Studie „50 Jahre und älter in Marzahn-Hellersdorf 2015“:

Stadträtin warnt vor Ghettobildung

30.06.2016, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding

Marzahn-Hellersdorf. Der Bezirk wird älter, und das gewaltig. Innerhalb von 15 Jahren nahm die Zahl der Menschen ab 50 Jahren um mehr als 60 Prozent zu. Während laut der gerade veröffentlichten Studie „50 Jahre und älter in Marzahn-Hellersdorf“ die meisten Befragten zufrieden mit ihrem Leben sind, warnt die zuständige Gesundheits- und Sozialstadträtin Dagmar Pohle (DIE LINKE) vor einer Ghettobildung.

20 Seiten Fragebogen zum Leben der Älteren
Im Bezirk leben aktuell 112.730 Menschen, die älter als 50 Jahre alt sind. 10.000 von ihnen hatte das Bezirksamt im vergangenen Jahr angeschrieben und um Auskunft gebeten: Ziel war es herauszufinden, wo der sprichwörtliche Schuh drückt. 1.657 Bewohner (16 Prozent) füllten den 20-seitigen Fragebogen aus. Die Ergebnisse wertete das Sozialwissenschaftliche Forschungszentrum im Auftrag der Verwaltung aus. Sie sollen in die Kommunalpolitik der kommenden vier Jahre Berücksichtigung finden, wie Sozialstadträtin Dagmar Pohle sagt. „Die Ergebnisse sind nicht nur für das Gesundheits- und Sozialressort entscheidend, sondern für alle Bereiche der Verwaltung von Bedeutung.“

Zum vierten Mal hatte das Bezirksamt eine solche repräsentative Studie in Auftrag gegeben. Innerhalb von 15 Jahren stieg die Zahl der Menschen ab dem 50. Lebensjahr von 69.627 auf 112.730, das sind 61 Prozent. Gemessen an der Gesamtbeväökerung von Marzahn-Hellersdorf beträgt deren Anteil inzwischen 43 Prozent. Immerhin: 73 Prozent der Menschen zwischen 50 und 65 Jahren gaben an, dass sie eine feste Arbeit haben. Im Umkehrschluss heißt das aber: Der Rest lebt von Transferleistungen, Frührente oder anderen Zuwendungen. „Es fehlt vor allem an einfachen Tätigkeiten“, konstatiert die Wissenschaftlerin Dr. Hanna Haupt vom Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum Berlin-Brandenburg e.V.

Risiko der Altersarmut steigt
Vor allem in den Stadtteilen Marzahn-Nord, Hellersdorf-Nord, Hellersdorf-Ost und Marzahn-Mitte besteht nach Ansicht von Sozialstadträtin Dagmar Pohle ein „akuter Handlungsbedarf an öffentlich geförderten Beschäftigungen“. Weil viele Betroffene mangels Arbeit auch nicht in die Rentenkasse einzahlen, steige das Armutsrisiko – allein in Marzahn-Nord auf 30 Prozent, bezirksweit von 14 auf 17 Prozent. Die Bezirksstadträtin glaubt, dass die Zahl derer, die zu ihrer Rente zusätzliche Sozialleistungen – auch Grundsicherung genannt – beantragen müssen, steigen werde. Hintergrund: 41 Prozent der Befragten verfügen über keine zusätzliche Altersversorgung in Form beispielsweise von Privat- oder Betriebsrenten. Altersarmut ist damit programmiert. „Das bedeutet, dass die Fachämter anders ausgestattet werden müssen.“ Unter anderem sollte die ressortübergreifende Bezirkspolitik durch „Moderation dieser Probleme mit den Wohnungsunternehmen einer Ghettobildung von prekären Lebensverhältnissen entgegenwirken und für die Stärkung der sozialen Durchmischung der Wohnquartiere werben“, heißt es unter anderem in der Studie. Wichtig sei, die „soziale Teilhabe der sozial benachteiligten Gruppen zu stärken“, sagt Dagmar Pohle. Bereits jetzt finanziere der Bezirk in Marzahn-Nord ein Stadtteilzentrum mit zwei Standorten und „mit mehr Mitteln als im Durchschnitt die anderen Stadtteilzentren im Bezirk“. Sie glaube, dass es vor Ort noch mehr adäquate Beratungs- und Betreuungsangebote, aber auch Treffpunkte für ältere Menschen geben muss. Natürlich sei der „Ghettobildung“ ein schwieriger Begriff, sagt Dagmar Pohle. „Aber wir müssen deutlich machen, dass wir bei bestimmten Problemlagen eine sozialräumliche Konzentration haben“. Nur so könne man rechtzeitig gegensteuern. Die Autoren der Studie weisen zudem auf ein weiteres Problem hin: die soziale Vereinsamung. So gaben 16 Prozent der Befragten an, alleine zu leben. Von einer Tendenz zur sozialen Isolierung sprechen die Wissenschaftler sodann.

Mehrheit mit Lebenssituation zufrieden
Erfreulich: 47 Prozent, und damit 8 Prozent mehr als 2010, gaben an, dass sie von dem monatlich zur Verfügung stehenden Geld leben können. 63 Prozent haben im Monat 900 Euro und mehr zum Leben. Und: 67 Prozent der Befragten sind aktuell mit ihrer Lebenssituation zufrieden, 74 Prozent leben gerne in ihrer eigenen Wohnung. Fast jeder zweite Mensch ab 50 wünscht sich, auch im Alter in Zuhause zu leben und dort Pflegeleistungen in Anspruch zu nehmen, 41 Prozent können sich ein Leben in einer Wohnanlage für Senioren vorstellen.

Die komplette Studie kann online abgerufen werden:

Sozialstudie „50 Jahre und älter in Marzahn-Hellersdorf 2015“

 

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