Willkommen, neue Nachbarn!

Nachmittags gemeinsam im Jugendtreff

18.11.2015, Gudrun Bender

Fotos: Linna Schererz

Marzahn. Alex (9) aus Serbien kann gar nicht genug rasen, er tritt kräftig in die Pedale. Flott geht es über den Fahrradparcours auf dem Freigelände der Jugendfreizeiteinrichtung „Treibhaus“ in der Allee der Kosmonauten, einer Einrichtung der Agrarbörse Deutschland Ost e.V.. Seine Schwester Adriana und der 12-jährige Nassim aus Syrien folgen ihm. Die kleine Marzahnerin Mira (8), die gleich um die Ecke in einem Hochhaus wohnt, biegt gewagt um eine Kurve. „Nicht so schnell“, ruft Frank Böttcher. Er betreut das Fahrradprojekt im Jugendtreff und achtet nicht nur darauf, dass den Kindern nichts passiert. Die Räder sollen ebenfalls keinen Schaden nehmen, die werden nämlich auch für Kurse von Marzahnern Grundschülern gebraucht. An diesem Nachmittag stehen sie jedoch Kindern aus dem Flüchtlingsheim am Blumberger Damm und ihren Altersgefährten aus dem Kiez zur Verfügung.

Dreimal pro Woche offene Angebote
Seit dem Einzug von Flüchtlingen in die Container an der Kreuzung Blumberger Damm/Landsberger Allee im Juli dieses Jahres offeriert das „Treibhaus“ drei Mal in der Woche nachmittags kostenlose, offene Beschäftigungsangebote für die Kinder aus der Unterkunft. „Jedes Kind, das das möchte, und dessen Eltern das erlauben, kann zu uns kommen“, sagt Hardy Halling, der Leiter der Einrichtung. Es seien manchmal fünf bis sechs Jungen und Mädchen, ein anderes Mal auch 25. „Das variiert stark.“ Besonders beliebt seien die Kochkurse, die eine 17-Jährige aus dem Jugendtreff gemeinsam mit Mira durchführe. „Da können die Kids selber schnippeln, brutzeln und kochen, das macht allen viel Spaß“, erzählt Halling. Aber auch der Fahrradparcours, Billard- und Tischtennisspielen und die Beschäftigung am Computer stünden hoch im Kurs. Verständigungsschwierigkeiten gebe es kaum, sagt er. „Die Kinder lernen unheimlich schnell Deutsch.“ Mira sagt: „Und wenn doch mal Wörter fehlen, geht es eben mit Händen und Füßen.“

Immer in Begleitung
Die Unterkunft, in der rund 400 Flüchtlinge, vor allem aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, leben, befindet sich gute 600 Meter vom „Treibhaus“ entfernt. Damit sich die Kinder nicht allein auf den Weg in den Jugendtreff machen müssen, werden sie immer von freiwilligen Helfern abgeholt und hingebracht. Schließlich führt der Weg an vielbefahrenen großen Straßen entlang, zudem gab es schon vor der Einrichtung des Flüchtlingsheims Hassattacken von Neonazis und „besorgter Bürger“, die sich dort regelmäßig bei sogenannten Montagsdemos Luft machen. Kurz nach Eröffnung der Einrichtung flogen sogar brennende Holzlatten über den Zaun, LiMa+ berichtete.

David (22, Praktikant) und Jenny (21), die ihr Freiwilliges Soziales Jahr im „Treibhaus“ absolviert, kümmern sich häufig um den sicheren Hin- und Rückweg der Kinder. Die werden dabei auch schon mal etwas verwöhnt und Huckepack getragen. „Besonders Alex liebt das und versucht immer wieder, es einzufordern“, sagt David.

Gewöhnung an Alltagsstruktur
Die Mädchen und Jungen kommen freiwillig und nach Lust und Laune. Das macht manchmal auch einige kleinere Probleme: Sie trödeln gern vor dem Aufbruch, sagt Alex. Hardy Halling sagt: „Anfangs war es schon nicht so ganz einfach.“ Denn bei den Menschen, die oft monatelang auf der Flucht waren, fehlte eine Alltagsstruktur. „Daran mussten sie sich erst wieder gewöhnen.“ So habe es bei einem Zirkusprojekt im „Treibhaus“ in den Ferien, wo die Kinder selbst jonglieren, Kunststücke oder Clownerie erlernen konnten, zunächst etwas Schwierigkeiten mit dem pünktlichen Beginn um 10 Uhr morgens gegeben. Nun gehe es so langsam, auch weil die Mädchen und Jungen inzwischen die Schule besuchten und dadurch einen regelmäßigen, strukturierten Tagesablauf hätten.

Sowohl Halling als auch Frank Böttcher vom Fahrradprojekt wünschten sich, dass auch die Eltern aus der Unterkunft ihre Kinder öfter in den Jugendtreff begleiten. „Damit sie sehen, was sie hier alles lernen können, wie sie mit den deutschen Kids spielen.“ Doch die Erwachsenen haben zurzeit andere Sorgen, sie müssen auf Behörden und Ämter, wissen nicht, wie es ihren Verwandten in der alten Heimat geht und was ihnen selbst die Zukunft bringen wird. Das ist belastend. „Deshalb sind viele froh, dass ihre Söhne und Töchter bei uns gut aufgehoben sind“, sagt der „Treibhaus“-Chef.

Die Artikelserie „Willkommen, neue Nachbarn!“ ist ein Gemeinschaftsprojekt von LiMa+ mit der FreiwilligenAgentur Marzahn-Hellersdorf, gefördert im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

 

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