Mann & Frau

Sprachbarrieren

30.04.2017, Volkmar Eltzel

Montage auf Basis von pixabay-Fotos. Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Viele Sprachwissenschaftler sind der Meinung, dass die modernen Sprachen von einer einzigen Ur- oder Muttersprache abstammen, welche die Menschen vor ungefähr 100.000 Jahren gesprochen haben sollen. – Warum nur konnte es nicht so bleiben, dass alle einander verstehen und für dieselben Sachen auch dieselben Silben sagen?

Schuld war ein Turmbau

Nach biblischer Überlieferung brachte Gott den Turmbau zu Babel durch die Hervorrufung von Sprachverwirrung zum Stillstand. Er war der Meinung, die Erbauer wollten sich erhöhen, um ihm gleichzukommen. So hinderte er sie daran, ihre körperlichen und intellektuellen Fähigkeiten zu vereinen, indem er ihnen verschiedene Sprachen gab. Die Babylonier konnten sich nicht mehr verständigen, gaben das Projekt auf und zerstreuten sich über die ganze Erde. In mehr als 7.000 Sprachen sprach und spricht die Menschheit seither. Trotz Dolmetscher und Online-Translator scheint das Unverständnis vielerorts immer noch größer zu werden.

Die Löwen fraßen die Langsamen

Anscheinend reichte es Gott nicht, die Menschheit mit Fremdsprachen zu strafen – er stattete Mann und Frau auch noch mit verschiedenen Fähigkeiten aus, sich die fremden Laute und Schriften anzueignen und mit der Muttersprache in Einklang zu bringen (oder eben nicht). Die Gehirnregion, die Frau scheinbar mühelos für Fremdsprachen aktiviert, ist beim Mann, schon fürs eilige und perfekte Einparken reserviert. Er musste schon urzeitlich schneller handeln als denken. Die Langsamen wurden von den Löwen gefressen und starben aus. Aber was nutzt ihm das heute noch? Frau legt an der Ampel erst mal in aller Ruhe den Gang ein, nachdem das grüne Licht schon zwei Stunden schreit: „Fahr endlich los!“

Frau Brühnings Prophezeihung

Mann hatte sich in der Schule – in kindlicher Selbstüberschätzung – für Französisch statt Englisch entschieden. Ein Fehler, der ihm immer wieder zu schaffen macht.
Wie die angehenden Akademikerinnen beim Studium in der ersten Reihe gackerten, wenn er einen verfassten Text vortrug, der französisch sein sollte. Ihnen schien die Sprache mit der Muttermilch gegeben und für Mann gab es weder Internet, geschweige denn Google Translate. Mit Ach und Krach bestand er die Prüfung. Zum Abschied lächelte die Französischlehrerin, Frau Brühning, (Name geändert) und wackelte dabei so komisch mit dem Kopf, was wohl heißen sollte: Ich lass mal Gnade vor Recht ergehen, aber du wirst dich noch an mich erinnern!
Das brauche ich nie wieder, denn ich bin ja eingesperrt, dachte er befreit. Dann kam die Wende und mit dem Fall des eisernen Vorhangs die Reisefreiheit.

Wir fahren nach Paris!

„Da bist du der Kommunikator!“, forderte Frau und er büffelte im autodidaktischen Crashkurs die wichtigsten Redewendungen und Höflichkeitsformen. – Die freundliche Madame an der Hotelrezeption lächelte als er eincheckte die ganze Zeit und während ihres Begrüßungsmonologs hätte Mann schwören können, dass sie auch so komisch mit dem Kopf wackelte. – „Ooohh, merci… merci beaucoup, à plus tard (bis später)“, stammelte er, während sie ihm mit einem leichten Stirnrunzeln die Anmeldeformulare hinhielt…

Urlaub in Scicli auf Sizilien

Frau spricht ein ganz passables Englisch und absolvierte zwischenzeitlich mehrere Italienisch-Kurse an der Volkshochschule. „Für den Urlaub“, sagt sie.

„Aach!!“, wehrt Mann ab. „Buonasera, un gelato per favore! – thank you very nice. Das geht auch“, sagt er. Notfalls streue er einige Englischbrocken dazwischen – ein Gemisch aus Musik-Titel-Kenntnissen und Businesskurs-Rudimenten. „Damit kommt man auch durch!“

Kommt Mann auch, und zwar genau so lange, bis Frau (wieder) Bekanntschaft mit einer italienischen Familie geschlossen hat. In einer Woge von Gastfreundlichkeit fühlen sich die neuen Freunde bemüßigt, die 3.000-jährige Geschichte ihrer Heimatstadt nahezubringen. Am Abend sind beide zum Essen im ersten Ristorante der Piazza eingeladen. Nachdem Frau tagsüber ausgeplappert hatte, dass sie Zeitungsschreiberlinge sind, kommen außer vielen Verwandten auf einmal auch der Bürgermeister und Vertreter der Comune di Scicli mit an die lange Abendtafel, um die kleine Stadt in ein gutes Licht bei den Ausländern zu rücken.

Frau, was machst du?!

Frau glänzt im Small Talk mit Volkshochschul-Sprachkenntnissen. Mann hält sich an seinem Weinglas fest und transpiriert bei gefühlten 30 Grad in der abendlichen Sommerfrische. Plötzlich deutet sie mit dem Finger auf ihn und scheint den Anwesenden gerade zu erklären, dass er sich in der Kommunikation zurückhalte, weil er der italienischen Sprache nicht mächtig sei (so weit, so gut), dafür aber französisch (!) und sehr gut russisch (!!) spreche!!!
Mann lächelt etwas gequält in die Runde und sein leichtes Nicken gerät unwillkürlich zu dem bereits beschriebenen Kopfwackeln, das bei ihm nun aber ein bisschen an ein Parkinson-Syndrom erinnert.

„Ich geh mal aufs Klo“

Als nach weiteren Minuten – wie Stunden – das Gespräch auf den erfolgreichen Kampf der Comune gegen die Cosa Nostra zusteuert, stößt selbst Frau an die Grenzen ihrer Sprach- und Konzentrationsfähigkeit. Gerade lächelt er in sich hinein und denkt – „siehsde, sowas kommt von sowas“, da beugt sie sich zu ihm herüber und raunt in sein Ohr: „Ich kann nicht mehr! Ich geh mal aufs Klo!“
„!!! Das geht nicht!!!“, will er noch antworten, aber zu spät. „Scusi“, sagt Frau laut und weg ist sie.

Die Augenpaare von mindestens tausend Italienern und Innen richten sich erwartungsfroh auf Mann und heften sich dort fest. Es beginnen die längsten 15 Minuten seines Lebens mit der panischen Vorstellung, eine der Signoras käme auf die Idee, mit ihm einen Small Talk auf Französisch oder gar Russisch zu beginnen. Wahrscheinlich hielten nur die großen Schweißperlen auf der männlichen Stirn die italienischen Ladys davon ab. „Cin cin!“ ruft er mit der Stimme einer Krähe und erhebt sein Glas. Die Anderen prosten ihm zu… Weitere Erinnerungen an jenen denkwürdigen Abend sind bei ihm wie ausgelöscht.

Auf zu Emmas Eltern

„Ich hab jetzt den Urlaub für dieses Jahr gebucht“, sagte Frau kürzlich. – „Sardinien.“ Da wohnen die Eltern des Freundes und Kollegen, Emmanuele. „Die müssen wir unbedingt besuchen“, jubiliert sie mit weit aufgerissenen Augen.
Mann lächelt und wackelt voller Vorahnungen mit dem Kopf.

 

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