Zwischen Stadt und Land

Röhrende Hirsche und streitende Katzen

02.10.2016, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding (Zum Vergrößern anklicken!)

Zuletzt konnten wir abends das Fenster nicht mehr aufmachen. Zehn Jahre nach dem Umzug nach Alt-Hohenschönhausen war der Krach, der nachts von der Landsberger Allee zu uns in die „Weiße Taube“ drang, kaum noch zu ertragen. Klar, wir hätten uns auch vorstellen können, dass das ständige Rauschen im Hintergrund die Ostsee sein könnte. Aber so weit reichte unsere Phantasie dann doch nicht. Anderthalb Jahre haben wir damit verbracht, im Umfeld unseres Wochenendhauses am See ein eigenes Heim zu suchen.

Vor zwölf Monaten begann für uns ein neues Leben irgendwo bei Storkow. Ein Leben in einem Dorf, das gerade einmal 136 Einwohner zählt. Keine Kneipe, kein Konsum und Straßenlaternen, die um 22 Uhr abgeschaltet werden. Die ersten Male, an denen wir spätabends von der Arbeit in Berlin kamen, war es für uns Lärm geplagte Buletten (so nennen die Brandenburger mit ein bisschen Hassliebe die Berliner) gespenstisch still. Nur ab und an fuhr noch ein Auto über die Dorfstraße.

„Wenn Ihr gerne bei offenem Fenster schlaft, könnt Ihr im Herbst die röhrenden Hirsche hören“, hatte uns Heidi, die Vorbesitzerin unseres neuen Hauses erzählt und uns die Vorzüge unseres neuen Heimes schmackhaft gemacht. Es sollte nur wenige Tage dauern, bis genau das geschah. Von unserem in Richtung Wald gelegenen Schlafzimmer hörten wir dieses martialische Brüllen der stattlichen Tiere. Später wurden wir zuweilen von Katzen geweckt, die sich ausgerechnet auf unserem Waldgrundstück einen Revierkampf lieferten. In diesen Tagen wird die Geräuschkulisse röhrender Hirsche und schreiender Katzen vom lauten „Määäääähhhhh“ der Schafe ergänzt, die ein Dorfbewohner wenige Hundert Meter von uns entfernt auf eine Koppel gebracht hat. Anfangs verfolgten unsere eigenen Samtpfoten diese für sie ungewohnten Laute noch mit großer Neugier, spitzten die Ohren und schlichen nervös von einem Fenster zum anderen. Mittlerweile geht ihnen das aber am Katzenpopo vorbei.

Seit einem Jahr also pendeln wir zwischen den Welten. Fahren morgens rein nach Berlin, in diese für uns immer lauter und zunehmend chaotischer werdende Stadt und freuen uns, wenn wir abends ins Auto Richtung Pampa steigen. Hin und wieder bekunden Freunde, die wir lange nicht gesehen haben, ihr Mitleid. „Was, so weit draußen wohnt ihr“ oder „Da fahrt ihr ja eine Ewigkeit“ sind dann solche Sätze, auf die eigentlich eine tröstende Umarmung folgen könnte. „Passt schon“, sagen wir und erzählen prahlend und nicht ohne Stolz von lauen Sommerabenden auf unserer Terrasse, unseren inzwischen zu Freunden gewordenen Nachbarn, von röhrenden Hirschen oder dem Duft der Kiefern…

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf.

 

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