Jahresauftakt im Mies van der Rohe Haus am Obersee

Mies – Sitzen und Liegen

26.01.2018, Birgitt Eltzel

Fotos: Birgitt Eltzel

Alt-Hohenschönhausen. Der Titel der ersten Ausstellung im Mies van der Rohe Haus ist auf den ersten Blick zweideutig: “Mies – Sitzen und Liegen”. Dr. Wita Noack, die Leiterin des architektonisches Kleinodes am Obersee, schmunzelt. Doch es geht nicht um mieses Sitzen oder Liegen, sondern um den genialen Architekten Mies van der Rohe (1886–1969). Dieser entwarf bekanntlich nicht nur Gebäude wie das wunderschöne, schlicht-elegante eingeschossige Haus an der Oberseestraße, sondern auch zahlreiche Möbel, die längst Designklassiker sind.

Vier Doppelausstellungen und vier Symposien

Deshalb bestimmt das Thema „Sitzen und Liegen“ das Jahresprogramm 2018 des Kunst- und Ausstellungshauses. Mit Blick auf das 100-jährige Bauhausjubiläum im Jahr 2019 widmet sich die Reihe der Verbindung von Möbeldesign und Architekturgeschichte mit zeitgenössischer Kunst. In vier Doppelausstellungen und vier Symposien tritt letztere in den Dialog mit den von Mies van der Rohe entworfenen Möbeln. Die Themenreihe wird erstmalig in Kooperation mit dem Kunstgewerbemuseum gestaltet, in dessen Sammlungen sich die Möbel des Hauses Lemke befinden. Mies van der Rohe, letzter Bauhausdirektor, hatte das Gebäude für den Hohenschönhausener Druckereibesitzer Karl Lemke 1932/33 geschaffen, ebenso die Möblierung des Hauses.

Fotos in neuen Zusammenhang gebracht

Wie bereits von anderen Ausstellungen hier bekannt, geht auch die 2018er-Themenreihe stets vom Gebäude selbst aus, stellt es in Beziehung zu Designstücken und anderen Kunstwerken. Die vor wenigen Tagen eröffnete erste Doppelausstellung mit Sitzmöbeln Mies van der Rohes und der Exposition TABLE ROWING (Rudern an der Tischkante) des in Hamburg lebenden Fotokünstlers Peter Piller wird bis zum 1. April gezeigt. Zu sehen sind fotografische Werke, die Piller zum Thema nach Recherchen in verschiedenen Archiven und aus alten Zeitschriften und Werbeprospekten zusammengestellt hat – und damit in einen ganz neuen Zusammenhang bringt. Leitmotiv sind bekannte Mies-van-der-Rohe-Porträts, die den Architekten liegend oder sitzend zeigen. Die Einladungskarte zum ersten Symposium 2018 am 9. März, in dem es unter anderem um die Themen „Sitzen Frauen anders?“ und „Sedes Karoli – Herrschersitz oder Reliquienthron?“ geht, bildet auf der Vorderseite einen gemütlich auf einer Steinbank in der Sonne liegenden Mies ab, eine Zigarre rauchend. „Er war eben ein Genussmensch“, sagt Wita Noack dazu.

„Atmendes Haus“

Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke), zuständig auch für die Kultur im Bezirk, bezeichnet das Mies van der Rohe Haus als „atmendes Haus“. Damit meint er, dass es nicht wie andere Baudenkmale nur nach Anmeldung oder beim „Tag des offenen Denkmals“ besichtigt werden kann. Das einst von der DDR-Staatssicherheit als Wäschedepot, Hausmeisterwohnung, Küche und Lager zweckentfremdete Gebäude war in den Jahren 2001 bis 2002 für zwei Millionen DM vom Bezirk als Eigentümer denkmalpflegerisch saniert worden. 2003 wurde es öffentlich zugänglich. Betreiber ist der Verein Freunde und Förderer des Mies van der Rohe Hauses e.V.

Besucherzentrum ersehnt

Doch das einzige Wohnhaus, das Mies van der Rohe verwirklichte, ist als Ausstellungshaus inzwischen an seine Grenzen gekommen. Denn der Besucherstrom wird immer größer – im Vorjahr kamen mehr als 18.000 Gäste in das Gebäude mit nur 160 Quadratmetern Fläche. Insbesondere im Winter, wo nicht auf den Garten ausgewichen werden kann, gibt es manchmal ziemliches Gedränge. Deshalb strebt der Verein die Errichtung eines Besucherzentrums mit Empfang, aber auch Garderobe und Toiletten, einem Shop und einem Café sowie Büro- und Lagerräumen an. Die dann im Mies van der Rohe Haus freigewordenen Räume will man zur Erweiterung der Ausstellungsfläche nutzen. Einen Antrag in Höhe von zwei Millionen Euro hat der Bürgermeister, der das Projekt unterstützt, bereits beim Senat eingereicht. Nach dem guten Jahresabschluss 2017 will das Land Berlin nämlich mehr Geld als ursprünglich geplant aus dem sogenannten Siwana-Programm (Sondervermögen Infrastruktur der wachsenden Stadt) an die Bezirke verteilen.

Zeit für Debatte nehmen

Doch gebaut wird nicht sofort, sagt Grunst. „Es braucht erst einen Diskussionsprozess, wie und in welcher Form das geschehen soll. Ebenerdig oder unterirdisch? Dafür wollen wir uns Zeit nehmen“, so der Bürgermeister. Auch dazu soll in diesem Jahr noch ein Symposium „mit der Fachöffentlichkeit“ veranstaltet werden.

Das Mies van der Rohe Haus wird in vielen Architektur- und Stadtführern übrigens immer in Weißensee verortet. In solchen Büchern wurde Stadtgeschichte schlicht nicht aktualisiert: Als Mies am Obersee baute, zählte Alt-Hohenschönhausen zum Bezirk Weißensee. Doch das änderte sich mit dem Bau der Großsiedlung Neu-Hohenschönhausen und der Gründung des Bezirks Hohenschönhausen. Mit der Bezirksfusion im Jahr 2001 kamen Alt- und Neu-Hohenschönhausen dann zum Großbezirk Berlin-Lichtenberg.

Ausstellung „Mies – Sitzen und Liegen“, Mies van der Rohe Haus, Oberseestraße 60, 13053 Berlin. Geöffnet Di ­­– So von 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

 

 

 

 

 

 

 

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