Mit dem Projekt „Gemeinsam statt einsam“ interkulturell unterwegs ­

Picknick an der Ostsee

23.08.2017, Regina Friedrich

Fotos: Regina Friedrich. Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Marzahn NordWest. Einmal im Monat treffen sich Seniorinnen und Senioren aus Marzahn Nordwest zu einem Themenfrühstück im Rahmen des Projektes „Gemeinsam STATT EINSAM“ von Kiek in – Soziale Dienste gGmbH / Stadtteilzentrum Marzahn-NordWest. Im August wurde das Frühstück sogar zu einem interkulturellen Picknick an der Ostsee.

Fahrt nach Warnemünde

Es nieselt an diesem Mittwochmorgen in Marzahn NordWest. Aber das tut der guten Stimmung keinen Abbruch. Vor dem großen Reisebus finden sich nach und nach Senioren des Kiek in-Projektes und vom Spätaussiedler-Verein „vision e. V.“ ein, dazu Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von den Abenteuerspielplätzen der Spielplatzinitiative Marzahn e. V. sowie eine Gruppe junger Männer aus Syrien, dem Irak und Äthiopien, die ehrenamtlich auf dem Abenteuerspielplatz West mitarbeiten. Es nicht das erste Mal, dass die Spielplatzinitiative etwas zusammen mit den Senioren unternimmt.

Erfahrungen im neuen Heimatland

Nun also soll es an die Ostsee nach Warnemünde gehen, das haben sich die Senioren so gewünscht. Die Gruppe ist aber nicht umsonst so international. Das interkulturelle Picknick soll auch ein Erfahrungsaustausch sein zwischen den Generationen und Nationen. Ebenso wie die Geflüchteten mussten sich beispielsweise auch die Deutschen, die aus Gebieten der ehemaligen Sowjetunion kamen, auf ein neues Leben, auf ein neues Land und eine andere Kultur einstellen. Dabei hat jeder andere Erfahrungen gemacht.

Sami aus Syrien kam mit seinen Eltern als politischer Flüchtling vor einigen Jahren nach Deutschland. Zwei Monate dauerte die beschwerliche Reise. Inzwischen lebt er seit sieben Jahren in Berlin, hat geheiratet und als Schauspieler in einigen Filmen mitgespielt. Er produziert zusammen mit Geflüchteten im Internet kleine Filme, die von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales gefördert werden. Darin geht es um Vorurteile, Antisemitismus und Frauenrechte – Themen, die bei der Integration der Zugewanderten immer wieder eine Rolle spielen.

„Hier gibt es Freiheit, richtige Freiheit!“

Sinan aus dem Irak ist seit drei Jahren in Deutschland. In seiner Heimat hat er als Journalist für Radio und Fernsehen gearbeitet. Gerade hat er ein Praktikum in der Altenpflege absolviert. Gerne würde er eine Ausbildung machen in der Krankenpflege, aber das ist nicht so einfach. Er malt und singt gerne mit Freunden und hat auf der Tour auch seine Gitarre dabei. Auf die Frage, warum er gerade nach Deutschland gekommen sei, erklärt er: „Hier gibt es Freiheit, richtige Freiheit. Als Journalist im Irak zu arbeiten, ist sehr schwer. Ich sage meine Meinung, dort ist das ziemlich verrückt. Die Milizen haben mir gedroht: Du bist kein Muslim! Ich konnte dort nicht mehr leben und bin geflohen, zuerst in die Türkei. Aber das Leben da ist schwierig. Ich habe fast zwölf Stunden lang am Tag gearbeitet, bekam aber kein Geld.“ Nun also versucht er, in Deutschland Fuß zu fassen. Sein Traum ist es, irgendwann mal eine kleine Familie zu gründen.

Deutsche Volkslieder mit der Gitarre

Auch Alexander Hopp weiß, was es bedeutet, ganz neu anzufangen. Geboren in Nowosibirsk in Sibirien, kam er 1996 allein nach Deutschland, zuerst nach Frankfurt/Main. Die Familie folgte später. Einfach war es auch für ihn nicht. Der studierte Elektroingenieur bildete sich zum Programmierer weiter, kam viel herum. Später machte er sich mit einem Reisebüro selbstständig. Das hat aber nicht geklappt, nun ist er in Rente. Es gibt immer mal wieder Probleme, resümiert er, aber man darf den Kopf und den Mut nicht verlieren. Er sei inzwischen fünffacher Opa, wie er stolz erzählt. Und er liebt es, mit seiner Gitarre zu spielen und zu singen. Auch bei „Gemeinsam STATT EINSAM“ hat er schon mit seinen Sangesrunden begeistert. Matthias Bielor, Geschäftsführer der Spielplatzinitiative Marzahn e. V., der die Tour organisierte, bestätigt das: Wenn man deutsche Volkslieder hören und singen will, muss man Alexander Hopp zuhören.

Musik verbindet

In Warnemünde bei strahlendem Sonnenschein angekommen, machen sich die Senioren auf zu einem kleinen Stadtrundgang. Die anderen der Reisegruppe gehen zum Strand, dort sind Strandkörbe für sie reserviert. Zuerst machen sich einige Mutige auf in die Ostseewellen. Sinan schnappt sich seine Gitarre und zusammen mit den anderen Geflüchteten wird mit den Füßen im Wasser musiziert und natürlich mit dem Handy gefilmt. Die Strandbesucher gucken erst erstaunt und dann amüsiert. Musik verbindet eben doch.

Russische Pelmeni und syrischer Reis

Danach treffen sich alle zum Picknick. Es gibt russische Pelmeni, deutsche Bockwurst und syrischen Reis mit Hühnchen, Brot, Obst, Gurkenspieße… Da werden gleich mal Rezepte ausgetauscht.

Und weil alle so gemütlich in der Runde sitzen, greift Alexander Hopp zur Gitarre und spielt ein Medley deutscher Volkslieder und aktueller Radiohits. Das bringt auch die Urlauber in den Strandkörben nebenan zum Mitschunkeln. So ein Konzert am Strand hat man nicht jeden Tag. Die Senioren treffen sich indessen bei Kaffee und Kuchen im nahe gelegenen Hotel Neptun.

Am Nachmittag geht’s dann ohne Stau zurück nach Marzahn. Die fröhlichen Gesichter auf dem Abschiedsfoto zeigen: Es war ein schöner und erlebnisreicher Tag, da sind sich alle einig. Petra Pau, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Kandidatin der Partei Die Linke zu den Bundestagswahlen 2017, hatte die Tour möglich gemacht, indem sie mit einer Spende noch fehlende Mittel zur Verfügung stellte.

 

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden