Das heimliche Leiden von Millionen: Harninkontinenz

Reden hilft

01.03.2016, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Lichtenberg. Etwa fünf Millionen Menschen leiden in Deutschland an Harninkontinenz – vor allem Frauen sind von sogenannter Blasenschwäche betroffen. Aus Scham verschweigen sie ihre Erkrankung oft sogar dem Haus- oder Facharzt. Dabei kann ihnen geholfen werden, sagt Dr. med. Thomas Fink, Leitender Oberarzt Gynäkologie und Leiter des Beckenbodenzentrums am Sana Klinikum Lichtenberg.

Einschränkung der Lebensqualität
Der 45-Jährige gebürtige Wiesbadener, der seit 2015 im Klinikum an der Fanningerstraße wirkt, ist einer der führenden Urogynäkologen Deutschlands. Er besitzt innerhalb der Arbeitsgemeinschaft für Urogynäkologie und Plastische Beckenbodenrekonstruktion (AGUB e.V.) die Zertifizierung AGUB III, die höchste Qualifizierung in diesem Bereich. Nur 40 Mediziner mit einer solchen Zertifizierung gibt es derzeit in Deutschland. Unter Leitung von Fink, Vater von zwei Kindern, der in Kreuzberg lebt, strebt das Lichtenberger Klinikum in spätestens zwei Jahren für das Beckenbodenzentrum die Zertifizierung als Kompetenzzentrum an, ein Qualitätssiegel. Ziel ist es u.a., der durch Harninkontinenz oft verbundenen Einschränkung der Lebensqualität von betroffenen Frauen entgegenzutreten und mit interdisziplinären Therapien die Heilung zu unterstützen.

Ernst zu nehmende Krankheit
Was oftmals Blasenschwäche oder schwache Blase genannt wird, ist eine ernst zu nehmende Krankheit, sagt Dr. Fink, die für die Betroffenen viel Leid bedeute. Das Risiko, daran zu erkranken, steige mit dem Lebensalter, beginne häufig ab 50 Jahren. Die Krankheit könne aber auch jüngere Menschen betreffen, so zum Beispiel nach einer Schwangerschaft, aber auch nach Unfällen und Operationen. Es wird zwischen der sogenannten überaktiven Blase (Dranginkontinenz) und der Belastungs-Inkontinenz durch Schwächung der Harnröhre unterschieden, dazu gibt es noch eine Mischform aus beiden. Während Erstere sich durch häufiges störendes Wasserlassen manifestiert, das zur Belastung wird („Man fühlt sich praktisch an die Toilette gebunden, muss auch nachts häufig raus und kann oft nicht wieder einschlafen“), äußert sich Letztere durch Urinverlust beim Husten, Niesen oder beim Sport. „Das beeinträchtigt das Leben immens“, sagt der Mediziner. Patientinnen würden sich häufig aus der Öffentlichkeit zurückziehen, ihre Aktivitäten einschränken.

Botox für die Blase
„Reden Sie“, empfiehlt Dr. Fink. Bereits bei den ersten Anzeichen sollte man zu seinem Haus- oder Facharzt gehen und das Thema zur Sprache zu bringen. „Und man sollte so lange fragen bis man zu einem Spezialisten überwiesen wird.“ Bei leichten Fällen könne manchmal schon durch eine Physiotherapie geholfen werden, es gebe Medikamente für eine unruhige Blase und auch Hilfsmittel zur Stabilisierung der Harnröhre und der entsprechenden Muskulatur. Selbst das Nervengift Botox, bekannt als Mittel zur Faltenreduzierung im Gesicht, werde bei einer überaktiven Blase mit Erfolg eingesetzt, erzählt Fink. Und wenn das alles nicht wirkt, könne minimalinvasiv, also ohne großen Eingriff, operiert werden.

Gesunde Lebensweise
Vorbeugen kann man nur wenig. Allerdings ist auch hier eine gesunde Lebensweise hilfreich – so verstärken Rauchen und Koffein eine überaktive Blase. Nach einer medizinischen Studie hat auch eine Gewichtsreduzierung bei Patientinnen sowohl die überaktive Blase als auch die Belastungsinkontinenz positiv beeinflusst, berichtet Dr. Fink. „Man könnte auch ein wenig Training machen, zum Beispiel 10 Minuten später zur Toilette gehen als man vorhatte, wenn das auszuhalten ist, oder ein Tagebuch führen“, rät er. Letzteres helfe dabei, sich von Zwängen zu befreien wie beispielsweise vor dem Gang zum Einkaufen als Vorsichtsmaßnahme stets noch einmal das WC aufzusuchen.

Beratungen in Altersheimen oder Stadtteilzentren
„Man muss sich mit diesen Leiden nicht abfinden“, betont Dr. Fink. Das A und O sei, sich nicht zu scheuen, Ärzte um Rat zu fragen. Er bietet selbst Beratungen dazu an – kommt beispielsweise in Einrichtungen der Region wie Seniorenheime oder Stadtteilzentren zu Informationsvorträgen. „Bei Wünschen danach einfach im Sekretariat der Gynäkologie anrufen“, sagt der Leitende Oberarzt.

Am kommenden Dienstag, 8. März, lädt die Sana-Frauenklinik anlässlich des Internationalen Frauentages zum Kontinenz-Kompetenz-Tag mit vier verschiedenen Vorträgen ein. Die Veranstaltung findet von 16 bis 18 Uhr im Speisesaal (Haus L, 1. Obergeschoss, Fanningerstraße 32) statt. Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung unter Tel. 55 18 24 11 oder per E-Mail p.klemmer@sana-kl.de wird gebeten.

 

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