Drinnen + Draußen

September-Blues

24.09.2017, Linna Schererz

Foto: Linna Schererz

Kennen Sie das? Die Sonne scheint noch warm, der Wind ist allerdings schon frisch, es riecht nach Herbst… Das ist für mich das Zeichen, dass der September-Blues beginnt. Der kann manchmal, wie in diesem kühlen Sommer, schon im August anfangen. So richtig erfasst mich diese Stimmung immer aber erst nach dem 1. September. Wehmut kommt auf, ich beginne, traurige französische Chansons zu hören und Rilke zu lesen: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“ Ach, wie schön. Ach, wie schön traurig.

Warum mich jedes Jahr zur gleichen Zeit diese Wehmut erfasst, versuche ich mir schon lange zu erklären. Vielleicht liegen die Ursprünge in der Kindheit, als unsere Familie nach einem langen und heißen Sommer im Herbst aus dem Dorf in die Stadt zog, die ich damals als trist und grau empfand. Vielleicht, weil früher eigentlich immer im September etwas begann, was gleichzeitig Abschied vom Alten bedeutete: ein neues Schuljahr, die Immatrikulation an der Uni, der erste Job, der nächste große Umzug…

Gepflegte Melancholie

Kein Grund für Tränen, aber für Melancholie. So wie man es aus manchen italienischen Filmen kennt – mit viel Gefühl, eine Traurigkeit (tristezza), die sehr schnell aber auch wieder in Fröhlichkeit umschlagen kann. Das Wechselbad der Gefühle endet bei mir übrigens immer im Oktober, wenn die Blätter sich richtig gelb und rot färben, der Herbst zur goldenen Jahreszeit wird. Dann bin ich in der Nach-Sommerzeit angekommen, nicht mal der graue November, den Heinrich Heine den traurigen Monat nennt, kann mich gefühlsmäßig groß berühren. Denn da freue ich mich schon auf das, was danach kommt, den Weihnachtsmonat mit Pfefferkuchen und Spekulatius, Räuchermännchen und Tannenbaum. Und wenn wir Glück haben, schneit es sogar.

Jetzt aber muss ich mich noch ein wenig dem Blues hingeben. Der September ist schließlich bald vorbei.

 

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