Frau & Mann

Quotierte Redeliste – Frau gewinnt

28.05.2017, Volkmar Eltzel

Zeichnung: Pixabay bearbeitet. Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Im sich neigenden Wonnemonat Mai gab es im Lichtenberger Bezirksparlament eine Premiere: Zum ersten Mal wurde praktiziert, was die Bezirksverordneten bereits im April mehrheitlich beschlossen hatten: Paragraph 26, Absatz 1 der neuen Geschäftsordnung regelt, dass im Verlauf von Aussprachen der Bezirksverordneten die Sitzungsleitung das Wort abwechselnd an eine Frau und einen Mann in der Reihenfolge der Wortmeldungen erteilt. In der Konsequenz kann es also vorkommen, dass Frau früher zu Wort kommt, obwohl sie sich erst nach Mann gemeldet hat.

Zweigeschlechtliche Vorbereitung

Frau/Frau- und Mann/Mann-Wortbeiträge sind nur dann zulässig, wenn das jeweils andere Geschlecht gerade keinen Redebedarf hat. Dann darf von der Quotierung abgewichen werden. – Zum Glück, sonst wäre nämlich die Diskussion an der Stelle beendet.

Will nach der Neuregelung nun also eine Fraktion den Zeitpunkt ihres Zu-Wort-Kommens bei Rede und Gegenrede sicherstellen, muss sie sich zweigeschlechtlich vorbereiten. Oder sie pfeift darauf und kommt erst nach den Frauen / Männern der anderen Fraktion zu Wort.

Ist das wichtig? War nicht Gender Mainstreaming in erster Linie gedacht, um Beschlüsse inhaltlich so zu fassen, dass die Belange aller Geschlechter gleichermaßen berücksichtigt werden? Hier scheint es jedoch nur um die Form – nämlich die der geschlechtergerechten Redereihenfolge – zu gehen. Zu Wort kommt ansonsten sowieso Jede und Jeder, die /der es wünscht.

Der neuen Geschäftsordnung liegt zumindest in diesem Punkt offenbar die Denkart zugrunde: Ich hab das aber zuerst gesagt! Wer zuerst blinzelt, hat verloren und wer zuletzt lacht, der lacht am besten. – So streiten sich Vierjährige. Zudem unterstellt die Verfahrensweise den männlichen Bezirksverordneten indirekt, sie würden sich ausschließlich für die Belange ihres Geschlechts einsetzen und die des anderen außer Acht lassen.

Gedankenexperiment (nicht ganz ernst gemeint)

Wenngleich in der Lichtenberger Bezirksverordnetenversammlung (BVV) 32 Männer (58 Prozent) und nur 23 Frauen (42 Prozent) vertreten sind, wurde der Beschluss zu den Versammlungsgrundsätzen mehrheitlich gefasst. So sind die Männer eben – großherzig. Vielleicht wurden sie von dem vermeintlich schwachen Geschlecht aber auch einfach überrumpelt. Schließlich stimmten die Wähler über die Parteien und nicht über die Zusammensetzung der BVV nach Geschlechtern ab (wäre ja mal eine Idee). Darüber entscheiden die Parteien bislang selbst. Durch die Regelung werden also statistisch streng genommen die „Bezirksverordnetinnen“ begünstigt. Denn nach Adam Ries müssten eigentlich – wenn es genderneutral zugehen soll, unter Berücksichtigung der geschlechtlichen Zusammensetzung der BVV – auf einen Frau-Redebeitrag genau 1,391304347 Mann-Redebeiträge kommen.

Nach der Neuregelung kommt aber Frau (wenn sie denn will) im Durchschnitt 1,4 Mal zu Wort, wenn Mann 1 Mal spricht. Anders ausgedrückt: Wenn die 32 Männer in der BVV jeweils 1 Mal reden, dann kommen die 23 Frauen auch jeweils 1 Mal zu Wort. ABER neun Frauen reden noch einmal!

Jetzt passt auf, männliche Verordnete! Ihr wisst doch, dass die Frauen sowieso immer das letzte Wort haben. Wenn immer abwechselnd geredet wird, ergibt sich zum Beispiel folgendes Schema:
Mann / Frau / Mann / Frau – ausgeglichenes Redeverhältnis, aber Quote nicht erfüllt! Mann steht statistisch in der Kritik. Frau gewinnt auch deshalb, weil ihr abschließendes Argument nachhallt.
Oder:
Frau / Mann /Frau / Mann / Frau – Frau gewinnt, weil ein Mal mehr und zuletzt gesprochen.

Arme(r) BVV-Vorsteher(in)

Ob die Anzahl der Frauen-Wortmeldungen per Verordnung tatsächlich zu steigern ist, bleibt abzuwarten. Anstrengender wird es wohl für den BVV-Vorsteher, der nicht mehr nur auf die Redereihenfolge nach dem Zeitpunkt der Meldungen, sondern zusätzlich auch auf die Geschlechterabfolge achten muss. Zur Premiere der neuen Geschäftsordnung in der Praxis der Mai-BVV jedenfalls forderte er vergeblich an den entsprechenden Stellen auf: „So, jetzt wäre die Gelegenheit für den Wortbeitrag einer weiblichen Bezirksverordneten…“ Es wollte zu jenen Zeitpunkten einfach keine Parlamentarierin sprechen. Das Wort ergriffen die Frauen natürlich trotzdem. Und zwar dann, wenn sie es für angebracht und sachdienlich hielten.

 

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