Millionen für das Rathaus Marzahn

Zwischen Vergangenheit und Zukunft

08.02.2018, Marcel Gäding

Foto: Marcel Gäding

Der Bezirk wird das alte Rathaus Marzahn sanieren. Das ist auch dringend notwendig. Vor allem technisch ist das Gebäude auf dem Stand von 1989. LiMa+ und das Bezirks-Journal warfen einen exklusiven Blick in längst gesperrte Bereiche.

Die Fassade ist verblasst, das alte Marzahner Bezirkswappen hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Schon äußerlich ist erkennbar, dass das Rathaus am Helene-Weigel-Platz dringend saniert werden müsste. Doch mit einem Farbanstrich hier und neuen Fenstern da ist es nicht getan. Denn vor allem die Haustechnik muss auf den neuesten Stand gebracht werden. Fast alle Versorgungsleitungen und Kanäle sowie die Lüftungs- und Heizungsanlagen stammen noch aus DDR-Zeiten. Was 1989 als modern galt, zeigt sich heute als anfällig und vor allem als teuer, was die Energiekosten betrifft. Immer noch prangen vor allem im Keller die Herstellerschilder einstiger Kombinate und Volkseigener Betriebe.

Millionenschwere Sanierung

Noch vor einigen Wochen sah es so aus, als wäre die vom Bezirk lang ersehnte Sanierung des Marzahner Rathauses so schnell nicht umzusetzen. Das etwas passieren muss, darüber war man sich im Bezirk zwar einig. Doch es fehlte Geld. Auf rund 22 Millionen Euro haben sich die Kosten für die Erneuerungsarbeiten des Verwaltungsgebäudes inzwischen summiert. Zuletzt sollte die landeseigene Berliner Immobilienmanagement GmbH das Rathaus in ihr Portfolio übernehmen, es sanieren und danach an den Bezirk vermieten. Weil Berlin aber derzeit mehr Geld einnimmt als geplant, stehen nun wie durch ein kleines Wunder Sondermittel bereit (wir berichteten). Die ermöglichen es dem Bezirk, die Arbeiten selbst zu projektieren und zu steuern. Vor allem aber bleibt das Rathaus im Besitz von Marzahn-Hellersdorf.

Das Gebäude am Helene-Weigel-Platz ist keines von diesen typischen DDR-Standard-Verwaltungsgebäuden. Ganz im Gegenteil: Es ist nur eines von drei zu DDR-Zeiten neu gebauten Rathäusern. Vor allem die aus der Feder des renommierten Planers Wolf-R. Eisentraut und seiner Kollegin Karla Block stammende Architektur unterscheidet sich deutlich von dem konzeptionellen Einheitsbrei des Arbeiter- und Bauernstaates: Durch den Eingang betritt der Besucher eine große, von Tageslicht durchflutete Halle. Offene Treppenhäuser links und rechts führen in die einzelnen Büroetagen. Auf jeder Ebene stehen exotische Pflanzen. Weil diese Architektur etwas ganz Besonderes darstellt, wurde das am 10. Januar 1989 eröffnete Rathaus 2008 unter Denkmalschutz gestellt.

Dicker Staub im Ratskeller

Ortstermin, Anfang Februar. Lange bevor die Zusage vom Land Berlin kam, Geld für die Sanierung des Rathauses bereitzustellen, willigte die für Immobilienfragen zuständige Bezirksstadträtin Juliane Witt (Die Linke) einem ungewöhnlichen Besichtigungstermin ein. Das Rathaus an sich ist öffentlich zugänglich – vor allem aber die seit Jahren für den Besucherverkehr gesperrten Bereiche erregen das Interesse des Berichterstatters. Mit einer Taschenlampe bewaffnet geht es durch einige Technikräume direkt in den Ratskeller. „Gut auf den Kopf aufpassen“, sagt der Hausmeister mit Verweis auf die teilweise niedrig hängenden Rohre und Schächte. Gleich hinter der Großküche führt die Tour durch eine Glasflügeltür in den alten Ratskeller. Dicker Staub liegt auf Tresen und Tischen, Stühle stehen im Raum verteilt. Es ist Jahre her, dass hier frisches Bier gezapft und deftige Speisen gereicht wurden. Imposant sind die noch gut erhaltenen Kreuzgewölbedecken, und auch die an Säulen angebrachten Skulpturen präsentieren sich unversehrt. Sie stammen von dem Künstler Peter Makolies, der auch die Fruchtbarkeitsgöttin im einstigen Trauzimmer schuf. So mancher Marzahner erinnert sich gerne an die Familien- und Hochzeitsfeiern, an die Firmenjubiläen und Feste, die es im Ratskeller gab. Als die Energiekosten aber für die letzten Betreiber ins Unermessliche stiegen, zogen diese die Notbremse und warfen das Handtuch.

