnellstmöglich wieder herzustellen“, hieß es in einer Erklärung der energie- und umweltpolitischen Sprecher von SPD, Linke und Grüne anlässlich des Weltverbrauchertages am 15. März. Die gesicherte Versorgung mit Energie sei ein Grundrecht. Deshalb haben die Koalitionsfraktionen im Doppelhaushalt 2018/2019 die Einrichtung einer Energieschuldenberatung durch die Berliner Verbraucherzentrale finanziell abgesichert. Im Dezember 2014 war die Finanzierung der Energieschuldenberatung GVS vom Versorger Vattenfall eingestellt worden. Wann das neue Angebot genau startet, teilte die Verbraucherzentrale auf Anfrage nicht mit.

Weitere Infos für Betroffene

Hilfe und Informationen für Betroffene gibt es auch bei zahlreichen anderen Einrichtungen wie bei der Online-Beratung der Caritas. So heißt es dort u.a. unter dem Punkt „Was kann ich bei drohender Energiesperre tun?“: Eine Mahnung muss ergangen sein. Die Versorgung darf erst unterbrochen werden, wenn ein fälliger Anspruch angemahnt wurde. Die Fälligkeit tritt frühestens zwei Wochen nach Zugang der Zahlungsaufforderung ein. Der Verbraucher muss mit mindestens 100 Euro im Rückstand sein, die Sperrung muss drei Tage im Voraus angekündigt sein. Zudem habe der Energieversorger die Pflicht zur Prüfung auf Zumutbarkeit. Die Sperre könnte beispielsweise unverhältnismäßig sein, wenn kleine Kinder, Kranke, Behinderte, Schwangere oder alte Menschen im Haushalt leben, aber auch, wenn die Tiefkühltruhe voll ist, von der die Familie lebt. Der Betroffene sollte in einem Schreiben an den Energieversorger darlegen, warum eine Energiesperre für ihn nicht zumutbar ist und wie die Rückstände und laufenden Kosten der Energieversorgung in einem überschaubaren Zeitraum beglichen werden sollen (ausführlich hier).

Musterbrief und Beratung

Weitere Informationen und Tipps sowie Musterbriefe an die Energieversorger gibt es auch bei einem Ratgeber der Schuldnerberatung Berlin online. Die Schuldnerberatungen in den Berliner Bezirken helfen Betroffenen ebenfalls. Hier eine Übersicht…

 

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