Bewohner fürchten den Verlust von Wohn- und Lebensqualität

„Nachverdichtung“ im Ilse-Kiez?

02.06.2017, Volkmar Eltzel

Fotos: Volkmar Eltzel. Zum Vergrößern auf das Hauptbild klicken.

Karlshorst. Aufgeheizt war die Stimmung von Beginn an am vergangenen Mittwoch, 31. Mai, im Audimax der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) an der Treskowallee. Im Rahmen der frühzeitigen Beteiligung der Öffentlichkeit zum Bebauungsplan-Verfahren 11-125 „Wohnanlage Ilsestraße“ fand die erste Informationsveranstaltung für die Bürgerinnen und Bürger statt. Der Saal war reichlich gefüllt mit Bewohnern, Karlshorstern, Mitarbeitern des Bezirksamtes und Politikern sowie Mitarbeitern von Planungsbüros und der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Howoge. Die Ablehnung zu dem Bauvorhaben seitens der Anwohner schien mit den Händen greifbar.

Howoge will auf ihrem Land bauen

Schön und ruhig wohnt es sich in den viergeschossigen, modernisierten Häusern der Ilsestraße, mit großen Balkonen, Mietergärten, lichtdurchfluteten Höfen voller Grün, die teilweise so groß sind, dass sie Parks genannt werden. Viele kleinere und größere Spielplätze, Sitzbänke, ein Bolzplatz, Eichhörnchen, Hasen und Füchse sowie unzählige Vögel vermitteln ein Wohngefühl, das es in der Großstadt Berlin nicht so oft gibt. Doch vielen Bewohnern schwant vielleicht, dass sie wohl oder übel davon künftig einige Abstriche machen müssen. Die Grundstückseigentümerin, die städtische Wohnungsbaugesellschaft Howoge, möchte im Bereich Ilsestraße 18-78 rund 200 zusätzliche Wohnungen und eine Kindertagesstätte mit Blockheizkraftwerk zwischen den zehn bestehenden Gebäuden bauen. Nachverdichtung heißt das im Verwaltungsdeutsch. 88 teilweise große Bäume müssten gefällt werden.

Neubau ist gesetzlich zulässig

Als die Howoge ihre Ideen erstmals im Juni 2016 im BVV-Ausschuss für Ökologische Stadtentwicklung vorstellte (30 Prozent des neuen Wohnraumes mit sozial-verträglichen Mieten 6,50 €/m²), gab es verhaltene Reaktionen. In der darauf folgenden Bezirksamtssitzung am 16. August 2016 wurde beschlossen, das Vorhaben nicht zu befürworten (siehe Pressemitteilung). Im Oktober desselben Jahres fasste das Bezirksamt einen Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan 11-125 „Wohnsiedlung Ilsestraße“, in dem es um eine Gesamtfläche von 68.336 Quadratmetern geht.

Als wesentliche Planungsziele wurden dabei die „Sicherung der nicht überbaubaren Grundstücksfläche sowie Sicherung der Art und des Maßes der baulichen Nutzung“ formuliert. Auf Deutsch heißt das: Der Bezirk will die Innenhöfe sichern, kann aber der Howoge als Grundstückseigentümerin nicht verwehren zu bauen, solange diese sich an die gesetzlichen Vorgaben hält.

Und sie wird bauen, daran ließ Howoge-Geschäftsführerin Stefanie Frensch an diesem Abend keinen Zweifel, auch wenn sie sich mehrmals wütender Rufe aus dem Publikum erwehren musste. „Sie leben in einem schönen Ensemble zu einer Miete, die mehr als 2,50 Euro unter der Angebotsmiete vergleichbarer Wohnungen privater Vermieter in der Nachbarschaft liegt“, sagte sie. „Ich spreche hier für die vielen Familien, die eine bezahlbare Wohnung suchen.“ Es gebe im Ilse-Kiez keine einzige freie Wohnung, dafür aber eine lange Warteliste.

