Peinlich, peinlich…

19.03.2017, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

So jeder hat wohl Dinge, die ihm im Rückblick noch immer mehr als peinlich sind und die er gern ungeschehen machen möchte. Wenn er es denn könnte. Weil das aber nicht geht, müssen wir wohl damit leben, dass wir schon beim Erinnern einen roten Kopf bekommen. Bei mir sind es drei Sachen, bei denen ich mich so dämlich angestellt habe, dass es mir noch heute unangenehm ist. Freunde hören die Geschichten gern, schließlich waren es nicht sie, die kräftig ins Fettnäpfchen getreten sind.

Die Sache mit der Bottarga

Da wäre die Sache mit der Bottarga, die erst wenige Wochen zurückliegt. Das ist eine Spezialität aus Sardinien, getrocknete und zu Pulver gemahlene Eier der Meeräsche. In unserer Familie mag nur ich das, bloß in Berlin ist das Fischpulver nirgendwo zu kriegen. Deshalb habe ich beim Karneval im sardischen Oristano zugegriffen und im Supermarkt zwei nicht gerade billige, große Gläser gekauft. Und weil ich in Zeitnot war, kurz vor Beginn eines traditionellen mittelalterlichen Reiterspektakels, in die Fototasche gesteckt. Doch am Eingang zur Tribüne wurden die Gläser konfisziert – man hätte sie ja als Wurfgeschosse verwenden können. Der freundliche, aber konsequente Einlasser bedeutete mir, ich dürfe sie später wieder abholen und stellte sie neben sich auf den Boden. Ein befreundeter Fotograf bezweifelte das und griff beherzt ein. „Ich habe sie dort versteckt“, er deutete auf einen etwa 50 Meter entfernten Innenhof. „Da unter dem dicken Baum, unter dem Laub, kannst du dir später abholen.“

Wühlen im Laub der Polizeistation

Gesagt, getan. Was er mir aber vorher nicht gesagt hatte: Es war der Hof der zeitweiligen Polizeistation. Und so kamen zwei aufmerksame Beamte ganz schnell näher, als ich dort im Laub wühlte. Meine Erklärungsversuche in meinem spärlichen Italienisch leuchteten ihnen wenig ein, die Mienen wurden zusehends finsterer. Bis ein dritter Polizist kam und fragte, ob ich die Bottarga suche, die doch schon ein junger Fotograf abgeholt habe. Si, si – und nur schnell weg. Ehe womöglich doch noch jemand auf den Gedanken kommen sollte, dass die Deutsche ihre Wache in die Luft sprengen wollte. Jedes Mal, wenn ich mir nun Bottarga auf die Spaghetti mache, denke ich jetzt daran, wie ich im Laub der Polizeistation wühle und von aufgeregten Beamten hochnotpeinlich befragt werde ohne dass diese meine Antwort auch nur ansatzweise verstehen…

Aschen ins Salzfass

Noch viel unangenehmer war es vor einigen Jahren im sizilianischen Palermo. Wir haben in einer kleinen Gaststätte gegessen, in einer reizenden Gasse im Freien, unweit vom Teatro Massimo (für die Älteren, die den Mafia-Film „Der Pate“ noch kennen: Auf der Treppe des prächtigen Opernhauses wurde die Tochter des Paten erschossen). Nach dem mehrgängigen Menü bekam ich Lust, mir eine Zigarette anzustecken und fragte nach einem Aschenbecher. Weil, wie gesagt, mein Italienisch alles andere als perfekt ist, sprach ich das Wort portacenere völlig falsch aus, so dass der offensichtlich ebenfalls nicht aus Italien stammende Kellner reinweg gar nichts verstand. Also per Zeichen: Zigarettenschachtel hochgehoben, eine rausgenommen und das Zeichen des Ascheabstreifens gemacht. Er rannte los – und brachte mir ein Salzfässchen. Ich fragte ihn verdutzt: Für Zigaretten? Si,si. Na ja, komische Sitten, dachte ich, und aschte eben ins Salzfass. Das bekam der Chef des Restaurants mit, der ein wenig so aussah als könne er selbst im „Paten“ mitspielen. Wenn Blicke töten könnten, hätte ich mich gleich auf die prächtige Freitreppe neben die Tochter des Paten legen können. Wir haben dann sehr, sehr schnell gezahlt. Obwohl ich seither noch zwei Mal in Palermo war, hat mich nichts wieder in die bezaubernde Restaurantgasse gebracht. Wer weiß – vielleicht ist das Aschen ins Salzfässchen ja ein Zeichen der Mafia und ich habe ohne jede diesbezügliche Absicht die ehrenwerte Gesellschaft gegen mich aufgebracht.

Das verspielte Voucher

Am Schlimmsten war es jedoch zu DDR-Zeiten auf meiner ersten Reise als Individualtouristin nach Moskau. Gleich zu Beginn hatte ich mein Voucher verloren. Ohne das aber würde ich bei der Ausreise Schwierigkeiten bekommen. Das Hotel wollte zwar am Flughafen Bescheid geben, sicherheitshalber hatte ich mir aber eine Erklärung auf Russisch zurechtgelegt (wozu schließlich hatte man in der Schule diese Sprache gelernt). Doch diese erwies sich – als ziemlich missverständlich. Ich hatte nämlich bei der Grenzkontrolle gesagt „proigrala“ und meinte „ich habe verloren“. Das bedeutet es wohl auch, aber im Sinne von „verspielt“ (am Spieltisch). Sofort schloss der diensttuende Uniformierte die Schranke (mein Mann war schon) durch, pfiff – und andere Uniformierte kamen. Ich bekam weiche Knie und sah mich trotz deutsch-sowjetischer Freundschaft schon in Sibirien. Na ja, die Sache hat sich nach zehn Minuten und einem Anruf im Hotel dann aufgelöst, ich durfte unbehelligt abfliegen. Der Schock aber wirkt bis heute nach.

Was lehrt uns das? Man sollte Fremdsprachen nicht nur ein wenig beherrschen oder den Google-Übersetzer immer bei der Hand haben, um unbeabsichtigte Peinlichkeiten wenigstens erklären zu können. Oder aber Urlaub im eigenen Land machen. Da ist man wenigstens in der Lage, passende Ausreden auch verständlich zu formulieren.

 

 

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