Zwischen Stadt und Land

Mit dem Schlitten durch den Wald

15.01.2017, Marcel Gäding

Foto: Marcel Gäding

Als wir selbst noch Kinder waren – also vor gut 30 Jahren – gab es im Dorf einen alten, knorrigen Mann. Sein Gesicht war gezeichnet von Falten, die Bräune des Sommers hielt sich meist bis in die kalte Jahreszeit hinein auf seiner Haut. Jedes Mal, wenn wir morgens an der Haltestelle auf unseren Schulbus warteten, erschraken wir, wenn der Alte mit seinem rostigen Fahrrad in sich zusammengesunken an uns vorbeifuhr. Irgendwie flößte er uns Angst ein. Verstärkt wurde das dadurch, dass jener Mann ganz allein einen heruntergekommenen Bauernhof bewohnte. Unheimlich fanden wir das, was sich aber an einem kalten Wintertag schlagartig änderte. Über den Buschfunk sprach sich herum, dass der Alte alle Kinder aus dem Dorf nebst Eltern zu einer Fahrt mit dem Pferdeschlitten einlädt. Wir zögerten etwas, ließen uns aber vor lauter Abenteuerlust auf diese Tour ein, für die ein Zwischenstopp beim Förster geplant war. Der hatte ein großes Feuer im Wald entzündet, an dem wir uns aufwärmten. Der Alte ging als Held unserer Kindheit in unsere Erinnerungen ein.

Das war vor drei Jahrzehnten in einem kleinen Kaff nahe Neuruppin. Später, in Berlin, fuhren wir schon mal mit dem Schlitten die Hänge des Weinbergsparks in Mitte hinunter, machten den Kreuzberg oder den Grunewald unsicher. Es sollten aber viele, viele Jahre vergehen, bis wir – inzwischen erwachsen – mal wieder auf einem Schlitten sitzen würden.

Unser Nachbar, den wir seit unserem Umzug das Dorf irgendwo bei Storkow sehr schätzen und mögen, liebt den Schnee. Er kann es kaum erwarten, demnächst wieder nach Österreich zu fahren. Dort hat er die Garantie, dass Berge und Täler weiß bedeckt sind, was man von unseren Breitengraden nun wirklich nicht behaupten kann. Dieses Jahr aber meint Petrus es gut mit uns. Die Wälder, aus denen man nachts bei Vollmond das Heulen der Wölfe hört, sind zauberhaft winterlich. Und so kam jenem Nachbarn die Idee, eine Schlittentour durch den verschneiten Wald zu veranstalten. Mangels Pferde wurde das Quad – ein vierrädriges Motorrad – aus der Garage geholt. Ein paar Abschleppseile verbanden das Vehikel mit den hölzernen Schlitten. In dicke Schneeanzüge gepackt, nahmen wir Platz. Ein kurzer Ruck, los ging es. Ein Fahrer, ein Kind, fünf Erwachsene.

Natürlich waren die Schlitten für unsere in die Jahre gekommenen Körper viel zu klein. Es bedurfte schon einiger Verrenkungskunst, sich festzuhalten. Einige, wenige Male verloren wir im Wechsel den Halt und flogen im hohen Bogen in den Schnee, was unseren Fahrer veranlasste, auf die Bremse zu treten. Ging es weiter, johlten wir vor Freude. Hätte uns die Dunkelheit nicht überrascht, wären wir noch Stunden unterwegs gewesen. An diesem Sonntagnachmittag fühlten wir uns wie kleine Kinder und vergaßen, dass der Älteste von uns gerade seinen 40. Geburtstag feierte.

Nun schauen wir jeden Tag auf unsere Wetterapp. Hoffen, dass wieder Schnee fällt und recht lange liegen bleibt. Eine solche Wintergaudi wollen wir wiederholen. Nur das mit den viel zu kleinen Schlitten überdenken wir noch einmal. Einer von uns hat im Internet bereits eine Alternative gefunden. Große Schlitten für erwachsene Kinder, mit Lenkrad und Rückenlehne.

In seiner Kolumne „Zwischen Stadt und Land“ blickt unser Autor auf sein Leben zwischen den Welten. Er wohnt in einem Dorf bei Storkow und arbeitet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf.

Lesen Sie auch die bisherigen Kolumnen:

 

Diesen Artikel empfehlen

Facebook Share Twitter Share

Leserkommentare

Ihr Kommentar zum Thema

Bitte melden Sie sich an.



absenden