Serie: Start-ups im Berliner Osten (1)

Von Marzahn bis zum Mond

10.11.2017, Angelika Giorgis

Noch Vision, ab 2019 womöglich Wirklichkeit: Ein in Marzahn gebautes Mondauto namens Audi lunar quattro. Fotos: Scientists

Marzahn. Wenige Meter von dem Ort entfernt, an dem Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All, und sein sowjetischer Weltraumkollege Waleri Bykowski im September 1978 die damalige Springpfuhlstraße in die Allee der Kosmonauten umtauften, arbeitet das Marzahner Start-up Part-Time Scientists daran, mit einer Rakete und zwei Mond-Rovern den Mond zu erkunden. Wenn alles so klappt, wie es das junge Team um Robert Böhme plant, startet die Mission 2019 und die Rakete bringt die Mond-Rover namens Audi lunar quattro an die Stelle, wo vor 50 Jahren, am 20. Juli 1969, die Mondlandefähre Eagle die Astronauten Armstrong und Aldrin während der Apollo-11-Mission als erste Menschen auf dem Mond absetzte. Was bisher nur staatlichen Weltraumagenturen mit Heerscharen an Mitarbeiten und milliardenschweren Budgets gelang, soll demnächst also von kleinen, dynamischen High-Tech-Firmen erreicht werden können.

Es begann wie in einem modernen Märchen: Böhme hatte 2009 einen Autounfall und bekam ein paar tausend Euro von der Versicherung. Er beratschlagte mit Freunden, die sich wie er in ihrer Freizeit für IT, Robotik, Raketentechnik und Weltraum interessierten, ob sie nicht am Google-Wettbewerb für die private Mondmission teilnehmen und die Versicherungssumme als Startgeld dafür investieren sollten. Sie gewannen den Wettbewerb und gründeten mit dem Preisgeld ihre Firma, damals noch als reine Freizeitforscher. Mittlerweile haben sie 18 Festangestellte und weitere 35 Teilzeit-Kollegen, auch aus Österreich und Frankreich.

Seit 2015 unterstützt Audi diese Mission. Das Mondauto „Audi lunar quattro“ ist vollgepackt mit neuesten Audi-Technologien. Ein Großteil der Bauteile wurden im 3D-Druckverfahren gefertigt und das Gewicht des Rovers von 45 auf 35 Kilogramm reduziert.

Als Dienstleister wollen die jungen Leute für eine Million Euro pro Kilogramm Material auf den Mond bringen. Zum Beispiel für die ESA, wenn diese ihre Vision von einem „Moon-Village“ Realität werden lässt. Dafür wäre dann auch ein Mobilfunknetzwerk nötig. Darum stieg Vodafone in diesem Jahr mit in das Projekt ein. Verhandlungen mit weiteren Medienpartnern laufen.

Doch bevor es soweit ist, gibt es noch viel zu tun. In den Hallen wird entwickelt und getestet. „Wir sind froh, dass wir alles inhouse machen können und die Wege kurz sind. Zudem haben wir hier in Marzahn eine günstige Miete“, sagt Karsten Becker. Der 36-jährige Lüneburger wohnt jetzt selbst in Marzahn.

Drohnen, die Strom „einfangen“

Ganz so hoch hinaus will Bernd Lau mit seinem Projekt nicht. Der ehemalige Ingenieur eines Aerospace-Unternehmens stellte sich und seine Praktikanten im Jahr 2009 die Frage, wie man aus Höhenwindenergie Strom gewinnen kann, denn in 300 Meter Höhe ist der Wind etwa zehnmal stärker als am Boden. Und er bläst kontinuierlicher. Damit könnte man in 95 Prozent der Zeit Strom erzeugen, anders als bei Windrädern, die nur zu 55 bis 60 Prozent ausgelastet sind. Aus dieser Überlegung heraus entwickelte sich das Projekt von windresistenten, kabelgebundenen Drohnen, die bei allen Wetterbedingungen – auch bei Naturkatastrophen – funktionieren.

Was anfänglich nur ein Hobby war, ist mittlerweile die Skypoint-e GmbH, ein Zwei-Mann-Betrieb. Lau, als Chef, und ein Teilzeit-Kollege. Manchmal knobeln auch Studenten mit. Sie haben viele Patente angemeldet und schließlich zwei verschiedene Geräte gebaut: eine Quadrocopter- und eine Aerostat-Version. Das Aerostat-Modell ist mit Helium gefüllt. Die Demonstrations-Objekte zeigen, dass das System funktioniert. Mit den Drohnen könnte man beispielsweise Tagebaue und Kraftwerksanlagen überwachen, bei Naturkatastrophen Funknetze schließen, aber auch Tiere auf der Weide oder selbstfahrende Landwirtschaftsmaschinen überwachen. Lau ist nun auf der Suche nach potenziellen Partnern. Sein Weg führte ihn auch mit der Delegation des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller vor kurzem nach Los Angeles. Gerade war er in China.

Lau hat sein Büro im Marzahner CleanTech Innovation Center CIC, ein Private-Public-Partnership-Projekt auf dem Gelände des econoparks Wolfener Straße. Die 330 Quadratmeter große Werkstatt, Teeküche und Lounge und den Konferenzraum teilt er sich mit sieben weiteren Teams, beispielsweise mit der indielux UG, die Photovoltaikanlagen für Balkone produziert und vertreibt. 99 Euro pro Monat muss ein Start-up dafür und für die Telekommunikations-Ausstattung in den ersten sechs Monaten zahlen. Danach steigt die Miete auf 129 Euro. Das CleanTech Innovation Center (CIC) ist spezialisiert auf Gründer aus dem Bereich der sauberen Technologien.

 

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