Der Chef der Volkshochschule steht jeden Monat am Herd

Nudeltag in der VHS-Küche

20.02.2017, Marcel Gäding

Fotos: Marcel Gäding. Bitte zum Vergrößern auf das Startbild klicken!

Marzahn-Hellersdorf. Nicolas Vecchini ist seit gut einem Jahr Chef des Amtes für Weiterbildung und Kultur, zu dem die Volkshochschule (VHS), die Bibliotheken, des Bezirksmuseum und die Galerien gehören. Der gebürtige Italiener will die VHS komplett umkrempeln. Seine Mitarbeiter holt er auf ganz charmante Art und Weise ins Boot – in dem er sie regelmäßig bekocht.

Hier kocht der Direktor

An diesem Donnerstagmorgen ist Nicolas Vecchini schwer bepackt: Neben seiner Aktentasche trägt der 54-Jährige Einkaufstüten bei sich. Sie sind vollgestopft mit Bavettini – kleinen, schmalen Bandnudeln – und in Spaghettisoße eingelegten Fleischbällchen. Stunden später steht der gebürtige Italiener in der Küche der Volkshochschule. Wartet darauf, dass das Nudelwasser kocht, während seine Kolleginnen den großen Tisch eindecken. Nudeldonnerstag nennt Vecchini das, was inzwischen zu einer schönen Tradition geworden ist. Denn beim monatlichen gemeinsamen Essen lässt es sich ganz ungezwungen über wichtige Dinge der Arbeit reden, findet der Chef des Marzahn-Hellersdorfer Kulturamtes – und zugleich Direktor der Volkshochschule. „So etwas schweißt zusammen.“

Jede Menge Ideen

Dass Nicolas Vecchini kein gewöhnlicher Chef ist, haben seine Mitarbeiter schon am Anfang gemerkt. Nicht nur, dass er bei seinem Einstand im Frühjahr vergangenen Jahres zu seinem Einstand in der Volkshochschule an die 80 Gäste selber bekocht hat. Nein, er hatte bei seinem Antritt auch gleich jede Menge Ideen im Gepäck und macht keinen Hehl daraus, dass es ihm ernst ist: Die VHS ist in die Jahre gekommen, die Zahl der Kursteilnehmer liegt bei rund 11.000 im Jahr. Da ist nach oben viel Luft. Mehrere Jahre war die VHS führungslos, die verbliebenen Mitarbeiter organisierten den laufenden Betrieb so gut es ging. Zeit, neue Projekte zu entwickeln, blieb da keine.

Buchausleihe bald in der Volkshochschule?

Nun ist es nicht so, dass Nicolas Vecchini alle Zeit der Welt hat. Dafür ist sein Verantwortungsbereich viel zu groß. Und dennoch ist Vecchinis Blick ganz nach vorn gerichtet. Neben dem Tagesgeschäft spinnt er die eine oder andere Idee, die anfänglich verrückt klingen mag. „Wir müssen präsenter in der Fläche werden“, sagt Vecchini. Der Ansatz: Das Haupthaus der VHS in der Mark-Twain-Straße soll ein Bildungshaus für alle werden, ein Ort der Begegnung. „Schauen Sie sich nur mal die langen, großen Flure an, dort findet ja nichts weiter statt.“ Sobald die Schüler in den Kursräumen verschwunden sind, herrscht gähnende Leere. Vecchini will das ändern, gemütliche Sitzgelegenheiten aufstellen und Kunst ins Haus holen, um die Wände zu gestalten. Wer will, soll sich künftig direkt vor Ort an der VHS passende Bücher ausleihen können – und erspart sich damit den Weg in die Bibliothek. „In meinem Amt gibt es so unendlich viele Synergien, man muss sie nur nutzen.“

An allen Standorten des Kulturamtes freies W-Lan

Vor allem aber will Vecchini im ganzen Bezirk aktiv werden. Seit Monaten liegt er seinen Kollegen bei der Baubehörde in den Ohren, Schulneubauten so zu planen, dass dort auch Räume für die Volkshochschule entstehen. Auch in dem einen oder anderen Stadtteilzentrum wäre noch Gelegenheiten, auch mal VHS-Kurse anzubieten. „Auf Amtsleiterebene gibt es bereits Gespräche“, sagt Vecchini. Man könne viele Synergien nutzen. Er denkt auch darüber nach, Kurse ganz nach draußen zu verlagern – entweder in den schönen Garten der VHS oder in eine Galerie beziehungsweise Bibliothek. Dort könnten Kursteilnehmer etwas über Kunstepochen lernen, während sie gleichzeitig auf entsprechende Bilder schauen. Verrückt klingt auch eine ganz andere Idee, bei der ganz der Italiener in Vecchini geweckt wird: Er möchte die VHS-Küche im Souterrain des Schulhauses an der Mark-Twain-Straße zum Wuhlewanderweg hin öffnen. Gemütlich sitzen, essen und trinken soll man dort können, sagt Vecchini. Einige Dinge wurden bereits umgesetzt: Es gibt an allen Standorten des Kulturamtes bereits kostenfreies Internet in Form von W-Lan.

Mehr Onlinekurse

Den stagnierenden Kursteilnehmerzahlen möchte Vecchini aber auch inhaltlich etwas entgegensetzen. „Wir müssen uns mehr an den Bedürfnissen der Besucher orientieren“, sagt er. Dazu gehört, dass verstärkt auch Onlinekurse eingeführt werden, wie er sie bereits bei seinem alten Arbeitgeber organisierte. „Da war es ganz selbstverständlich, dass der Spanisch-Dozent in Barcelona saß.“ Viel stärker soll der Fachbereich Fremdsprachen ausgebaut werden. Großes Potenzial sieht Vecchini zudem im Bereich Informationstechnik und Beruf. „Die berufliche Qualifikation rückt stärker in den Fokus.“

Gemeinsames Essen verbindet

Weil Vecchini seine Mitarbeiter nicht überfordern will und in ihnen eher Mitstreiter als Verwaltungsangestellte sieht, kam ihm die Idee, dass er einmal im Monat sein ganzes Team bekocht. „Das soll sich doch lohnen, wenn man einen Italiener zum Chef hat“, sagt er. Seine Assistentin ist davon ganz angetan und hat auch sonst nur lobende Worte für Vecchini: „Er hat für uns immer ein offenes Ohr und nimmt sich Zeit für Probleme“, sagt Gudrun Müller. Dass die dann zuweilen beim Nudeldonnerstag besprochen und oft auch gelöst werden, ist ein schöner Nebeneffekt. „Natürlich gibt es im Arbeitsleben Spannungen“, sagt Vecchini. „Aber es gibt doch nichts Schöneres, als diese bei einem guten Essen abzubauen.“

Vom Tellerwäscher zum Direktor

Nikolas Vecchini wurde 1963 in Italien geboren und studierte in Venedig Kunst. Bereits als Kind kam er am Strand von Rimini mit deutschen Touristen ins Gespräch. Die Liebe zur deutschen Sprache veranlasste ihn, Deutschland zu bereisen. „Ich wollte nur drei Monate bleiben“, sagt Vecchini. Inzwischen sind es 27 Jahre. In Berlin verdiente er sein Geld unter anderem als Tellerwäscher und Beikoch in einem Restaurant in der Kurfürstenstraße. Parallel arbeitete er als Italienisch-Dozent an einer Volkshochschule. Später übernahm er Leitungsfunktionen in Volkshochschulen in Norddeutschland und Brandenburg. Seit April vergangenen Jahres ist er Amtsleiter und Direktor der Volkshochschule in Marzahn-Hellersdorf.

 

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