Grün Berlin kündigt Betreibervertrag zu Schloss Biesdorf

Stadträtin will Galerie M verlegen

16.12.2017, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn-Hellersdorf. Nach einer Aufzählung eher gewöhnlicher Ereignisse und Vorhaben aus dem Bereich Kultur lässt Stadträtin Juliane Witt (Linke) während der Tagung der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Marzahn-Hellersdorf am Donnerstagabend, 14. Dezember, eine Bombe platzen: Die landeseigene Grün Berlin GmbH hat den Betreibervertrag für Schloss Biesdorf zum 1. Februar 2018 gekündigt. Das Unternehmen führt für die außerordentliche Kündigung wirtschaftliche Gründe an. Der Vertrag war nach einem langwierigen Verfahren, bei dem sich zuerst nur zwei Interessenten gemeldet hatten und einer davon sich letztlich zurückzog, am 2. Februar 2016 unterzeichnet worden. Als Zentrum für Kunst und öffentlicher Raum (ZKR) wurde das denkmalgerecht sanierte Turmhaus an der Bundesstraße 1/5 Alt-Biesdorf am 9. September vergangenen Jahres unter der Leitung der aus Nordrhein-Westfalen stammenden Architektin und Kunsthistorikerin Katja Aßmann eröffnet. Dort läuft derzeit die Ausstellung unter dem Titel „Blick Verschiebung“. Insgesamt gab es laut ZKR-Angaben seit September 2016 drei überregional beachtete Gruppenausstellungen internationaler Künstlerinnen und Künstler sowie rund 120 Begleitveranstaltungen.

Ganz fix eine neue Idee

“Blick Verschiebung” soll bis zu ihrem geplanten Abschluss am 8. April 2018 gezeigt werden, so Witt. Grün Berlin sagt: “Bis auf weiteres…” Ab 1. Februar betreibt der Bezirk Schloss Biesdorf in Eigenregie. Was mit den erst neu ins Leben gerufenen Sonntagsveranstaltungen wird, ist noch offen. Für den bevorstehenden 17. Dezember wurde “aus organisatorischen Gründen” erst einmal abgesagt, wie es in einer Mitteilung des ZKR vom Mittwoch, 13. Dezember,  hieß.

Obwohl die Nachricht von der Kündigung durch Grün Berlin brandneu ist (die Entscheidung dafür war erst vor wenigen Tagen gefallen) und es somit eigentlich kaum Zeit war, sich gründlich über ein neues Konzept Gedanken zu machen, präsentiert die Stadträtin der BVV ganz fix eine neue Idee: Danach soll nun die Galerie M ins Schloss verlegt werden. Denn deren Leiterin Karin Scheel ist die einzige Galeristin, die der Bezirk hat und die diese Aufgabe übernehmen kann. Der bisherige Standort der Galerie M, ein früheres Ladengeschäft an der Marzahner Promenade 46, wird geschlossen. Witt ist optimistisch: „Zum Biesdorfer Blütenfest wird es wieder ein volles Programm in Schloss Biesdorf geben.“ Einen Bezirksamtsbeschluss über das neue Konzept gibt es noch nicht.

Erhalt als „hochwertiges Kunstzentrum“

Furcht, dass die Fördermittelgeber nun Geld zurückfordern könnten, zeigt Witt nicht. Man sei im Gespräch, sagt sie. Für die denkmalgerechte Sanierung von Schloss Biesdorf waren rund 7,25 Millionen Euro Lottomittel und Fördergelder der Europäischen Union geflossen, der Bezirk hatte das Projekt mit 3,1 Millionen Euro kofinanziert. Förderzweck war die Präsentation von zeitgenössischer Kunst in den Ausstellungsräumen des Hauses. Dabei sollte auch sogenannte DDR-Auftragskunst aus dem Kunstarchiv von Burg Beeskow gezeigt werden. Witt bekennt sich vor den Bezirksverordneten zum Erhalt der Galerie als „hochwertiges Kunstzentrum“ gemäß der Förderrichtlinien.

Grün Berlin bemängelt Kommunikation

Enttäuscht vom Vorgehen der Bezirkspolitiker zeigt sich Grün-Berlin-Chef Christoph Schmidt. Er bemängelt insbesondere die einseitige Art und Weise der Kommunikation zur Vertragsbeendigung durch das Bezirksamt, zumal man ja an anderen Stellen wie den „Gärten der Welt“ und auch zur IGA Berlin 2017 sehr gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet habe. Bereits seit Monaten sei man mit dem Bezirk im Gespräch über Schloss Biesdorf gewesen. Denn von Anbeginn an habe es seitens des Amtes zu hohe Erwartungen an die Finanzierung durch Eintrittskartenverkauf, Vermietungen und kostenpflichtige Veranstaltungen gegeben, sagt Schmidt gegenüber LiMa+. „Darauf haben wir immer aufmerksam gemacht. Denn das geht nicht, wenn man gleichzeitig ein offenes Haus mit vielen kostenfreien Veranstaltungen haben möchte.“ Deshalb habe sich Grün Berlin vorsichtshalber ein Sonderkündigungsrecht in den Vertrag schreiben lassen.

