„indielux“ baut Photovoltaik-Anlagen für Mieter und Vermieter

Solarstrom vom Balkon

13.04.2018, Angelika Giorgis

Fotos: indielux (1-3,5), Daniel Hofer (4)

In einer Serie stellen Bezirks-Journal und LiMa+ in loser Folge junge Unternehmen aus Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg vor, deren Geschäftsideen vielversprechend sind.
Heute: indielux

Marzahn. Die Sonne scheint in Berlin im Juni durchschnittlich 226 Stunden. Im Dezember sind es nur 35. Dennoch dachte sich Marcus Vietzke, angehender Diplomingenieur für Umwelttechnik und regenerative Energien, dass nicht nur große Energiekonzerne und Eigenheimbesitzer diese Kraft nutzen sollten, sondern auch Mieter sowie die Wohnungswirtschaft – vor allem aber Balkonbesitzer. Also ganz im Kleinen und doch effektiv. Es würde deren Geldbeutel schonen und die Umwelt entlasten.

Gute Idee, aber ein schwerer Weg

Doch zu diesem Zeitpunkt konnten die deutschen Solarfabriken der ersten Generation nicht mehr im globalen Preiskampf mithalten und gingen in Konkurs. Asien produzierte günstiger. „Die Politik habe die deutsche Photovoltaik-Industrie zu lange gefördert“, meint Vietzke. „Mit der EEG-Novelle 2010 und der geringeren Einspeisevergütung erlitt die Solar-Industrie eine Bruchlandung.“ Und kleine Wechselrichter, die die Aufgabe übernehmen, den gewonnenen Strom nutzbar zu machen, waren damals noch zu teuer.

Kleiner Umweg dann der Pilot

Darum übernahm Vietzke verschiedene andere Jobs in seinem Fach, unterrichtete und plante Anlagen. Seine Idee, Balkone mit Solaranlagen auszurüsten, blieb jedoch im Hinterkopf. Nach einigen Jahren gab es schließlich preisgünstige Modulwechselrichter und der Ingenieur konnte sein Vorhaben starten. Er bewarb sich um ein Existenzgründer-Stipendium, entwickelte einen Prototyp und baute als Pilotprojekt mit dem Wohnimmobilienunternehmen GSW ein Balkonsolarsystem.

Mit dem Gründerstipendium in der Tasche zog er gleich in das neue Cleantech-Innovation-Center (CIC) in Marzahn ein. „Ich war der erste Mieter und durchschnitt das Band zur Eröffnung“, erzählt der 38-Jährige. „Und das Preis-Leistungs-Verhältnis ist hier top.“

Gefährlich oder nicht gewollt?

Doch so problemlos ging es nicht weiter. Vietzke entwickelte zwar eine kinderleicht zu installierende Solaranlage mit einem universellen Montagesystem. Die Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (DKE), die Standards für diesen Bereich erarbeitet, meinte jedoch, dass es viel zu gefährlich sei, Solaranlagen in die Steckdose einzustecken. Wenn dann auch noch mehr Energie produziert als abgenommen wird, drehen sich die Elektrozähler rückwärts, was für reichlich Rechtsunsicherheit bis hin zum Verdacht der Steuerhinterziehung sorge. Auch die Netzbetreiber wollten es nicht, denn auf Zuhause produzierten Strom werden keine Netzentgelte fällig.

Barrieren lassen sich überwinden oder abbauen

Vietzke initiierte also ein Forum, um diese Norm zu ändern. Es nennt sich PVplug und ist mittlerweile eine Arbeitsgruppe der DGS (Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie e.V.). Sie will erreichen, dass die Barrieren für steckbare Solar-Geräte abgebaut werden. Dies ist ihnen mit der Änderung der DIN VDE 0100-551-1 auch gelungen. „Die neue DIN-Norm ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einer dezentraleren und demokratischeren Energieinfrastruktur“, sagt Vietzke. Allerdings ist damit erst ein Teil des Weges geschafft, um Photovoltaik-Mini-Anlagen problemlos überall einstecken zu dürfen. Der Anschluss von „Steckbaren Solargeräten“ durch den Laien entspricht nun erstmals zweifelsfrei den allgemein anerkannten Regeln der Technik. Derzeit verhandelt die DGS Arbeitsgruppe noch mit den Netzbetreibern beim Forum Netztechnik/Netzbetrieb im (FNN) über ein vereinfachtes Meldeverfahren.

Ein Traum ist Wirklichkeit geworden

Marcus Vietzke ist weit vorangekommen. Inzwischen fertigt er in der Werkstatt im Marzahner CIC nur noch selten Anlagen. Diese werden hauptsächlich von Partnern ausgeliefert. Er koordiniert, berät und bringt die richtigen Leute an einen Tisch.

Sein Traum, dass Mieter ihren eigenen Strom erzeugen können, hat sich erfüllt. Wandsysteme werden heute bereits für 510 Euro mit und 460 ohne Versand verkauft. Balkonaußenbefestigungen soll es in Kürze geben. Das macht sie für Vermieter interessant. „Außerdem ergibt sich ein einheitliches Bild, wenn der Vermieter solche Systeme installieren lässt“, meint Vietzke. Die kleinen Solaranlagen eignen sich aber auch für Häuserdächer. „Der Mieter hat auf jeden Fall einen Nutzen davon, selbst wenn er Miete für die Anlage bezahlen muss. Die Stromeinsparung aus den Netz macht das wieder wett.

Potenzial für hohe Steigerungsraten

Die Wechselrichter – das einstige Problem für Vietzke – sinken weiter im Preis, auch die anderen Komponenten werden billiger. 2016 investierte man weltweit ein Drittel weniger Geld in Photovoltaik als 2015. Die Kosten für Photovoltaikanlagen sinken so stark, dass sich die Leistung mindestens verzehnfachen soll, schätzen Experten. Die Internationale Energieagentur (IEA) nimmt an, dass bis 2022 die Erneuerbaren-Kapazitäten um 43 Prozent steigen könnten. Marcus Vietzke hat mit seinem Start up einen kleinen Anteil daran.

 

 

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden