William und Kate – kurzer königlicher Besuch in Marzahn

Zufriedene Zaungäste

20.07.2017, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Marzahn. Nein, er gehe nicht dorthin, sagt der etwas korpulente Mann, der am frühen Mittwochnachmittag, 19. Juli, seine Einkäufe von Rewe nach Hause schleppt. Dorthin – damit meint er das Kinderhaus Bolle, eine Einrichtung des Straßenkinder e.V., der sich vor allem um Kinder aus sozial schwierigen Familien kümmert. Der Verein finanziert seine Arbeit ausschließlich durch Spenden. Das Kinderhaus erwartet Besuch aus dem britischen Königshaus, Prinz William und seine Ehefrau Kate, Herzoge von Cambridge, besuchen auf ihrer Deutschlandtour die Einrichtung in der Hohensaatener Straße 20-22. Denn die Royals sind oft zu karitativen Zwecken unterwegs, kümmern sich insbesondere um Kinder- und Jugendprojekte. Die Idee zu der Bolle-Visite sei von der Botschaft gekommen, heißt es in einigen Medien, andere wollen wissen, dass das beliebteste Paar des britischen Königshauses ganz bewusst nach Marzahn wollte.

„Wir sind doch nicht die Bronx“

Der Einkaufstütenschlepper kritisiert das: „Wir sind doch nicht die Bronx. Gucken Sie sich doch mal um“, sagt er. In der Tat, das Viertel ist sauber, die Häuser sind modernisiert oder teilmodernisiert, es gibt viele Spielplätze und lauschige Ecken für die Erholung. Nach den Sozialdaten gehört die Gegend nicht zu den schlechtesten Ecken in der Großsiedlung Marzahn. Dennoch kommen auch aus diesem Stadtteil viele Kinder ins Bolle-Haus. Es sind Jungen und Mädchen, die zu Hause nicht mehr klar kommen, deren Eltern arm sind oder zu wenig Zeit für ihre Kinder haben. Bei „Bolle“ werden sie betreut, können gemeinsam basteln, spielen und lernen.

„Mal ein Highlight“

Der Kritiker scheint mit seiner Meinung am Mittwoch auch ziemlich allein dazustehen. Ramona S.(34) und Daniel S. (31), sie arbeitssuchend, er hat gerade einen Teilzeitjob, freuen sich jedenfalls. „So ein hoher Besuch ist doch mal ein Highlight“, sagt Daniel, der schnell noch seine Mischlingshunde Trini und Curly nach Hause führen muss. Dann komme auch er, um sich einen guten Platz zu suchen, von dem aus man die königlichen Hoheiten sehen kann. Nikolaus Belser, Angestellter bei Lothars Wurstverkauf, wo man Fabrikware billiger als im Supermarkt bekommt, stimmt den beiden zu: „Ist doch mal etwas anderes, besonders für die Kinder ist es schön.“ Der 76 Jahre alte Rentner am Imbiss nebenan, den alle dort nur „der Bürgermeister“ nennen, obwohl er nie einer war, hat einen Artikel aus dem Berliner Kurier ausgeschnitten, der die Stationen von William und Kate am Mittwoch in Berlin auflistet. Er trägt einen schicken weißen Anzug mit dezenten schwarzen Streifen, der graue Schnurrbart ist sorgfältig gepflegt. „Aber nicht wegen des Prinzenpaars“, sagt sein Bekannter (64), der mit ihm am Tisch unter einem großen Sonnenschirm sitzt. Der Mann sei ständig so adrett gekleidet. Sich unter die Schaulustigen zu mischen, die sich bereits zwei Stunden vor dem Besuch von William am Elfgeschosser gegenüber dem Kinderhaus sammeln, fällt dem „Bürgermeister“ allerdings nicht ein. Wozu gibt’s schließlich Fernsehen und Internet?

„Live ist live“

Inge Richter findet dagegen: „Live ist live“. Sie hat schon um 13.30 Uhr mit ihrem Rollator unter einem schattigen Baum in der ersten Reihe Platz bezogen, direkt vor den Absperrgittern der Polizei. Die Rentnerin wohnt in der Nähe und hofft, dass von dem royalen Glanz auch etwas für Marzahn abfällt: „Wir werden immer als Ghetto beschrieben, dabei stimmt das doch auf keinen Fall. Gucken Sie sich doch mal um, wie sauber und wie schön grün es hier ist“, sagt sie. Regina Herrmann, eine freundliche Endfünfzigerin, stimmt zu: „Und mit der IGA haben wir in diesem Jahr ja noch etwas ganz Besonderes. Schade, dass William und Kate dort nicht noch den neuen Englischen Garten besuchen.“ Doch der Zeitplan der Deutschland-Tour des Prinzenpaares ist ausgesprochen straff, gleich der erste Berlin-Tag hat es in sich mit Mittagessen bei der Bundeskanzlerin, dem Besuch des Holocaust-Mahnmals, der Visite am Brandenburger Tor, dem Tee beim Bundespräsidenten und einer abschließenden Nachgeburtstagsfeier für die Queen in der Britischen Botschaft. An den offiziellen Terminen nehmen die Kinder des Paares, Prinz George (3) und Charlotte (2), nicht teil. „Ich hätte sie schon gern gesehen“, sagt Regina Herrmann. Aber es sei zu verstehen, das Mammutprogramm sei schließlich schon für Erwachsene anstrengend.

Zaungäste gucken Livestream

Mittlerweile haben die Jungen und Mädchen im Kinderhaus, die an diesem Tag ihre Zeugnisparty feiern, schon mehr als zwei Stunden gewartet. Dann erscheint endlich der Konvoi mit dem schwarzen Jaguar unter britischer Flagge, in dem die Royals sitzen. Ein sekundenkurzes Winken von Herzogin Kate zu den Leuten hinter den Absperrgittern, dann wird sie mit Ehemann William von Eckhard Baumann, dem Bolle-Vereinschef empfangen, und ins Haus geleitet. Was dort drinnen und auf dem ebenfalls an diesem Tag nicht einsehbaren Sportplatz vorgeht, bleibt den Schaulustigen außen verschlossen – es sei denn, sie gucken einen Livestream, den verschiedene Medien anbieten, über Tablet oder Smartphone. Das machen nicht wenige. Bereits eine halbe Stunde später entschwinden William und Kate schon wieder – es geht zum nächsten Programmpunkt in der deutschen Hauptstadt.

„Vielleicht sehen wir uns ja im Fernsehen“

Williams Vater, Kronprinz Charles, hatte sich seinerzeit bei der ersten Visite eines Mitglieds der britischen Königsfamilie im Bezirk– er besuchte im November 1995 Hellersdorf und trank bei einer Familie am Cecilienplatz Rotkäppchen-Sekt – sehr viel mehr Zeit gelassen. Dennoch sind die meisten, die den Besuch des Queen-Enkels und seiner Gattin in der Hohensaatener Straße als Zaungäste verfolgt haben, zufrieden. „War doch mal was los hier“, sagt ein Mann zu seiner Frau. „Vielleicht sehen wir uns sogar noch im Fernsehen: Die Kamera hat ja immer aufs Publikum draufgehalten.“

Wer noch ein wenig mehr UK in Marzahn-Hellersdorf erleben will, kann am nächsten Wochenende, 22./23. Juli, die IGA Berlin 2017 besuchen: Dort finden zum achten Mal die Berliner Highlandgames statt – natürlich mit Schottenrockträgern, Fässer rollen und Baumstammweitwurf (Sonnabend und Sonntag 11 bis 17 Uhr, am Wasserspielplatz „Konrads Reise in die Südsee“). Und wer dann noch die feine englische Art genießen mag, ist im Teehaus im Englischen Garten beim Sunday-Roast-Pork oder beim Five ’o clock Tea richtig.

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