Kein Ausgleich für zu hoch angesetzte Einnahmen

Für die Aufrechterhaltung des Betriebs in Schloss Biesdorf bekommt das Unternehmen jährlich 500.000 Euro, dieses betriebliche Budget sei eingehalten worden. Die vom Bezirk erwarteten Einnahmen hätten jedoch nicht realisiert werden können, sagt Schmidt. „Mit 48.000 Besuchern im ersten Jahr lagen wir zwar über der erwarteten Zahl von 30.000 Gästen, aber auf der Einnahmeseite fehlte dennoch eine sechsstellige Summe.“ Noch unter dem früheren Bezirksbürgermeister Stefan Komoß (SPD) und auch bei mehreren Gesprächen in diesem Jahr mit dem Bezirksamt sei ein finanzieller Ausgleich für einen solchen Fall avisiert worden, so Schmidt. Doch in der vergangenen Woche sei vom Bezirk mitgeteilt worden, dass es keinen Ausgleich geben wird. „Aus haushälterischer Verantwortung mussten wir damit dann leider die Entscheidung zur Vertragsauflösung treffen.“

Hat der Bezirk darauf hingearbeitet?

„Wir sind sehr traurig darüber“, betont der Grün Berlin-Chef. Er vermutet, dass der Bezirk wegen kritischer Stimmen, vor allem von alteingesessenen Biesdorfern, auf eine Vertragsauflösung hingearbeitet hat. „Dabei haben wir aus den Erfahrungen und Kritiken der ersten Monate gelernt und unser Konzept im Laufe der Zeit weiterentwickelt.“ Gemeinsame Kooperationen mit der Volkshochschule, Schulen und weiteren Einrichtungen seien verabredet worden. „Auch für das Team vom ZKR ist die leider notwendige Entscheidung eine Katastrophe, so kurz vor Weihnachten.“ Keiner der betroffenen Mitarbeiter wisse derzeit, wie es für ihn weitergeht. Schmidt sagt, dass er das Thema Kunst und öffentlicher Raum weiterhin für sehr bedeutsam halte. „Das würden wir gern an anderer Stelle weiter spielen.“ Möglicherweise im Spreepark in Treptow, den die Grün Berlin GmbH aus seinem Dornröschenschlaf wecken will. In einer Pressemitteilung vom Freitagnachmittag, 15. Dezember, heißt es dann dazu: “Die Grün Berlin GmbH beabsichtigt, das ZKR an neuem Standort und mit neuem Ansatz als Produktionsort von künstlerischen Projekten und Fragen der Stadt- und Landschaftsplanung ab 2018 weiterzuführen.”

Aus wohl auch für Café und Buchladen

Dass das Café im Schloss, das schon lange unter sehr niedrigen Gästezahlen leidet, und der Buchladen/Museumsshop im Erdgeschoss bleiben, ist unwahrscheinlich. Denn diese haben Verträge ausschließlich mit der Grün Berlin – wenn der Vertragspartner entfällt, können sie ebenfalls den Standort aufgeben. Laut Witt soll versucht werden, eines der bezirklichen Ausbildungsprojekte für den Kaffeehaus-Betrieb zu gewinnen.

Die landeseigene Grün Berlin GmbH betreibt in Berlin etliche Parks wie beispielsweise die „Gärten der Welt“ in Marzahn-Hellersdorf, den Britzer Garten in Neukölln oder aber die Parks am Gleisdreieck in Kreuzberg. Sie ist zudem verantwortlich für Entwicklung, Realisierung und den Betrieb komplexer Freiraumprojekte in der Hauptstadt.

Mehr zur Grün Berlin hier…

Update 16. Dezember:

Stadträtin Juliane Witt legt Wert darauf, dass sie bereits vor der BVV dem Grün Berlin-Chef den Entwurf einer gemeinsamen Sprachregelung zur Beendung des Vertrags geschickt hat. Es sei aber keine Reaktion darauf erfolgt.

 

 

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Leserkommentare

  1. Leserkommentar von Konrad Kretschel:

    “Eine schwierige Aufgabe”

    “Nun ist es also eingetreten, was viele Biesdorfer von Anfang an befürchtet haben.
    Die Sanierung des Schlosses hat aus dem ehemaligen (aber lebendigen) Torso einen Juwel gemacht. Die sinnvolle, lebendige Nutzung scheitert aber am Widerstreit verschiedener objektiver (vielleicht auch subjektiver?) Faktoren, von denen ich hier nur zwei nennen will.

    1. Die Vorgaben des Denkmalschutzes (kleinteilige Raumgestaltung) und der Geldgeber EU, Lotto (überregionale Nutzung (Ausstellung, Galerie)) sind nur sehr schwer vereinbar.

    2. Die technischen Gegebenheiten (ungenügende Klimatisierung und Gebäudesicherheit) gestatten es nicht, dass hochwertige Kunstwerke präsentiert werden können.

    Während der letzten gefühlten 40 Jahre war das Schloss ein sehr lebendiger Ort als Kulturhaus, später Stadtteilzentrum Biesdorf.

    Es ist aber zu befürchten, dass der Galerie M künftig ein ähnliches Schicksal droht, wie jetzt dem ZKR, zieht sie doch aus einem bevölkerungsreichen Gebiet in ein sehr einsam stehendes Gebäude, in das sich kaum Zufallspublikum verlaufen wird. Sie müsste also außerordentlich beworben und Besucherströme auch direkt organisiert werden, was im ersten Fall wohl nicht so recht funktioniert haben dürfte.

    Gäbe es nicht die obigen Vorgaben, wäre es nach meiner Auffassung nur eine sinnvolle Lösung:

    Wiedereinzug des Stadteilzentrums, welches in dem alten Bauernhaus ein unwürdiges Dasein fristet, in das Erdgeschoss. Und im Obergeschoss des Schlosses Räume für die Verwaltung des Bezirkes oder attraktive Büros zur Vermietung.

    Das ist jedenfalls meine Meinung.”

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