Runder Tisch soll Konsens bringen

„Die Anwohner wünschen sich, nicht vor vollendete Tatsachen gestellt, sondern in Entscheidungsprozesse mit einbezogen zu werden“, sagte die Stadträtin für Stadtentwicklung, Birgit Monteiro (SPD). Genau das wolle der Bezirk auch. Der Charakter des Kiezes solle erhalten bleiben. Im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens würden alle Argumente gehört und die verschiedenen Interessen abgewogen und berücksichtigt. Anklang fand der Vorschlag der Stadträtin, einen „Runden Tisch“ unter neutraler Moderation ins Leben zu rufen, bei dem etwa zwölf bis 15 Interessenvertreter gemeinschaftlich diskutieren, um einen Konsens zu finden. Noch bis zum 6. Juni können sich dafür Interessenten melden. Die erste Zusammenkunft wird voraussichtlich am 14. Juli stattfinden. Die im März 2017 gegründete Bürgerinitiative „Rettet den Ilse-Kiez“ erklärte schon ihre Gesprächsbereitschaft. „Wir sind nicht gegen neue Wohnungen“, sagte Gerd Scheibe, der Sprecher der Bürgerinitiative. „Aber wir sind gegen die Bebauung von Grünflächen, gegen die Vernichtung von Spielplätzen und gegen die Fällung von Bäumen.“

Zu einem B-Plan-Verfahren und zum Runden Tisch Ilsestraße gehöre aber auch, so Birgit Monteiro, dass ein Akteur nicht zu 100 Prozent seine Interessen durchsetzen könne. Es müssten Kompromisse gefunden werden, die letztendlich alle Beteiligten mittragen könnten.

Bisher vier Bau-Varianten

In kleineren Gruppen machten sich die Versammlungsteilnehmer mit vier vorgestellten Bau-Varianten vertraut und sammelten Für- und Wider-Argumente. Beifall erntete dabei sogar die Variante 1, bei der eine Blockrandschließung vorgesehen ist. Ausgerechnet diese Variante wollten die Projektanten gleich ad acta legen, weil nach ihrer Meinung so die Frischluftschneisen verschlossen würden. Die weiteren Varianten sind: (2) Häuserzeilen zwischen den bestehenden Wohnblöcken; (3) je Hof drei fünfgeschossige Punkthäuser; (4) Wie Variante 3 mit etwas längeren viergeschossigen Häusern (siehe Fotos).

Irritationen gab es als eine Anwohnerin monierte, dass drei viergeschossige Bestandsgebäude in den Unterlagen als fünfgeschossige Häuser vermerkt sind. Die Stadträtin sprach von einem bedauerlichen Fehler der Projektanten. Der Ortsvorsitzende der CDU Karlshorst, Fabian Peter, zeigte sich verwundert, „dass die Bebauung der Grünflächen als alternativlos dargestellt wird“: Das Bebauungsplanverfahren sei vom damaligen Stadtrat für Stadtentwicklung, Wilfried Nünthel (CDU) auf den Weg gebracht worden, um die Freiflächen in den Innenbereichen zu erhalten. „Ich vermisse eine Bau-Variante, bei der die Bestandhäuser einfach um eine Etage aufgestockt werden“, so der Karlshorster.

Für Norman Wolf, Fraktionsvorsitzender der Linken in der Bezirksverordnetenversammlung Lichtenberg, kommt nur eine Blockrandbebauung (Variante 1) in Frage. „Gerade dieser Entwurf gehört nicht vom Tisch. Die anderen Varianten halten wir in der BVV für nicht zustimmungsfähig“, nahm er das Ergebnis schon vorweg.

B-Planverfahren erst am Anfang

Viele der überwiegend älteren Einwohner auf der Informationsveranstaltung befürchten, dass mit den Neubauten die Spielplätze und Grünanlagen verschwinden, dass Lärm und Straßenverkehr bis in die Innenbereiche vordringen und dass die Parkflächen, die heute schon knapp sind, noch rarer werden. Der Diskussionsprozess und die Abwägung der verschiedenen Interessen zur Wohnsiedlung Ilsestraße stehen erst ganz am Anfang. Eines ist aber jetzt schon klar: Ein Kompromiss wird von allen Seiten Opfer, das teilweise Zurückstecken eigener Forderungen und vor allem auch die Achtung der gegnerischen Positionen abverlangen.

Der Bebauungsplan-Entwurf kann noch bis zum 23. Juni 2017 im Bezirksamt Lichtenberg, Abteilung Stadtentwicklung, Soziales, Wirtschaft und Arbeit, Fachbereich Stadtplanung, Stadtentwicklungsamt, Alt-Friedrichsfelde 60, 10315 Berlin, Haus 2, Zimmer 1210A, eingesehen werden. Öffnungszeiten: Von Montag bis Mittwoch zwischen 8 und 16 Uhr, am Donnerstag von 8 bis 18 Uhr und am Freitag von 8 bis 13 Uhr. Äußerungen, Vorschläge und Ideen können schriftlich hinterlegt werden. Sie fließen in das Bebauungsplanverfahren mit ein.

Weitere Informationen unter: http://bebauungsplan-ilsestrasse.de

Hier die Internetseite der Bürgerinitiative „Rettet den Ilse-Kiez“

 

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