„Punk und Stachel im Kunstfleisch“

14.04.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn. Leichtbekleidete, manchmal auch nackte Frauen rekeln sich in lasziven Posen, üppige Paare sind in eindeutigen Situationen zu beobachten, Neonazis posieren als Loser, in hölzernen Rahmen von Altarbildern sind verblüffende Stillleben angeordnet, grazil verformte Frauenfiguren aus Holz stehen dort, wo sich Besucher auf den Weg zu den Amtsstuben machen – die neueste Ausstellung in der Reihe „Kostbarkeiten“ im alten Rathaus Marzahn ist streitbar, bunt und grell. Nicht umsonst hat sich die Künstlergruppe, deren Arbeiten erstmals in einer solch umfassenden Form präsentiert werden, NEONreal genannt. Harald K. Schulze, Rolf Biebl und Clemens Gröszer (gestorben 2014) haben seit den 1970er-Jahren in der DDR dem Menschenbild verschrieben. Aber nicht bieder, wie einst vom sogenannten sozialistischen Realismus plakatiert, sondern sinnlich, schön und hässlich, anregend, verstörend.

“Lustvolle Provokation”

Eine „lustvolle, virtuose Provokation“ nannte Laudatorin Ingeborg Ruthe, Kunstexpertin und Feuilletonautorin der „Berliner Zeitung“, das Schaffen der drei Künstler bei der Vernissage der Ausstellung am Donnerstagabend, 12. April. NEONreal sei „Stachel und Punk im Kunstfleisch“. Und habe sich längst nicht überholt. „Bis heute blieb die grelle Bildschärfe, gegen die Biederkeit“, so Ruthe. „Für Attacke, Übertreibung, Großstadtgefühl.“ NEONreal habe Berliner Kunstgeschichte geschrieben, ihre Bilder und Skulpturen spiegelten den Zeitgeist. Die Szenerien auf den Bildern, die Figuren glaube man doch ständig zu sehen: die Huren auf den Straßen der Großstädte, die Nachtgestalten in und vor den Clubs und Bars der Party-Metropolen, die Lolitas und das spektakelgierige Eventpublikum, die narzisstischen Maskeraden und Travestien, die Punks und die gewaltbereiten Neonazis. „Der Tanz auf dem Vulkan in einer Welt der Krisen, Kriege und Konflikte und dazu die turbokapitalistische Vergnügungsindustrie. Als hielte NEONreal noch immer der Gesellschaft den Spiegel vor. Der Stachel sitzt, nach wie vor.“

Beschwerden, doch Bezirk knickt nicht ein

Ruthe hob hervor, dass NEONreals Kunst keineswegs politisch korrekt daher komme in den Augen pseudofeministischer Sektiererinnen. „Weil doch Frauen so herausfordernd nackt, so erotisch rückhaltlos nicht aussehen dürfen 2017/18, wo ein spanisches Gedicht an einer Hochschulwand die SittenwächterInnen der selbsternannten Sexismuspolizei auf den Plan ruft“, erinnerte sie an den Streit um das Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gomringer an der Alice-Salomon-Hochschule in Hellersdorf (wir berichteten) . Und tatsächlich hatte es auch schon kurz vor der Eröffnung der NEONreal-Ausstellung Beschwerden von Behördenmitarbeitern über die provokante Kunst gegeben. Der Bezirk will davor nicht einknicken. Bürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke) betonte: Ja, auch solche Bilder gehörten ins Rathaus. „Sie laden zum Nachdenken ein, zur geistigen Auseinandersetzung.“ Gegenüber den Veranstaltern – das Team der Ospe Art/Kunstfreunde für Marzahn-Hellersdorf und die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) – regte sie an, Führungen durch die Exposition zu veranstalten.

Rathaus mausert sich zum Kunstort

Es ist bereits die neunte Ausstellung, die die Kunstfreunde in Marzahn präsentieren – das Rathaus, das vom Foyer bis zum fünften Stock mit Bildern und Plastiken bestückt ist, mausert sich immer mehr zum einzigartigen Kunstort, der weit über den Bezirk hinaus Beachtung findet. Und mehr Besucher hat als manche tatsächliche Galerie. Zur Vernissage war auch der Architekt Wolf Rüdiger Eisentraut gekommen, der gemeinsam mit Karla Bock das Gebäude mit dem großen Foyer und dem eindrucksvollen Lichthof entworfen hatte. Als eines von nur zwei in der DDR gebauten Rathäusern steht es inzwischen unter Denkmalschutz. Eisentraut freute sich über die künstlerische Nutzung: „Wir wollten immer ein Haus für die Menschen bauen, kein schlichtes Verwaltungsgebäude.“ Ausstellungen wie die von NEONreal trügen dazu bei, dass das Rathaus Marzahn nicht nur als Behördensitz wahrgenommen werde.

im Frühjahr 2019 dann Harald Metzkes

Das 1988 eröffnete Gebäude, an dem seit damals nur Kleinreparaturen unternommen wurden, ist inzwischen stark sanierungsbedürftig. Wie berichtet, stellt der Senat dafür rund 22 Millionen Euro bereit. Laut Stadträtin Juliane Witt (Linke), zuständig u.a. für Facility Management und Kultur, werden die Arbeiten voraussichtlich 2022 beginnen. Bis 2021 sind weitere „Kostbarkeiten“-Ausstellungen geplant, sagte Michael Wiedemann, der Initiator der Ospe Art/Kunstfreunde für Marzahn-Hellersdorf. „Ein ganz besonderes Highlight gibt es im kommenden Frühjahr“, verriet er schon mal. Dann wird der bekannte Berliner Maler Harald Metzkes (Mitbegründer der „Berliner Schule“) eine Ausstellung anlässlich seines 90. Geburtstages haben. Den Titel dafür hat er selbst ausgesucht, erzählte Wiedemann: „… ich bin der Maler Metzkes“.

NEONreal, Ausstellung im alten Rathaus Marzahn, Helene-Weigel-Platz 8, bis 30. Juni. Geöffnet Mo–Fr von 8 bis 18 Uhr. Eintritt frei.

 

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