In den vergangenen Jahren wurde im ganzen Haus baulich nur das Notdürftigste gemacht. Größte Sorge bereitet neben der veralteten DDR-Technik das Dach, das bei den letzten Stürmen wiederholt beschädigt wurde. Zum Ärger der Bezirksamtsangestellten, die in den Büros darunter arbeiten. Teilweise konnte Regenwasser ungehindert in die Amtsstuben dringen. „Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heißt das, unter teilweise schwierigen Bedingungen zu arbeiten“, räumt Bezirksstadträtin Juliane Witt ein. Nicht zuletzt sind auch die Toiletten im Haus eine bauliche Katastrophe.

Im Ratskeller soll wieder Bier fließen

Umso größer ist die Freude über die unerwartete Millionenspritze. An erster Stelle geht es darum, das Rathaus in ein modernes Dienstgebäude zu verwandeln, in dem auch zusätzliche Räume entstehen. „Kurz nach Bekanntwerden, dass es Sondermittel geben wird, haben sich unsere Leute an die Arbeit gemacht“, sagt Witt. Schon im Herbst sollen im Rahmen einer europaweiten Ausschreibung Unternehmen für die Sanierung gefunden werden. An die drei Jahre – so lange dauerte übrigens der Bau des Rathauses – sind für die Instandsetzungs- und Modernisierungsarbeiten vorgesehen. Die betroffenen rund 340 Mitarbeiter der Abteilungen Stadtentwicklung, Jugendamt und Denkmalschutz werden in dieser Zeit anderweitig untergebracht. Das trifft auch auf die Fraktionen der Bezirksverordnetenversammlung zu, die im Rathaus Büros nutzen. Entsprechende Vorvereinbarungen für Ausweichstandorte gibt es bereits mit Eigentümern privater Bürodienstgebäude. Erhalten bleiben soll die im gesamten Rathaus verstreute Kunst. „Das Standesamt wird abermals seinen festen Platz im Rathaus bekommen“, kündigt Witt an. „Und im Ratskeller soll wieder Bier fließen.“

Galerie und Rathaus

Das Rathaus am Helene-Weigel-Platz wurde erst zwölf Jahre nach der Gründung des Ostberliner Stadtbezirks Marzahn eröffnet. Bauzeit: 1986 bis 1988, Übergabe 10. Januar 1989. Es war kurze Zeit Dienstsitz des einstigen SED-Bürgermeisters Gerd Cyske, später von SPD-Bürgermeister Andreas Röhl und seinem PDS-Nachfolger Harald Buttler. Ursprünglich sollte es seinen Platz an der Marzahner Promenade haben.

Mit der Fusion der beiden Altbezirke Marzahn und Hellersdorf verlagerte die Bezirksverwaltung ihre „Zentrale“ in das Zentrum Helle Mitte, während das alte Rathaus nur noch als Verwaltungsgebäude diente. In der Kulturszene hat sich das imposante Haus inzwischen als Galerie einen Ruf gemacht. Die Flure dienen regelmäßig aus Ausstellungsort für die Reihe „Kostbarkeiten“ des Kurators Michael Wiedemann, die in Kunstkreisen viel Beachtung findet.

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden