Alle zwei Minuten Fluglärm über Malchow

Naturschützer fordern Aus für Tegel

01.09.2017, Marcel Gäding

Nicht zu übersehen: Die Plakate gegen die Offenhaltung von Tegel. Foto: Marcel Gäding

Malchow. Die Männer mit ihren Rasenmähern leisten an diesem Vormittag ganze Arbeit. Mit schweren Maschinen geht es über die Wiesen links und rechts der Dorfstraße in Malchow. Der Lärm ist nicht zu überhören und wird nur durch die Flugzeuge getoppt, die alle zwei bis drei Minuten über das kleine Straßendorf nördlich von Lichtenberg in Richtung Tegel donnern. Die Geräuschkulisse passt zu den Plakaten, die sich derzeit an Fenstern und Türen des Naturhofs Malchow befinden: „Tegel endlich schließen“ lautet die Aufforderung mit Hinblick auf den Volksentscheid am 24. September.

Der Naturhof Malchow ist seit 25 Jahren eine wichtige Anlaufstelle der Umweltbildung und -erziehung im Ostteil der Stadt. Auf dem Gelände eines früheren Vierseithofs gibt es einen Hofladen, ein kleines Café, Aquarien, einen Naturlehrpfad, Seminar- und Veranstaltungsräume sowie kleine Schaugärten mit heimischen Pflanzen. Richtig ruhig war es auf dem mit alten Kopfsteinen gepflasterten Hof nie, schon wegen der Bundesstraße 2, die direkt vor der Haustür verläuft und die Innenstadt mit dem Autobahnring verbindet. In den vergangenen Jahren aber wurde auch der Fluglärm zunehmend zum Problem. Malchow liegt in der Einflugschneise des Berliner Flughafens Tegel. Wegen der verzögerten Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens in Schönefeld steigt die Zahl der startenden und landenden Flugzeuge in Tegel stetig. Ein Grund: Fliegen ist inzwischen äußerst erschwinglich und mitunter preiswerter als eine Bahnfahrt. Während sich der Berliner Senat dafür einsetzt, dass Tegel mit der Inbetriebnahme des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg vom Netz geht, kämpft eine Initiative mit Unterstützung von FDP, CDU und einer irischen Billigfluglinie für den Erhalt. Den Naturschützern in Malchow wird Angst und Bange.

Flughafen Tegel: Fliegen, bis es knallt

Beate Kitzmann hat gute Gründe dafür, dass die Tage vom Flughafen Tegel aus ihrer Sicht gezählt sind. In einem zweiseitigen Positionspapier haben die Diplom-Biologin und die Vorstandsmitglieder ihres Vereins ihre Argumente gegen den Weiterbetrieb aufgelistet, die von der Tonlage her gut zu den Positionen großer Umweltorganisationen passen. Tegel sei an der Grenze der Belastbarkeit, heißt es darin unter anderem. Der Flughafen meistere den Berliner Flugverkehr auf Kosten der Infrastruktur, des Flughafenspersonals und auf Kosten der Sicherheit. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis etwas passiert“, sagt Vereinsgeschäftsführerin Kitzmann. Kaum hat sie ihren Satz beendet, muss sie kurz wegen des Fluglärms unterbrechen. Eine Begründung für die These: Die Routen der Flugzeuge führen über dicht besiedeltes Gebiet.

„Sicher, bei uns ist es noch nicht so schlimm wie in Wedding oder Reinickendorf“, räumt Beate Kitzmann ein. Doch der Krach sei belastend und verursache Stress. Statt in Berlin zwei Flughäfen zu betreiben und steigende Passagierzahlen hinzunehmen sollte das Flugaufkommen reduziert werden – auch, um den Ausstoß an klimaschädlichem Kohlendioxid zu reduzieren. „Neben Lärm entsteht durch den Flugverkehr in Tegel auch Ultrafeinstaub, der vor allem von den Flugzeugturbinen erzeugt wird“, ist in dem Papier zu lesen. Aufgrund der geringen Größe dieser Staubpartikel, die etwa 10.000mal kleiner als der Durchmesser eines menschlichen Haares sind, könnten sie besonders leicht in den menschlichen Organismus eindringen. „Sie sind besonders toxisch.“ Nicht auszuschließen sei, dass sich Blei und Cadmium, das beim Kerosin-Ausstoß freigesetzt wird, auch auf Pflanzen und in Gewässern ablagert.

Fluglärm statt Vogelzwitschern

Der Verein und sein Naturhof sind direkt von dem Fluglärm betroffen. Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche, bei denen Umweltbildung auf dem Programm steht, sind nur schwer umsetzen. Unter der Überschrift „Habt Ihr einen Sinn für die Sinne“ geht es darum, die Umwelt zu sehen, zu hören, zu fühlen oder zu riechen. Und in der Tat: Fliegt gerade kein Flugzeug über den alten Bauernhof, hört man derzeit wunderbar Haussperling, Meise oder Rotkehlchen. „Die Leute kommen hierher, um Naturgeräusche wahrzunehmen“, sagt Beate Kitzmann. Doch dieser Wunsch werde durch den permanenten Fluglärm unterbrochen.

Das gesamte Positionspapier gegen den Weiterbetrieb von Tegel finden Sie auf der Seite der Online-Umweltzeitung „Umweltbewusst“.

 

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